Hans Rudolf Sennhauser aus Bad Zurzach gilt als Pionier der Schweizer Mittelalterarchäologie. Der heute 88-jährige emeritierte Professor leitete zwischen 1963 und 1967 auch die Ausgrabungen in der Kathedrale St. Gallen. Die Dokumentation seiner Arbeit hat Sennhauser allerdings nicht seinen Auftraggebern in St. Gallen überlassen. Sennhauser hat die Unterlagen – Fotos, Skizzen, Forschungstagebücher – mitgenommen und in Bad Zurzach, seinem Wohnort, deponiert.  

Nach einer Jahre dauernden Auseinandersetzung hat das Aargauer Obergericht nun entschieden, dass die Dokumentationen in Bad Zurzach bleiben dürfen, wo sie von der Stiftung für Forschung in Spätantike und Mittelalter (FSMA) archiviert und ausgewertet werden sollen. Der Gründer und Präsident dieser Stiftung ist Hans Rudolf Sennhauser.

Der Kanton St. Gallen versuchte geltend zu machen, dass gegenüber dem Archäologen Sennhauser ein Vertragsverhältnis bestanden hatte und dass die Dokumentationen zur Ausgrabung Teil der vertraglich festgelegten Arbeiten waren. Das Obergericht aber entschied, dass Forderungen aus einem allfälligen Vertragsverhältnis nach über 50 Jahren verjährt seien. Ausserdem beurteilte es eine Dokumentation nicht als zwingenden Bestandteil von Ausgrabungen.

St. Gallen muss rund 100'000 Franken zahlen

Dass Sennhauser und seine Stiftung FSMA sich weigerten, die Dokumente der Grabung den St. Gallern zu übergeben, möge zwar fragwürdig oder sogar verwerflich erscheinen, schreibt das Obergericht. Es sei aber weder rechtsmissbräuchlich noch willkürlich.

Mit diesem Urteil hebt das Obergericht auch den erstinstanzlichen Entscheid des Bezirksgerichts Zurzach auf, das im Herbst 2017 befunden hatte, Sennhauser müsse die Unterlagen dem Kanton St. Gallen aushändigen. Der Kanton St. Gallen muss zudem Gerichtskosten und Parteientschädigung in der Höhe von rund 100'000 Franken bezahlen. Der Kanton akzeptiert das Urteil und verzichtet darauf, den Entscheid ans Bundesgericht weiterzuziehen. Damit bleiben die Unterlagen definitiv bei Hans Rudolf Sennhauser in Bad Zurzach.

Und in der Ostschweiz muss man sich damit zufriedengeben, dass es zumindest gelungen ist, im Jahr 2013 rund drei Tonnen Fundgut aus dem klösterlichen Untergrund, die Sennhauser auch nach Bad Zurzach mitgenommen hatte, zurück nach St. Gallen zu schaffen. Immerhin konnten Bund und Kanton 2012 einen grossen Teil der Dokumente digitalisieren. «Für die Forschung sind aber die Originaldokumente zentral», sagte Katrin Meier, Leiterin Amt für Kultur St. Gallen, gegenüber dem «St. Galler Tagblatt». Zwar gewährt die Sennhauser-Stiftung Einsicht in die Dokumente. «Forscher sind jetzt allerdings vom Goodwill der privaten Stiftung abhängig», kritisiert Meier.

Derweil lässt Sennhausers Bericht zu den Grabungen von 1963 bis 1967 noch immer auf sich warten. Nach deren Ende ging der Archäologe noch davon aus, die Forschungergebnisse bis 1972 liefern zu können. 1988 hiess es, die Arbeiten seien in 10 bis 15 Jahren fertig. Und wie sieht es heute aus? Auf Anfrage erklärte die Stiftung, man habe vor, in den nächsten Jahren eine Monografie zu den Ausgrabungen zu veröffentlichen. Über das Urteil des Aargauer Obergerichts zeigte man sich in Bad Zurzach «sehr erfreut».

13 Kantone wollen Unterlagen von Hans Rudolf Sennhauser

Mit dem Urteil endet ein weiteres Kapitel im langjährigen Streit zwischen Hans Rudolf Sennhauser und mehreren Kantonen. Der Archäologe hat seit den 1950er-Jahren über 50 Ausgrabungen in 13 Kantonen durchgeführt. Dabei hat Sennhauser häufig Grabungsfunde mitgenommen und das Dokumentationsmaterial bei sich behalten. Seiner Meinung nach war vielfach die Wertschätzung der örtlichen Auftraggeber für die mittelalterlichen Fundgegenstände gering.

2009 setzten die 13 betroffenen Kantone eine Task Force ein, welche die Auslieferung der zahlreichen Ausgrabungsdokumentationen zum Ziel hatte. Da die Verhandlungen mit Sennhausers Stiftung scheiterten, zogen die Kantone Basel-Stadt, St. Gallen und Luzern vor Gericht.

Basel-Stadt erhielt 2015 die Unterlagen zurück, St. Gallen scheiterte jetzt vor dem Aargauer Obergericht und die Luzerner Klage ist noch hängig. In Luzern hat man gehofft, dass St. Gallen vom Obergericht Recht erhält und Sennhauser die Dokumentationen herausrücken muss, erklärte Kantonsarchäologe Jürg Manser gegenüber der «Luzerner Zeitung». Denn ein Urteil zugunsten von St. Gallen hätte den Kanton Luzern in seiner Klage gegen Sennhausers Stiftung bestärkt.

Trotz der Niederlage von St. Gallen rechnet sich Manser aber Chancen für die Klage des Kantons Luzern gegen Sennhausers Stiftung aus. Es gehe darum, dass «die Geschichte allen gehört. Es kann nicht sein, dass jemand anderes als die öffentliche Hand die Kontorolle darüber hat», sagt Manser. Zudem bezweifelt der Luzerner Kantonsarchäologe, dass die Dokumentationen in Bad Zurzach sicher aufbewahrt sind.