Aargauischer Gewerbeverband

«Das ist eine ganz besondere Ehre»: AGV-Präsident Schmid bläst zum Rückzug

Im Duett mit Alphornvirtuosin Lisa Stoll zeigte Kurt Schmid seine musikalische Begabung.

Im Duett mit Alphornvirtuosin Lisa Stoll zeigte Kurt Schmid seine musikalische Begabung.

AGV-Präsident Kurt Schmid tritt ab. Unter Lobeshymnen und Fanfaren. Benjamin Giezendanner tritt die Nachfolge an.

Ungläubig schaut Kurt Schmid um sich. Soeben ist die Alphornbläserin Lisa Stoll hinter dem schwarzen Vorhang verschwunden. Auf der Suche nach einem zweiten Alphorn, dem Alphorn des an diesem Donnerstagabend abtretenden Präsidenten des Aargauischen Gewerbeverbandes (AGV). Schmid steht also einen Augenblick allein im Scheinwerferlicht, für einige Sekunden um Worte verlegen. Was bei diesem schlagfertigen Mann eher selten vorkommt. Dann sagt er, fast schon ehrfürchtig: «Das ist eine ganz besondere Ehre, Lisa Stoll ist die beste Alphornbläserin der Schweiz.»

Der neue AGV-Präsident Benjamin Giezendanner, der abtretende Kurt Schmid und Vizepräsident Walter Häfeli (v.l.).

Der neue AGV-Präsident Benjamin Giezendanner, der abtretende Kurt Schmid und Vizepräsident Walter Häfeli (v.l.).

Im Duett mit der Alphorn- virtuosin darf er ein von ihm komponiertes Lied vortragen. Vor den Delegierten des AGV. Es ist ein persönliches Highlight und ein Geschenk seiner Vorstandskollegen. Ein Abschiedsgeschenk. Denn nach mehr als zwölf Jahren und aufgrund der von ihm initiierten Altersguillotine – im November 2019 beschloss der AGV-Vorstand, dass man mit 65 Jahren automatisch aus dem Führungsgremium ausscheidet – tritt Schmid an diesem Abend ab.

Und jetzt, fast drei Stunden nach Beginn der erstmals in Buchs ausgetragenen Delegiertenversammlung, hat er seinen letzten grossen Auftritt im AGV. Mit Inbrunst und Alphorn. Irgendwie passend für einen, der selten um einen Ton verlegen war. Wenn nötig auch einen lauten. So wie zuletzt, als die Credit Suisse bekannt gab, dass man die Neue Aargauer Bank (NAB) in die CS integriere, die Marke mit dem Aargau im Namen also einstampfe. Schmid sprach damals von einer Ohrfeige für den Kanton, bezeichnete den Entscheid als «kreuzfalsch und unverständlich».

«Du hast für den Verband und die KMU gelebt»

Es ist genau diese Geradlinigkeit, welche seine Weggefährten ungemein schätzen an ihm. Das kommt an diesem Abend mehrfach zum Ausdruck. Stellvertretend sei hier Landammann Markus Dieth zitiert: «Du hast dich nie vor Reibung gefürchtet, hast mit deinem Sachverstand, deinem Scharfsinn und manchmal auch deiner Ungeduld so manch ein Feuer entfacht.»

Um pointierte Aussagen war Schmid selten verlegen. Zugleich hat er es verstanden, zu einen und zu schlichten. Er hat den Gewerbeverband in einer Phase übernommen, in dem Gewerbevereine austraten und die Finanzen diffus waren. Ganze 30 Jahre war er im Vorstand des AGV, zwölf Jahre dessen Präsident. In dieser Zeit hat er den Verband zu neuer Stärke geführt, zu einer politischen Macht geformt. «Du hast für den Verband und die KMU gelebt», sagte Vizepräsident Walter Häfeli. Und kurz darauf verliehen die Delegierten Schmid die Ehrenpräsidentschaft. Einstimmig.

Der oberste Gewerbler liebäugelte mit einem Ja

Irgendwie passt das. Denn wie sehr Schmids jahrelanges Wirken den Verband geeint hat, zeigte sich an diesem Abend beispielhaft. Alle Entscheide an diesem Abend wurden einstimmig gefällt. Die Wahl seines Nachfolgers, SVP-Nationalrat Benjamin Giezendanner, genauso wie die Parolenfassung für die kommenden Abstimmungen.

Selbst bei der Konzernverantwortungsinitiative (KVI) herrschte traute Einigkeit. Dabei hätte man hier durchaus Kontroverse erwarten können. Mitte August liebäugelte Hans- Ulrich Bigler, der oberste Gewerbler der Schweiz, mit einem Ja zur Initiative. Und für diesen Abend in Buchs lud man mit CVP-Nationalrätin Marianne Binder und Grünen-Nationalrätin Irène Kälin sowohl eine KVI- Gegnerin als auch eine Befürworterin ein.

Kontroverse? Im Gegenteil, ein klares Nein zur KVI

So engagiert sich Kälin zeigte, so sehr sie betonte, dass die KMU von der Initiative ausgenommen seien, am Ende erlitt sie bei den Aargauer Unternehmern eine schmetternde Niederlage. Einstimmig empfahlen sie die KVI zur Ablehnung. Bei einer einzigen Enthaltung. Genauso deutlich das Nein zur Kriegsgeschäfteinitiative der GSoA.

Kompletter Regierungsrat ist dabei

Und ja, Kurt Schmid war auch an diesem Abend nicht um klare Worte verlegen. Bei den Unternehmenssteuern sei man Schlusslicht von allen Kantonen. «Das passt uns nicht», wandte er sich direkt an die komplett anwesende Regierung und im Speziellen an Volkswirtschaftsdirektor Urs Hofmann. Genauso die geplante Erhöhung der Lehrerlöhne, die Kosten von rund 70 Millionen für den Kanton zur Folge habe. «In der Wirtschaft wird es keine Lohnerhöhungen geben. Darum erwarte ich, dass man auch bei den Staatsangestellten Zurückhaltung übt.»

Mit dieser Geradlinigkeit hat es CVP-Mann Schmid geschafft, weit über die Parteigrenzen hin­aus Sympathien zu gewinnen. Es kommt nicht von ungefähr, dass der komplette Regierungsrat bei seinem Abschied dabei ist. Und neben dem gemeinsamen Auftritt mit und einer Privatlektion bei Lisa Stoll vom Vorstand, erhielt Schmid so viele Geschenke, dass er wohl noch Wochen braucht, um alles zu überblicken.

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