Aargauer Liebesgeschichten
Das Fräulein mit dem roten Hütchen hat ihn nie mehr losgelassen

Erich und Gertrud Brunner aus Baden feiern im September die diamantene Hochzeit. Die Eltern von Stella Palino erzählen, wie sie sich vor mehr als 60 Jahren kennen gelernt haben und was das Erfolgsrezept ihrer Beziehung ist

Claudia Meier
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Aargauer Liebesgeschichten: Erich und Gertrud Brunner aus Baden

Aargauer Liebesgeschichten: Erich und Gertrud Brunner aus Baden

Alex Spichale
Vor fast 60 Jahren gaben sie sich das Ja-Wort: Gertrud und Erich Brunner auf dem Hochzeitsfoto von 1955.

Vor fast 60 Jahren gaben sie sich das Ja-Wort: Gertrud und Erich Brunner auf dem Hochzeitsfoto von 1955.

Zur Verfügung gestellt

Die Aufbruchsstimmung erlebte die Nachkriegsgeneration neugierig und erwartungsvoll. Unbändig war der Drang auf Neues, heisse Musik und gute Unterhaltung. Vergessen die Ängste und Entbehrungen der düsteren Jugendjahre. Man traf sich zum Swing mit Beat Jud in der «Linde» in Baden und zum Tango mit den Violantas im «Winkelried» in Wettingen.

Alles begann für den Wettinger Erich Brunner und die Mellingerin Gertrud Bertschi an einem Abend im November 1954 in der «Linde»: Die 21-jährige Gertrud war wie immer in Begleitung ihrer Tante oder Mutter unterwegs. «Erich gefiel mir mit seinen blauen Augen auf den ersten Blick», erzählt sie.

Er erinnert sich, wie ihn ihr wunderschönes, braunes Augenpaar, das sich den ganzen Abend auf ihn richtete, verwirrte. Der 23-Jährige war fasziniert von der zierlichen jungen Frau mit der dunklen Stirnlocke.

Tanz am Maskenball

Zwei Monate später war Maskenball im «Winkelried»: Erich erkannte die «Grazie von damals» sofort wieder. Seine Kollegen liess er links liegen, um den ganzen Abend mit Gertrud, die ihre Maske längst abgelegt hatte, eng umschlungen zu tanzen. Immer wieder tiefe Blicke, kaum ein Wortwechsel und schwitzende Hände. Erich führte Gertrud anschliessend mit seiner Vespa nach Hause. Dort nahm er allen Mut zusammen und fragte sie nach einem Foto. Das Bild, das er damals geschenkt bekam, hütet er bis heute wie ein Schatz.

Gertruds Foto wärmte Erichs Herz und machte den anstehenden Militärdienst bei eisiger Kälte etwas erträglicher. Sechs Wochen hatte er Zeit, seine Gedanken zu ordnen. Für ihn war klar: Ich liebe diese Frau und will sie kennen lernen. Nach WK-Ende legte der Zug auf der Heimfahrt am Bahnhof Baden-Oberstadt einen Zwischenhalt ein: Als Erich seine Flamme mit einem roten Hütchen auf dem Perron entdeckte, gab es kein Halten mehr.

Mit Sack und Flinte rannte er aus dem Zug. Sie hielt ihm die Hände entgegen. «Ich habe Gertrud seither nie mehr losgelassen», bekräftigt Erich Brunner am Stubentisch in der stilvoll eingerichteten Wohnung in Baden ihre gemeinsame Verbundenheit.

Eltern von Stella Palino

Ein halbes Jahr später, im September 1955 gaben sich die gelernte Coiffeuse und der Sanitärinstallateur im romantischen Bergkirchlein von Habkern, ihrem Heimatort im Berner Oberland, dann das Ja-Wort. Dem Ehepaar Brunner, das am 24. September die diamantene Hochzeit feiern wird, wurden seither zwei Söhne, eine Tochter und fünf Enkelkinder geschenkt. «Heute sind es nun zwei Töchter und ein Sohn», fährt Erich Brunner fort. Der zweitälteste Sohn, Marc «Palino» Brunner, hat sich vor einigen Jahren für das Frausein entschieden und geht seither als Stella Luna Palino durchs Leben.

Erich und Gertrud Brunner meisterten in den letzten 60 Jahren alle Höhen und Tiefen. Was ist ihr Erfolgsrezept? «Die grosse Liebe und Treue, der gegenseitige Respekt sowie ein Urvertrauen», sind sie sich sofort einig. Gertrud Brunner betont: «Wir konnten uns immer zu 100 Prozent aufeinander verlassen.» Auch wenn sie nicht immer derselben Meinung waren, haben sie nie ernsthaft miteinander gestritten. Vielmehr sei es darum gegangen, dass beide ihre Sicht der Dinge darlegten. Dann sprachen sie so lange miteinander, bis es einen Kompromiss gab.

Schweiz für 10 Jahre verlassen

Eine solche Vereinbarung war auch nötig, als Erich nach 42 Jahren Berufsleben – vom Lehrling zum Prokuristen – an einem Burnout erkrankte. Es wurde höchste Zeit, im Leben etwas Grundlegendes zu ändern. Brunners planten und bauten in Spanien eine Liegenschaft mit 20 Aren Umschwung und kehrten der Schweiz für zehn Jahre den Rücken. In ihrem Leben sei viel Unvorhergesehenes passiert, räumt Erich Brunner ein. Doch immer gab es eine glückliche Fügung, sodass am Schluss alles gut aufging. «Gott sei Dank!»

Erich malt für seine Frau

Im Jahr 2000 kehrte das Ehepaar Brunner von Spanien nach Baden zurück. Mit der Wohnung neben dem Alten Stadtfriedhof schloss sich für Erich der Kreis. «Hier unten im Park ist mein Zwillingsbruder, der drei Tage nach unserer Geburt starb, begraben», sagt er nachdenklich, als er für das Fotoshooting den Balkon betritt. In den letzten Jahren haben sich bei ihm und seiner Ehefrau gesundheitliche Beschwerden bemerkbar gemacht, doch die Liebe füreinander hat darunter nicht gelitten: Sie stehen einander bei und machen so viel wie möglich gemeinsam. Wenn es ums Essen geht, rüstet sie und er kocht. Vor sieben Jahren, als bei Gertrud ein Krebsleiden diagnostiziert wurde, begann Erich mit Aquarell-Rosenmalen. Gertrud wünschte sich irgendwann eine violette Rose, natürlich malte er sie. Dieses Werk und viele weitere Rosen-Bilder schmücken die Wohnung.

Bei aller Dankbarkeit für das gemeinsame Leben, schwingt die Angst vor dem Partnerverlust mit. «Unsere Hände finden sich glücklicherweise noch immer jeden Tag», sagen sie und strahlen. «Aber das Schönste war und ist», sagt Erich zuletzt und schmunzelt, «dass ich das Fräulein mit dem roten Hütchen je getroffen habe.»

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