Norbert Kräuchi hat einen vollen Terminkalender. Neben seiner Aufgabe als Abteilungsleiter Landschaft und Gewässer erhält er momentan immer wieder Medienanfragen wegen der Hitze und der Trockenheit. Für ein Gespräch mit der AZ hat er sich trotzdem eine Stunde Zeit genommen. Denn der Klimawandel, das wird während des Gesprächs schnell deutlich, ist für ihn ein wichtiges Thema.

Herr Kräuchi, als ich zu Ihrem Büro spaziert bin, hat es geregnet und in den vergangenen Tagen ist es merklich kühler geworden. Ist es jetzt vorbei mit der Trockenheit?

Norbert Kräuchi: Nein, das ist nur ein Tropfen auf dem heissen Stein. Im Aargau bräuchte es Landregen, ungefähr zwei Wochen lang. Es bräuchte mindestens 200 Millimeter Regen, damit der Boden gut durchfeuchtet wird und auch wieder Wasser ins Grundwasser sickern kann.

Welche Gewässer im Aargau leiden momentan am meisten?

Alle Bäche sind massiv betroffen, am stärksten die Sissle und ihre Seitenbäche, der Wissenbach in Merenschwand und der Talbach in Schinznach.

Könnte es bald zu Engpässen in der Trinkwasserversorgung kommen?

Nein. Der Vorteil ist, dass die Wasserversorgung im Aargau sehr gut vernetzt ist. Die Gemeinden können sich gegenseitig aushelfen.

Gibt es noch genug Grundwasser?

Momentan haben wir genug Grundwasser. In den letzten Monaten wurde es aber nicht gefüttert, also wird der Grundwasserspiegel in den nächsten Wochen weiter sinken. Bis Regenwasser ins Grundwasser sickert, dauert es zwei bis drei Monate. Wenn der Herbst auch trocken wird, dann kann es im Januar zu Engpässen kommen. Im Jahr 2003 hatten wir das Glück, dass es im Herbst und im Winter viel Regen und Schnee gab.

Trockenperiode trübt Pilzjahr 2018

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Die Pilzsammler und Trüffelsucher klagen über die Trockenperiode. Es gibt wenig Pilze und jene, die gefunden werden, sind kleiner als sonst oder weisen andere Merkmale auf wie zum Beispiel einer zerrissenen statt einer glatten Oberfläche. Für eine Entspannung bräuche es flächigen Regen, meint die Pilzkontrolleurin Monika Christen im Interview mit Keystone-SDA. "Dann hat das Pilzjahr 2018 noch eine Chance."

Im letzten Jahr gab es im Aargau Überschwemmungen, in diesem Jahr ist es zu trocken. Müssen wir uns an diese Extreme gewöhnen?

Davon müssen wir ausgehen und lernen, damit zu leben. Es sind beides Extreme mit einem ganz anderen Ablauf, hängen aber beide mit dem Klimawandel zusammen. Dieser ist real und wir müssen uns bewusst sein, dass wir Teil eines Experiments sind. Wir müssen uns vorbereiten und dabei zwischen kurzfristigen und langfristigen Massnahmen unterscheiden. Bei Hochwasser ist es einfacher, Menschen für Massnahmen zu sensibilisieren. Ein Hochwasser wie in Zofingen fährt ein und bleibt lange in Erinnerung. Dort können kurzfristige Massnahmen schon viel bewirken. Bei Trockenheit ist es komplizierter.

Warum?

Trockenheit kommt graduell und die Auswirkungen sind weniger sichtbar als bei einem Hochwasser. Natürlich, wenn die Fische in einem Bach verenden, dann gehen die Emotionen hoch. Aber wenn es zwei Wochen später regnet und die Trockenheit nicht mehr sichtbar ist, dann wird das, was vorher emotional wahrgenommen wurde, schnell zu einer Statistik. Es ist schwierig zu argumentieren, dass es Massnahmen braucht, wenn die Trockenheit nicht unmittelbar spürbar ist.

Was müsste der Aargau tun, um sich für Trockenperioden zu rüsten?

Wir müssen uns von der Ansicht lösen, dass wir alle Probleme mit kurzfristigen Massnahmen beheben können. Wenn wir uns zehn Jahre lang dem Kampf gegen die Trockenheit widmen, dann werden wir die Resultate dieser Anstrengungen erst in 20 Jahren spüren.

Und welche konkreten Massnahmen gibt es?

Wichtig sind «No Regret» Massnahmen, die unabhängig vom Klimawandel ökologisch, ökonomisch und sozial sinnvoll sind. Wir müssen die Revitalisierung von Gewässern vorantreiben, weil das einen positiven Einfluss auf den Wasserhaushalt hat. Oder Auen und Feuchtgebiete im Kanton fördern, weil sie als Wasserspeicher funktionieren können. Es kann auch sinnvoll sein, Wasser dann zu speichern, wenn wir genug davon haben. Dafür könnten Wassertanks aufgestellt werden. Wir müssen unsere Einstellung zu Wasser aber ganz grundsätzlich überdenken und Wasser als eine limitierte Ressource sehen. Wir werden uns überlegen müssen, für was wir in Zukunft wie viel Wasser verwenden wollen.

«Wenn dieser Salat kein Wasser bekommt, ist er morgen verdorrt»: Christoph Barmettler, Gemüsebauer Ammerswil

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Ein weiteres Wasserentnahmeverbot verschärft die Lage der Bauern in der Region. Kann das Gemüse nicht mehr bewässert werden, verdorrt es. (23.7.2018)

Seit letzter Woche gibt es im Kanton einen runden Tisch, an dem verschiedene Akteure Massnahmen diskutieren. Warum ist das wichtig?

Bezüglich Wasser gibt es viele Nutzungskonflikte. Die verschiedenen Akteure, zum Beispiel Landwirte oder Fischer, können so ihr Verständnis füreinander schärfen und einen Blick für das Ganze bekommen. Wir wollen die gegenseitigen Abhängigkeiten und Benefits aufzeigen, damit alle gemeinsam etwas verändern wollen. Vielleicht muss eine Partie dabei in gewissen Punkten Abstriche machen, aber insgesamt können alle gewinnen.

Wie ist das erste Treffen gelaufen?

Sehr gut. Ich hatte das Gefühl, dass alle intensiv bei der Sache und bereit waren, Alle haben ein gemeinsames, langfristiges Problem und wollen es bewältigen. Dieser Gedanke ist in der Politik nicht angekommen.

Wird der Klimawandel von der Politik zu wenig beachtet?

Der Klimawandel hat in der Politik nicht den Stellenwert, den es verdient. Das ist aber kein spezifisches Aargauer Problem, sondern ein globales. In der Politik wird der langfristigen Perspektive zu wenige Beachtung geschenkt. Mann will, und oft muss man auch, aktuelle Probleme lösen. Ich bin gespannt, ob der diesjährige Sommer politische Folgen hat.

Schauen wir in die Zukunft. Wie sieht ein Aargauer Sommer im Jahr 2070 aus?

Der Sommer 2018 wird dann als vergleichsweise kühl gelten. Grundsätzlich spielt es aber keine Rolle, ob es dann 1,6 Grad wärmer ist oder 1,8 Grad. Tatsache ist, es wird wärmer. Das sollte Ansporn genug sein, etwas zu tun.