Die Angst geht um. Die Angst vor der digitalen Revolution. Auch in der Schweiz. Bis zu 60 Prozent der Jobs könnten verloren gehen, so die Horror-Vision. Kommt hinzu, dass die Entwicklung der Geschäftswelt immer rascher voranschreitet und mit ihr verändern sich die Bedürfnisse der Geschäftswelt. Es kommt zu Umstrukturierungen, neue Qualifikationen sind gefragt. Wie soll da das Bildungssystem mithalten können? «Es gibt weltweit grösste Ängste, weil man sieht, dass die Schulen es nicht richten können», sagte Ursula Renold, Präsidentin des Fachhochschulrates der FHNW und Bildungsexpertin, an der Diskussionsrunde der Aargauer Industrie- und Handelskammer.

Die Fachhochschule muss 50 Studiengänge umbauen

Sie übt auch Kritik an den Universitäten: «Sie haben noch nicht begriffen, dass sie ihre Studierenden möglichst früh in den Arbeitsmarkt reinführen müssen.» Denn kaum ein Student findet direkt nach Abschluss des Studiums eine Festanstellung. Die Generation Praktikum lässt grüssen. Das liege auch daran, dass man in der Berufswelt Dinge lernt, die unabhängig vom Unternehmen und dem genauen Job wichtig seien für die Berufswelt. Dinge wie Teamfähigkeit, Kommunikation oder emotionale Intelligenz.

Die braucht man zwar auch an der Uni, aber eben in einem anderen Umfeld. «Viele sagen, wir brauchen mehr Hochschulabsolventen. Aber das wäre falsch. Das Bildungssystem muss die Struktur der Wirtschaft abbilden», sagt Renold. Zugleich ist die Bildungsexpertin überzeugt, dass vieles, das im Zusammenhang mit der Digitalisierung geschrieben wird, Angstmacherei ist. «Es ist keine revolutionäre Entwicklung, sondern ein schleichender Prozess – und wir stecken mittendrin», sagt Renold. Dass sich viele Schweizer die Frage stellten, ob wir gut genug vorbereitet sind, sei nicht nur typisch schweizerisch, sondern auch eine gesunde Haltung. Denn der Wandel bringt durchaus grosse Herausforderungen mit sich. Nicht zuletzt für das Bildungssystem. «Die Fachhochschule Nordwestschweiz wird in den nächsten zehn Jahren 50 Studiengänge umbauen müssen. Das ist eine Riesensache», so Renold. Es braucht neue Lehrpläne, neue Mitarbeiter, neue Tools und Geräte. Ein Umbruch.

Alte lernen von Jungen: Neue Dynamik dank Digitalisierung

Das mache vor allem Menschen über 47 Jahren Angst. Die Jüngeren gingen entspannter mit diesen Veränderungen um. Das ist eine Chance, wie ein Beispiel von Landammann Urs Hofmann zeigt. Im Rahmen der im Mai beschlossenen Digitalisierungsstrategie «SmartAargau» wurde das Strassenverkehrsamt fit gemacht für das digitale Zeitalter. So kann der Wechsel eines Fahrzeughalters online erledigt werden, Experten prüfen die Fahrzeuge mithilfe einer App. 50 Verkehrsexperten mussten geschult werden. «Früher haben die Alten immer alles besser gewusst. Jetzt mussten sie plötzlich von den Jungen lernen. Das hat zu einer ganz neuen Teamdynamik geführt», erzählt Hofmann.

Die Herausforderung aber, daran ändert sich nichts, bleibt enorm. Wer jedoch bereit ist, sich auf die Veränderung einzulassen, auch mal über den eigenen Schatten zu springen und eingespielte Hierarchien über den Haufen zu werfen, für den kann sie eine Chance sein. Das gilt für das Bildungswesen genauso wie für den Kanton oder die Privatwirtschaft.