Rentabel sind die wenigsten Bus- und Bahnlinien. Gelder von Kanton und Gemeinden stellen sicher, dass auch in abgelegene Gebiete gelangt, wer mit dem öffentlichen Verkehr unterwegs ist. Je nach Strecke fliessen mehr oder weniger öffentliche Gelder.

Eine Liste, die der Zürcher Regierungsrat jüngst für die Linien im Zürcher Verkehrsverbund veröffentlichte, zeigt: Die Unterschiede beim Kostendeckungsgrad sind gross. Und: Nur 26 von 396 Linien sind rentabel; bei den übrigen wird mit Steuergeldern nachgeholfen. Doch wie sieht die Situation auf den Aargauer Linien aus?

Die Verkehrsbetriebe reichen dem Kanton Jahr für Jahr die detaillierten Zahlen ein. Eine Umfrage unter ihnen zeigt allerdings: Rausrücken wollen sie die Daten nicht. Postauto und SBB verweisen an den Kanton – dieser sei als Besteller der Leistungen auch Auskunftgeber.

Ähnlich tönt es beim Regionalbus Lenzburg. Geschäftsführer René Bossard: «Das Thema birgt Zündstoff. Es ist deshalb nicht sinnvoll, dass jedes Unternehmen die Zahlen einzeln publiziert.»

Die grosse Zurückhaltung erklärt er sich damit, dass die Informationen in der politischen Diskussion heikel seien, weil sie als Argument für den Abbau von vermeintlich unwirtschaftlichen Verbindungen genutzt werden könnten.

«Der Kostendeckungsgrad sagt jedoch für sich alleine nichts darüber aus, ob auf einer Linie das Optimum herausgeholt wird», sagt Bossard. Die Effizienz sei bei den Verkehrsbetrieben in den letzten Jahren ständig gestiegen. «Den Druck vom Kanton spüren wir stark.»

Ein sensibles Thema, sagt auch Severin Rangosch, CEO der BDWM Transport AG, die unter anderem die Buslinie Wohlen–Meisterschwanden betreibt. «Wir machen Angaben zum Kostendeckungsgrad nicht öffentlich, da sie ohne detaillierte Erklärung schnell zu Missverständnissen führen können.»

Entwicklung der Kostendeckung der öV-Linien im Aargau

Entwicklung der Kostendeckung der öV-Linien im Aargau

Weil eine der Linien von Bremgarten ins zürcherische Dietikon führt, ist die BDWM auf der Zürcher Liste als einziger Aargauer Betrieb aufgeführt. 45,1 Prozent beträgt demnach der Kostendeckungsgrad der Linie S17 für das Jahr 2013. Rangosch sagt, er wisse nicht, wie in diesem konkreten Fall die Zahlen berechnet worden sind.

Weil mehrere Faktoren einen Einfluss auf die Höhe der gedeckten Kosten hätten – beispielsweise der Kauf neuer Fahrzeuge –, lasse sich aus einem tiefen Kostendeckungsgrad nicht automatisch ableiten, dass ein Unternehmen schlecht wirtschafte oder eine Linie unrentabel wäre.

Allgemein zur Finanzierung des öffentlichen Verkehrs sagt er: «Im Regionalverkehr würden ohne öffentliche Gelder kaum so viele Züge oder Busse fahren. Deren Finanzierung ist darum gesetzlich geregelt als Service public.» Die BDWM erbringt Leistungen im Auftrag des Bundes und des Kantons. Deshalb werde sein Unternehmen auch nicht eigenmächtig Zahlen zu den einzelnen Linien veröffentlichen.

Das tut AAR bus+bahn genauso wenig, dafür nennt Sprecher Erwin Rosenast auf Anfrage die Kostendeckungsgrade der Wynental- und Suhrentalbahn AG (48 Prozent) und der Busbetrieb Aarau AG (56 Prozent). Bei den Regionalen Verkehrsbetrieben Baden-Wettingen (RVBW) liegt dieser Wert bei rund 53 Prozent.

Den Kostendeckungsgrad auf die einzelnen Linien herunterzubrechen, hält Direktor Stefan Kalt für wenig aussagekräftig – insbesondere bei städtischen Betrieben. Der Grund: Löst ein Fahrgast ein Zonenbillett, geht daraus nicht hervor, welchen Bus er in der Folge nimmt. Deshalb liegen der Berechnung Erfahrungswerte zugrunde – «keine Wissenschaft», wie Kalt sagt. «Daraus ergibt sich eine gewisse Zufälligkeit.»

Beim zuständigen kantonalen Verkehrsdepartement heisst es: «Die Zahlen zu den einzelnen Linien machen wir nicht öffentlich.» Sprecher Benno Schmid erklärt diesen Entscheid mit einer drohenden Wettbewerbsverzerrung: Würde eine Linie neu ausgeschrieben, hätte ein Mitbewerber Kenntnis der Kosten und Ertragswerte des bestehenden Betreibers und somit einen Wettbewerbsvorteil. Dazu komme, dass die Zahlen nur bedingt aussagekräftig seien, weil sie von Jahr zu Jahr stark schwanken könnten. So kann eine Linie deutlich unrentabler werden, weil neues Rollmaterial angeschafft worden ist oder das Wetter weniger Ausflugsfahrgäste gebracht hat.

Die einzigen Zahlen, die das kantonale Departement öffentlich macht, sind die Kostendeckungsgrade aufgeschlüsselt nach den Verkehrstypen. Am besten schneidet dabei die Normalspurbahn ab (SBB): 54 Prozent der Kosten können durch die Einnahmen von Abos und Billetten gedeckt werden. Bei den Bussen mit 43 bzw. den Schmalspurbahnen (WSB, BDWM) mit 41 Prozent ist der Wert deutlich tiefer. Der Wert hängt dabei aber nicht nur von Billettpreisen und Auslastung der Züge und Busse ab, sondern auch von weiteren Faktoren wie dem Einsatz von neuem Rollmaterial oder höheren Anforderungen bei Komfort oder Sicherheit. Mehr ist beim Kanton nicht in Erfahrung zu bringen.

Die fehlende Transparenz stösst auf Kritik. Kein Verständnis für «das Versteckspiel» hat Thierry Burkart. Der FDP-Nationalrat und TCS-Aargau-Präsident verweist auf das Öffentlichkeitsprinzip: «Die Zahlen müssen offengelegt werden.»

Burkart sass knapp 15 Jahre im Grossen Rat, in dieser Zeit habe er nie Einblicke in die Daten gehabt. Dabei seien diese eine wichtige Grundlage, um politische Entscheide zu treffen. «Grossräte müssen wissen, worüber sie diskutieren.» Die Ängste vor einem Abbau seien unbegründet: «Schliesslich ist allgemein bekannt, dass der öffentliche Verkehr nicht kostendeckend betrieben werden kann.»

Gleicher Meinung ist Jürg Caflisch: «Daraus sollte man kein Geheimnis machen. Über die Zahlen muss diskutiert werden können, man soll mit ihnen aber vernünftig umgehen.» Der SP-Grossrat und VCS-Aargau-Präsident warnt davor, «Linien zu kappen, die einen tiefen Kostendeckungsgrad aufweisen». Tendenziell gelte: je weiter auf dem Land, desto schlechter die Auslastung. «Ich fände es problematisch, wenn die kleineren Gemeinden vom öffentlichen Verkehr abgeschnitten würden, nur weil die Verbindungen dorthin nicht rentieren.»