Historischer Roman
«Das Geheimnis der Äbtissin» – Hinrichtung und ein doppelter Fluch

Der historische Kurzroman spielt in den letzten Tagen der Habsburgerherrschaft. Er beginnt mit einer Hinrichtung in Königsfelden. In 12 Kapiteln erzählt er, wie drei Aargauer in Konstanz den Papst treffen wollen - und dabei in Lebensgefahr geraten.

Monika Küble und Henry Gerlach
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Die Klosterkirche Königsfelden. Hier beginnt die Geschichte von Henmann von Mülinen, der von der Äbtissin Elisabeth einen verhängnisvollen Auftrag erhält. sandra Ardizzone

Die Klosterkirche Königsfelden. Hier beginnt die Geschichte von Henmann von Mülinen, der von der Äbtissin Elisabeth einen verhängnisvollen Auftrag erhält. sandra Ardizzone

Sandra Ardizzone

Folge 1:

Der 1. November 1309 war ein sonniger Tag. Zu sonnig, um zu sterben. Viel zu sonnig, um so grausam zu sterben. Zwischen Brugg und Windisch, zwischen Aare und Reuss, mitten auf einem Feld, sollte an diesem Tag ein Mann hingerichtet und aufs Rad geflochten werden – die schändlichste aller Strafen.

Prolog: Der Fluch von Königsfelden

Folge I des Romans führt als Prolog ins Jahr 1309 und ist nichts für schwache Gemüter. Denn hier wird die brutale Hinrichtung des Königsmörders Rudolf von Wart geschildert, der vom Henker aufs Rad geflochten wird. Gnade gibt es nicht, die beiden Königinnen Agnes und Elisabeth wollen Rache, die sie auch erhalten – aber sie ernten auch einen doppelten Fluch.
Folge II (erscheint morgen) spielt im Jahre 1415; Henmann von Mülinen greift ins Geschehen ein.

Viele Menschen waren zusammengeströmt, um den Tod des Königsmörders zu erleben. Freiherr Rudolf von Wart hatte zusammen mit weiteren Verschwörern am 1. Mai des vorangegangenen Jahres genau hier den römischen König Albrecht aus dem Hause Habsburg umgebracht. Als der Mörder versucht hatte zu flüchten, war er erkannt und gefangen genommen worden.

Zwei Frauen sahen nun voller Genugtuung, eine dritte voller Entsetzen, wie der Delinquent in Begleitung einiger Stadtknechte von einem Pferd herangeschleift wurde. Die Entsetzte, seine Ehefrau Gertrud von Wart, warf sich vor den anderen beiden zu Boden.

«Königin Elisabeth! Königin Agnes! Ich bitte Euch, hohe und milde Frauen, verschont meinen Mann! Er bereut seine Tat. Nehmt all sein Eigentum in Euren Besitz, sperrt ihn in den Kerker, aber ich bitte Euch, lasst ihm sein Leben!»

Elisabeth, die Witwe des ermordeten Königs, wandte sich ab, ohne ein Wort zu sagen, doch ihre Tochter Agnes stand Rede und Antwort.

«Er ist ein Königsmörder, Ihr wisst selbst, dass seine gerechte Strafe nur der Tod sein kann.»

«Aber er hat den König nicht allein umgebracht! Er war nur der Handlanger des königlichen Neffen, Johanns von Schwaben!»

Agnes lachte bitter auf. «Johann, mein Vetter! Ein junger Dummkopf, ein Heisssporn! Euer Mann war der Ältere, er hätte es besser wissen müssen!»

Da wandte sich Gertrud weinend an Elisabeth, die mit unbewegtem Blick auf den Gefangenen sah. Der wurde nun vom Henker für das Rädern bereitgemacht.

«Im Namen der Heiligen Muttergottes, Königin Elisabeth, auch Ihr seid eine Mutter, ich flehe Euch an, nehmt nicht meinen Kindern den Vater!»

Elisabeth antwortete, ohne die Flehende anzusehen: «War König Albrecht kein Vater? Seine Tochter steht neben Euch!»

«Königin Agnes, ich bitte Euch, im Namen aller Heiligen, lasst Gnade walten!»

Inhaltsangabe zu «Das Geheimnis der Äbtissin»

Die gefährliche Mission des Henmann von Mülinen

Der Roman beginnt mit der Hinrichtung des Königsmörders am 1. November 1309 auf einem Feld zwischen Brugg und Windisch. Gut 100 Jahre später, im Februar des Jahres 1415, macht sich der Hofmeister des Klarissenklosters Königsfelden, Henmann von Mülinen, auf den Weg vom Aargau nach Konstanz. Dort findet ein Konzil statt – König und Papst, Kardinäle, Bischöfe und Adlige aus aller Herren Ländern sind anwesend. Das grosse Schisma der katholischen Kirche mit drei Päpsten soll beendet werden. Henmanns Reisegefährte ist der Vogt von Baden, Ulrich Klingelfuss. Der will sich mit seinem Herrn, dem Habsburger Herzog Friedrich treffen, während Mülinen vom Papst ein Privileg für das Kloster Königsfelden erlangen möchte.

Die Reise gestaltet sich jedoch schwierig, denn die beiden Männer können sich nicht ausstehen, es ist Winter und der Weg gefährlich. Zu allem Übel trifft Mülinen unterwegs auch noch Heinrich Gessler, der mit dem Kloster Königsfelden und seiner schönen Äbtissin eine erbitterte Feindschaft pflegt. Gessler versucht, mit allen Mitteln zu verhindern, dass Mülinen seinen Auftrag erfüllen kann. Und auch in Konstanz läuft nichts so, wie Mülinen es sich vorgestellt hat. Als alles verloren scheint, ist es der viel geschmähte Ulrich Klingelfuss aus Baden, der vielleicht die Rettung bringen kann. Doch die Welt ist aus den Fugen geraten und die Machtverhältnisse ändern sich von einem Tag auf den andern.

Die wichtigsten Personen

- Henmann von Mülinen: Hofmeister des Klosters Königsfelden, Ritter und Burgenbesitzer
- Elisabeth von Leinigen: Äbtissin des Klosters Königsfelden, Verwandte des Habsburgerherzogs Friedrich IV. von Österreich
- Margarethe von Grünenberg: Ehemalige Äbtissin des Klosters Königsfelden
- Ulrich Klingelfuss: Habsburgischer Vogt von Baden im Aargau, neureicher Stadtbürger, Henmanns unfreiwilliger Weggefährte
- Heinrich Gessler von Brunegg: Adliger Burgenbesitzer, habsburgischer Dienstmann, Henmanns skrupelloser Gegenspieler
- Poggio Bracciolini: Florentinischer Renaissancehumanist, korrupter Papstsekretär
- Papst Johannes XXIII.: Mächtigster der drei Päpste des Schismas; einziger Papst, der zum Konzil kam
- Herzog Friedrich IV. von Österreich: Habsburgischer Landesherr im Aargau und Thurgau

Tränenüberströmt versuchte Gertrud ein letztes Mal, die Königinnen milde zu stimmen. «Wenn Ihr Rudolfs Leben nicht schonen wollt, dann bitte ich Euch nur um eines: Lasst ihn nicht so schmachvoll sterben. Richtet ihn durch das Schwert und bindet ihn nicht auf das Rad! Mein Mann ist doch von Adel!»

Da rief Elisabeth laut: «Henker, fang an!»

Während die Umstehenden die Schreie des Gemarterten mit lautem Johlen begleiteten, hielt seine Frau sich die Ohren zu. Erst als der Henker mit dem letzten Radstoss auf den Hals des Verurteilten die Qual beendet hatte, verstummten die Menschen angesichts seines grauenvollen Todes. Gertrud liess langsam die Hände sinken. In ihr war etwas zerbrochen.

Als Agnes sie ansah, erkannte sie voller Schrecken, dass diese Frau nicht mehr dieselbe war wie zuvor. In ihren Augen nahm sie nicht mehr Angst, Trauer oder Schrecken wahr, sondern Wut und Wahnsinn.

Gertrud starrte sie direkt an, dann stiess sie hervor: «Ich verfluche Euch, Agnes, und Euch, Elisabeth! Ich verfluche das Haus Habsburg und das Kloster, das ihr bauen werdet. Gott möge diesem Ort seine Gnade versagen, so wie Ihr sie meinem Gatten versagt habt. Dieser Tag möge Eurem Haus und diesem Kloster zum Unglück gereichen! Es soll ein verfluchter Tag sein!»

6. Februar 1415

Henmann von Mülinen ging langsam das Seitenschiff der Kirche entlang. Durch die farbigen Glasfenster fiel im Süden die Nachmittagssonne herein und zauberte einen flimmernd bunten Teppich auf den Steinboden. Er betrachtete die Habsburger und die Heiligen, die in den Scheiben dargestellt waren. Unter einem Fenster, in dem zwei Frauen nebeneinander knieten, blieb er stehen.

Fortsetzung folgt...

Der Lesegenuss zum Ferienbeginn

Zum Ferienbeginn bietet die Aargauer Zeitung ihren Leserinnen und Lesern einen besonderen Genuss: Täglich erscheint eine Folge des historischen Kurzromans «Das Geheimnis der Äbtissin». Der Roman wurden von den beiden Autoren Monika Küble und Henry Gerlach exklusiv für die az geschrieben.

Die Geschichte spielt im Jahre 1415 im Aargau. Sie beginnt in Königsfelden und endet am Konzil in Konstanz, nur wenige Wochen bevor die Eidgenossen in den Aargau stürmen. Der Roman entstand auf Initiative des Museums Aargau und des Historischen Museums Thurgau. Der Kurzroman ist auch ein Beitrag zum Gedenkjahr 1415–2015 und erzählt anhand einer anschaulichen Geschichte, was sich vor 600 Jahren, kurz vor dem Einmarsch der Eidgenossen, im und rund um den Aargau abgespielt hat. Das Konstanzer Konzil hat dabei eine wichtige Rolle gespielt.

Von 1414 bis 1418 war die Stadt am Bodensee das Zentrum der christlichen Welt; die Einwohnerzahl schwoll von 7000 auf über 70'000 an; rund 800 Huren sollen sich mit den vielen Gesandten beschäftigt haben. Während der nächsten zwei Wochen wird täglich eine Folge des Kurzromans in der AZ veröffentlicht. Wer eine Folge verpasst, muss sich nicht grämen: Auch auf www.aargauerzeitung.ch wird der Roman zu lesen sein. Die Fortsetzung der Geschichte mit den Folgen des Konzils und dem weiteren Schicksal von Henmann, Klingelfuss und der Äbtissin wird im Herbst in den Thurgauer Medien erscheinen. Autorenduo aus Konstanz Monika Küble und Henry Gerlach haben bereits gemeinsam den historischen Roman «In Nomine Diaboli» verfasst, der ebenfalls zur Zeit des Konstanzer Konzils spielt. Deshalb waren sie für Martina Huggel vom Museum Aargau die ideale Besetzung für den historischen Kurzroman mit Aargauer Touch. Gerlach ist Konzilsexperte; Küble die Schriftstellerin.

Gemeinsam haben die beiden Handlung und Figuren entwickelt. Dann hat Monika Küble geschrieben und Henry Gerlach überprüft und gegengelesen; Monika Küble hat dann wiederum allfällige Anpassungen vorgenommen. Ebenfalls berücksichtigt wurden die Kommentare der Erstleser aus den beiden Museen und der AZ. Und was wussten die beiden vom Aargau? «Für mich war der Aargau Neuland», erklärt Monika Küble, die auch Kriminalromane und über Kunstgeschichte schreibt. Henry Gerlach hingegen hat sich gründlich mit dem Aargau befasst. So war er auch Teilnehmer am Symposium auf der Lenzburg, das sich mit der Planung des Gedenkjahres 2015 befasst hat. Er gilt als ausgewiesener Kenner des Konstanzer Konzils 1414–1418.

Beim Schreiben haben sich die Autoren streng an die Fakten gehalten: «Die Figuren sind historische Personen, die alle damals die beschriebenen Funktionen innehatten», erklärte Monika Küble. Ihre persönlichen Eigenschaften und Beziehungen verdanken sie indes der künstlerischen Freiheit der Autoren. Auch die Hintergründe sind historisch verbrieft. Schreibenderweise haben die beiden Autoren aus Konstanz den Aargau schätzen gelernt. Sie sind so angetan, dass sie vom 17. bis zum 20. Juli eine viertägige Aargauer Reise anbieten. Die Nachfrage sei erfreulich, sagt Küble.

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