Betreuung

Dank einer Fusion werden Aargauer Pflegekinder noch glücklicher – was fehlt, sind genügend Familien

Seit zwölf Jahren leben sie zusammen: die Küttiger Annina und Bernhard Onza mit Pflegetochter Michelle.

Seit zwölf Jahren leben sie zusammen: die Küttiger Annina und Bernhard Onza mit Pflegetochter Michelle.

Das Kinderheim Brugg und das Schulheim Olsberg spannen mit dem Familynetwork Zofingen zusammen – und betreuen somit über 200 schutz- und hilfsbedürftige Kinder. Für sie steigt das Angebot an Dienstleistungen. Ein Mangel besteht an Pflegefamilien.

Manche Pflegefamilien ergänzen nur vorübergehend das Leben von Kindern oder Jugendlichen, die gerade nicht bei ihren leiblichen Eltern leben können. Sie bieten einen sicheren Halt, geben eine Zeitlang eine stabile familiäre Struktur und helfen so, die Krise zu überbrücken. Doch manchmal wiederum bilden Pflegeeltern dauerhaft das Zuhause ihrer Pflegekinder.

Michelle (16) konnte kaum sprechen, als sie viereinhalbjährig zu Annina (47) und Bernhard (53) Onza aus Küttigen kam. Mit viel Hingabe ihrer Pflegeeltern und Terminen beim Logopäden überwand sie diese Hürde, nächsten Montag tritt sie nun ihre Lehrausbildung an. Die Förderung der Kinder und die Unterstützung auf ihrem Weg ins Erwachsenwerden bilden das entscheidende Fundament für deren Zukunft. Und wie in jeder menschlicher Beziehung ist es auch ein Geben und Nehmen.

«Es ist extrem bereichernd und schön, dass ich Leben mitprägen kann», sagt Annina Onza. Belastend sei zeitweise nur, dass man als Pflegemutter nie wisse, wie lange das Kind noch bei einem sei. Und für die Kinder sei dies genauso schwierig. Michelle hat derweil nur lobende Worte für ihre Pflegeeltern. Das Schönste sei aber, dass Annina und Bernhard Onza vor zwölf Jahren nicht nur sie, sondern auch ihre beiden Schwestern aufgenommen haben. So konnten sie zusammen bleiben.

Aufruf für mehr Pflegefamilien

Damit bildet das Küttiger Ehepaar eine glückliche Ausnahme. Und überhaupt ist das Angebot an Pflegefamilienplätzen noch viel zu dürftig, um die hohe Nachfrage decken zu können. Laut Beat Bachmann, Leiter von Familynetwork, können nur 20 bis 30 Prozent der Anfragen erfüllt werden, hauptsächlich weil nicht genug Familien vorhanden sind. Dies sei durchaus auch als Aufruf zu verstehen: Es dürfen sich gerne mehr Paare als Pflegeeltern zur Verfügung stellen. Ende 2019 waren über Familynetwork 72 Kinder in 60 Pflegefamilien untergebracht. Dank dem Zusammenschluss mit der Stiftung Kinderheim Brugg ist nun das Angebot an Dienstleistungen für schutz- und hilfsbedürftige Kinder markant erweitert worden.

Von ambulanter Unterstützung in Krisensituationen bis zu stationären Massnahmen könnten nun «individuell massgeschneiderte Lösungen» ermöglicht werden, auch dank der Kombination mit unterschiedlichen Schulangeboten. «Wir können jetzt eher den passenden Platz für die Kinder bieten, da wir nun verschiedene Angebote haben», sagt Beat Bachmann. Damit werde die Forderung nach individuellen Massnahmen erfüllt und das Prinzip «ambulant vor stationär» umgesetzt.

Das Kinderheim Brugg bietet heute 96 Plätze in Wohngruppen und der Tagessonderschule, der Stift Olsberg weitere 36 Plätze, 23 davon in ihrem Schulheim, und die Zofinger Familynetwork rund 70 Plätze in Pflegefamilien, dazu noch sozialpädagogische Familienbegleitung und Beistandschaftsmandate. Insgesamt sind es also über 200 Klienten, die die drei Einrichtungen neu unter dem gemeinsamen Dach der Stiftung Kinderheim Brugg bedienen.

Brugg bleibt Hauptstandort mit neu 200 Mitarbeitenden in den drei erwähnten Ortschaften plus Kaiseraugst. Der Gesamtumsatz beträgt jährlich 19 Millionen Franken. Die Geschäftsleitung übernimmt der bisherige Chef des Brugger Kinderheims, Rolf von Moos. Offiziell hat die Stiftung Kinderheim Brugg per 1. August die Tätigkeiten von Familynetwork übernommen und ihre Angebotspalette erweitert, wie es im Mediencommuniqué heisst.

Gemeinsame Kontaktstelle sei «revolutionär»

Das Kinderheim hatte schon seit längerem im Sinne, auch Pflegefamilienplätze anzubieten. Erste Annäherungsgespräche mit dem Zofinger Familynetwork begannen vor zwei Jahren. «Wir entschieden, lieber zusammenzugehen, statt von null etwas auf die Beine zu stellen», sagt Rolf von Moss.

Besonders stolz ist er aber vor allem auf die neue zentrale Kontaktstelle: Mit nur einem Anruf oder E-Mail können alle Fragen zu den Angeboten der drei Einrichtungen beantwortet werden, ohne an andere Stellen verweisen zu müssen. Die drei Sozialarbeiterinnen der Kontaktstelle haben den Überblick über die freien Betreuungsplätze und können so effizienter und zielführender agieren. Für dringende Anfragen gibt es einen 24-Stunden-Telefonbetrieb. «Wir können jetzt sehr viele Bereiche abdecken», sagt Damaris Bär, Leiterin der Kontaktstelle, über die Angebote, die die Stiftung nun gemeinsam führt.

Annina und Bernhard Onza: Ein Leben fürs Wohlsein der Kinder

Die Familie Onza in Küttigen führt ihren Auftrag mit den drei Pflegetöchtern unterdessen engagiert weiter, auch wenn Michelles Schwestern nun volljährig sind. Die Onzas haben ihr Leben dem Wohlsein der Kinder gewidmet. Zuvor waren sie in Sizilien in einem Heim tätig, zwei Knaben haben sie damals auch als ihre eigenen Kinder adoptiert. «Für uns war alles extrem bereichernd», sagt Bernhard Onza.

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