Es fängt draussen an, am Rand einer schmalen Strasse, dort ist eine Fassade zu sehen, und sie passt nicht so recht nach 1780, sondern eher nach 1980.

Das ist die Werkstatt von Kurt Gautschi, Restaurator und Möbelbauer, der hier hobelt und sägt, mit Maschinen aus den Dreissigerjahren, weil sie noch laufen wie geschmiert. Gautschi baute vor 20 Jahren diesen Kuhstall um zu seinem Atelier, Hobelspäne liegen am Boden und es riecht nach Holz. Er sagt, er hauche gefällten Bäumen neues Leben ein.

Ein alter Citroën

In der Werkstatt gibt es auch ein kleines Büro mit einem militärgrünen Telefon mit Druckknöpfen, hier stehen antike Spielzeugautos hinter Glas, eine griechische Statue darauf, eine Pendeluhr hängt an der Wand, der Parkettboden ist selbst gemacht.

Und draussen vor der Tür steht dieser Citroën Large aus dem Jahr 1947, in alten Filmen fahren jeweils die Gangster in solchen Autos herum. Auch dieser Citroën läuft und läuft.

«Alles, was alt ist, läuft», sagt Kurt Gautschi. Für die Gautschis ist dieser Citroën das Familienauto, der jüngste Sohn hat schon mit 12 angefangen, daran herumzuschrauben. Das führte dazu, dass der Citroën heute aussieht, als hätte ihn die Fabrik erst gestern ausgeliefert.

Über der Werkstatt liegt Gautschis Ausstellungsraum. Dort stehen seine geschreinerten Tische und Stühle sowie Schränke. Dahinter liegt das Holzlager. Von dort gehen Zimmer ab, in den alten Taubenschlag, in die alte Heubühne. Von den Zimmern geht es in weitere Zimmer. Das ist sehr verwirrend. Irgendwann hat man das Gefühl, als würde dieses Haus wachsen wie eine Pflanze. Als könnte man weggehen, ein Jahr später zurückkommen und dann hängt an jedem Raum ein neuer dran.

Sein ganzes Leben hier verbracht

Früher gehörte das Bauernhaus dem Bierbrauer-Schüggu. Dieser hatte eine soziale Ader und verkaufte das Haus Gautschis Grossmutter, die es sich mit ihren elf Kindern eigentlich nicht hätten leisten können. Das war 1939, und wem das Haus vor dem Bierbrauer-Schüggu gehört hatte, ist nicht bekannt. Kurt Gautschi verbrachte sein ganzes Leben hier, und zwischen diesen Wänden legt er den Hammer nie aus den Händen. «So ein altes Haus, das lebt», sagt er. Es ist immer mal wieder für eine Überraschung gut. Als Gautschi das Täfer im Esszimmer herunterriss, kam eine Wand aus gestämmtem Holz zum Vorschein, 233 Jahre alt.

Kurt Gautschi hat eine Zeit lang nachts von einem Toten geträumt, da unten im Gewölbekeller, unter Küche und Esszimmer, wo früher Kabis, Kartoffeln und Rüebli gelagert waren, wo Brot und Salami an Haken hingen. Ruth Gautschi sagt, man müsse mit den Leuten reden, auch mit den Toten, ihnen sagen, es sei Zeit zum Weitergehen, alte Sachen hinter sich lassen. Und so hörten dann Kurts böse Träume auf.

Reisen in die USA

Hinter diesem Haus, an einem Hügel, hat Kurt Gautschi einen Hollywood-Schriftzug hingebaut – als Erinnerung an seine früheren Reisen durch die USA. «Hollywood bedeutet Stechpalmenholz», sagt er, «aber das weiss so gut wie niemand.» Der Schriftzug ist nicht ganz so gross wie das Original, aber trotzdem ist jeder Buchstabe so hoch wie ein Mensch.

Dies ist das Einzige an diesem Haus, das nicht zu leben scheint. Es ist das Einzige, das bröckelt und zerfällt. Wind und Regen haben dazu geführt, dass das weisse Styropor verwittert ist. Es leuchtet nicht mehr schön, und es sieht müde aus. «Dieses Hollywood ist sehr vergänglich», sagt Kurt Gautschi, sich an der Wange kratzend. Und er wirkt plötzlich ein wenig nachdenklich.