Kurt Schmid

«Das darf so nicht passieren»: Der oberste Aargauer Gewerbler über Wahldebakel, Parteipolitik und Zukunftspläne

Gewerbe-Präsident Kurt Schmid sieht die Nachfolgeregelung als grösste Herausforderung für die Aargauer Firmen – es brauche mehr Frauen im Unternehmertum, sagt er.

Gewerbe-Präsident Kurt Schmid sieht die Nachfolgeregelung als grösste Herausforderung für die Aargauer Firmen – es brauche mehr Frauen im Unternehmertum, sagt er.

Kurt Schmid (55, CVP) präsidiert den Aargauischen Gewerbeverband, der heuer sein 125-jähriges Bestehen feiert. Im Interview spricht unter anderem auch über seine Leidenschaft für das Alphorn.

Kurz nach 10 Uhr am Sitz des Aargauischen Gewerbeverbandes: Kurt Schmid kommt aus dem Sitzungszimmer und empfängt die AZ zum Gespräch. Dunkelgrauer Sakko, weisses Hemd, dunkelblaue Krawatte, ein breites Lachen unter dem Schnauz. Eben hat er eine Sitzung mit Geschäftsführer Peter Fröhlich beendet, schon legt er los. Schmid ist ein Mann der Tat, einer der stets unterwegs ist, nur selten ein Blatt vor den Mund nimmt.

Der Schweizerische Gewerbeverband erlebte bei den nationalen Wahlen ein Debakel. Präsident Jean-François Rime und Geschäftsführer Hans-Ulrich Bigler wurden nicht mehr in den Nationalrat gewählt. Was bedeutet das?

Kurt Schmid: Es ist ein Imageverlust, der so nicht passieren darf. Die Wahlen haben mir gezeigt, dass die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger jüngere Leute in der Politik wollen, auch für die Wirtschaftspolitik.

Also braucht es eine Erneuerung?

Ja. Es muss eine Erneuerung stattfinden, dann kann das auch eine Chance sein. Im Aargau haben wir auf die richtigen Pferde gesetzt. Beispielsweise haben unser Vizepräsident Benjamin Giezendanner und unser Konsulent Thierry Burkart als jüngere Kandidaten Spitzenresultate erzielt. Es braucht auch national frischen Wind.

Ginge es nach Ihnen, müsste der Schweizerische Gewerbeverband (SGV) zudem auch ein parteipolitisches Rotationsprinzip einführen.

Da bin ich sehr dafür. Parteipolitik hat beim Gewerbeverband nichts zu suchen, es geht um Wirtschaftspolitik. Früher ging das Präsidium im Rotationsprinzip an CVP, FDP und SVP. Jetzt waren zweimal hintereinander SVP- Leute an der Spitze und sie erheben noch einmal Anspruch auf dieses Amt.

Wie kommen Sie auf das Rotationsprinzip?

Wir hatten die genau gleichen Probleme auf kantonaler Ebene Mitte der 90er-Jahre. Aber stellen Sie sich vor, wir haben 11000 Mitglieder, die sind nicht alle in der SVP, der FDP oder der CVP. Viele Unternehmer sind heute in keiner Partei mehr.

Die stimmen je nach Vorlage mal eher auf dieser Schiene, mal eher auf jener. Wenn sich der Gewerbeverband in Parteipolitik zerfleischt, ist das nicht immer Sinne der Unternehmer. Und das Wohl der Unternehmer muss für uns immer zuoberst stehen.

Was machte denn der Aargauische Gewerbeverband in den 90er-Jahren für eine Krise durch?

Der damalige Präsident Christian Speck hat damals öffentlich verlautet, dass man sich im Vorstand nicht mehr einig ist. Es ging um die erstarkende Autopartei, die heute in der SVP integriert ist. Der AGV meinte, sie passe nicht in den Verband mit ihrem Auftreten. Das gab einen riesigen Stunk. Das Transportgewerbe drohte mit dem Austritt aus dem Gewerbeverband.

Welche Lehren zogen Sie?

Das Präsidium setzt sich seither aus drei Leuten zusammen, dem Präsidenten und zwei Vizepräsidenten. Einer wird immer von der FDP gestellt, einer von der CVP, einer von der SVP. Wenn ich dereinst abtrete, das ist jetzt schon klar, wird ein SVP-Mann übernehmen.

Haben Sie Ihre Erkenntnisse auch auf nationaler Ebene eingebracht?

Ja. Ich habe mich dort stark für eine Altersbegrenzung eingesetzt. Mit 68 Jahren ist nun Schluss. Wir müssen sicherstellen, dass an der Verbandsspitze aktive Unternehmerinnen und Unternehmer sind, nicht solche die ihren Betrieb abgegeben oder verkauft haben.

Sie wollen parteipolitisch unabhängig sein, trotzdem beschlossen Sie bei der Masseneinwanderungsinitiative der SVP die Ja-Parole.

Ja, das stimmt und das würden wir wieder so machen. Das hat nichts mit Parteipolitik zu tun. Es kann nicht sein, dass Leute in die Schweiz kommen, die nicht arbeiten wollen oder können und dann vom Sozialstaat finanziert werden müssen. Das bringt unserer Volkswirtschaft nichts.

Sie tönen es an, Flüchtlinge dürfen oft nicht arbeiten.

Meine Meinung ist klar: Wenn jemand hier ist, muss er oder sie arbeiten. Sonst müssen sie zurückkehren. Wir haben ja zu wenig Arbeitskräfte. Deshalb sind wir auch für die Bilateralen.

Die wären durch die SVP-Initiative gefährdet gewesen.

So sicher ist das nicht. Wir haben klar gesagt, dass wir die bilateralen Verträge nicht gefährden wollen. Schauen Sie sich die demografische Entwicklung an. Es werden Schweizer Arbeitskräfte fehlen. Wir brauchen Leute aus dem Ausland.

Bei den Wahlen kam es nicht nur zum Debakel für den Schweizer Gewerbeverband, es schwappte auch eine grüne Welle über die Schweiz. Verlieren Sie an Einfluss?

Wenn die linke Seite gestärkt wird, verlieren wir an Kraft. Aber beängstigend ist die Entwicklung nicht. Es gab auch einen Wählertransfer innerhalb der Linken, von der SP zu den Grünen. Bei den Grünliberalen wissen wir noch nicht genau, woran wir sind. Sind Sie eher Linke oder machen sie Mitte-Politik? Wir sind gespannt. Wenn sie eine liberale Politik verfolgen, dann wurde unser Einfluss kaum geschwächt.

Aber die grüne Welle können Sie trotzdem nicht ignorieren.

Nein, das wäre fahrlässig. Das ist eine Entwicklung, die nicht einfach wieder weggeht. Das Thema wird auf der Agenda bleiben, da bin ich mir ganz sicher. Und es wird Einfluss haben auf jedes Unternehmen.

Abgesehen davon werden ja auch einige profitieren.

Ja, einige Branchen speziell. Zum Beispiel in die Haustechniker. Deren Verband Swisstec hat schon immer gesagt, dass sie von der Energiestrategie 2050 profitieren können.

Die Wahl war auch eine Wahl der Frauen. Ein Thema, das Sie auch beschäftigen dürfte, oder?

1971 wurde das Frauenstimmrecht eingeführt. Erst 1976 wurde mit Frau Broglin die erste Frau in unserem Vorstand gewählt. Damals hat der AGV gesagt, dass es Zeit sei für eine KMU-Frauenbewegung, man hat in den 80er-Jahren spezielle Veranstaltungen durchgeführt. Aber es gab kein Interesse von Frauen für berufliche Eigenständigkeit.

Die Situation hat sich also kaum verändert?

Der Anteil Unternehmerinnen ist viel zu klein. Das Unternehmertum war immer eine ausgeprägte Männerdomäne. Das wird sich langfristig ändern, das hoffe ich wenigstens. Momentan haben wir bei 23 Vorstandsmitgliedern drei Frauen im Vorstand. Das ist zu wenig.

Warum?

Jede fünfte Unternehmung braucht in den nächsten fünf Jahren eine Nachfolgelösung. Nur mit einem wachsenden Frauenanteil können wir die Lücke schliessen. Frauen, die Kinder möchten, haben es schwerer Unternehmerin zu werden als gleichaltrige männliche Kollegen.

Alles unter einen Hut zu bringen ist anspruchsvolle Herausforderung. Das sich ändernde Familienbild mit Teilzeitarbeit der Männer dürfte aber helfen, dass Frauen den Kick im Unternehmertum finden. Die Rolle der Frau in Familienbetrieben darf seit jeher nicht unterschätzt werden.

Erzählen Sie bitte.

90 Prozent der KMU sind Familienbetriebe. Meist stand oder steht ein Mann als Geschäftsleiter im Rampenlicht und die Frauen wirkten oder wirken im Hintergrund. Nehmen Sie als Beispiel einen Autogaragebetrieb.

Der Mann stand vorne hin, verkaufte das Auto. Die Frau schrieb hinten im Büro die Rechnung, kümmerte sich um die Buchhaltung und war eigentlich viel wichtiger als er. Das war früher so, aber das Familienbild hat sich gewandelt.

Was muss passieren, dass es mehr Frauen im Gewerbeverband gibt?

Ich glaube, wir müssen offener sein für Teilzeitpensen. Da stelle ich aber auch einen entsprechenden Mentalitätswandel fest in den letzten fünf bis zehn Jahren. Männer bringen sich stärker in der Familie ein. Wenn ein Unternehmer nicht bereit ist, dem Rechnung zu tragen, wird er Mühe bekommen.

Sie selbst sind in mehreren Firmen beteiligt, in mehreren Verwaltungsräten, Verbandspräsident, Vater zweier Töchter. Wie bringen Sie das alles unter einen Hut?

Das ist alles eine Frage der Organisation, der Effizienz, der Effektivität und der guten Mitarbeitenden. Ich bin immer bestrebt, die besten Mitarbeitenden zu bekommen, auch wenn sie ein bisschen mehr Lohn verlangen. Und die Chemie in einem Team muss stimmen. Denn wenn die Harmonie nicht stimmt, hat man keine Zeit sich den Dingen zu widmen, um die es eigentlich geht.

Ohne Ihre Frau wäre das kaum möglich?

Ja, das ist so. Man braucht einen Partner oder eine Partnerin, der oder die mitzieht. Das ist ähnlich wie im Spitzensport. Wenn ein Sportler am Wochenende trainieren muss, dann braucht das Verständnis vom Umfeld. Ich muss die Leistung bringen. Jeden Tag. Es gibt selten ein Wochenende, an dem ich nicht zehn Stunden arbeite. Ich arbeite gerne. Die Arbeit bringt Zufriedenheit.

Logisch, aber es braucht auch einen Ausgleich. Was tun Sie dafür?

Ich mache jeden Tag Musik. Ich spiele Alphorn, das ist das schönste und beste Musikinstrument. Ich komponiere auch gerne Alphornstücke. Die sollte ich eigentlich auch irgendwann veröffentlichen. Ich darf aber die körperliche Fitness nicht vernachlässigen. Ich gehe regelmässig joggen. Gesundheit ist die wichtigste Voraussetzung für eine gute berufliche Spitzenleistung.

Haben Sie eigentlich noch politische Ambitionen?

Nein, ganz klar nicht. Ich war Grossrat und 28 Jahre lang Gemeindepräsident, das genügt. Aber ich habe noch tausend Ideen im Kopf.

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