Jubiläum
Dank einer Bieridee beginnt die Furka-Dampfbahn in Aarau

Seit 20 Jahren restaurieren Fronarbeiter in der Werkstätte Aarau die historischen Wagen der Furka-Dampfbahn. Sie verwandeln Wagen in wahre Bijous.

Hans Lüthi
Drucken
Teilen
Werkstattleiter Werner Beer in der Halle der Furka-Dampfbahn in Aarau.

Werkstattleiter Werner Beer in der Halle der Furka-Dampfbahn in Aarau.

Emanuel Freudiger

Im Furkastübli, mitten in Aarau, erinnert sich Werner Beer an die Anfänge nach dem Ende: 1981 war die nur im Sommer befahrbare Furka-Bergstrecke stillgelegt worden. Der rasch gegründete Verein Furka-Bergstrecke wollte die historische Bahn trotz Basistunnel erhalten, die Sektion Aargau ist schon 1985 gegründet worden.

«Als Fans von Modelleisenbahnen fand ich es schade, dass die Strecke eingestellt wurde», sagt Werner Beer. «Bei einem Bier nach der Generalversammlung sind wir im Aarauer Bahnhofbuffet auf die Idee für eine eigene Werkstätte gekommen», ergänzt Beer. Am 1. April 1994 beschloss die Sektion, im Raum Aarau eine solche Werkstätte zu eröffnen. Das gelang dank Beers damaligem Arbeitgeber Sprecher+Schuh.

Als im November der erste Wagen der Brünigbahn eintraf, «haben wir alle nur gestaunt». Dann mussten die Laien nicht nur alles von Grund auf erneuern, sondern auch noch ein Abteil 1. Klasse und ein Gepäckabteil einbauen. Statt der elektrischen sollte eine dampfbetriebene Heizung für die Wärme am kalten Berg sorgen.

Chef und Organisator seit Beginn

Der gelernte Elektroniker, mit Abschluss an der HTL Brugg-Windisch, war von Anfang an der Chef, hat Verträge unterzeichnet, zudem das Material organisiert und die vielen Freiwilligen am richtigen Ort eingesetzt. «Learning by doing» hiess das Motto, wenn die jämmerlichen Wagen mit Schrottwert eintrafen.

Zu den Frondiensten am Dienstag und Donnerstag abends kommt jeder Helfer, wann er will. 20 bis 30 Männer sind meistens da, zwei Drittel arbeiten im Stammberuf als Schreiner, Schlosser, Elektriker, Metallbauer, Malermeister. «Aber wir haben auch Büroangestellte, Lehrer, Buchhalter und eine Frau arbeitet in der Schreinerei», erklärt der Werkstattleiter. Weil ja alle freiwillig hier sind und Spass an ihrem Hobby haben wollen, «wäre ein fordernder Ton unangebracht», stellt Werner Beer fest.

Drei Jahre strenge Fronarbeit

Um die 8000 bis 10 000 Stunden arbeiten die Frondienstler, bis sie in zwei bis drei Jahren die Wagen in wahre Bijous verwandelt haben. Die für externes Material nötigen 50 000 Franken werden durch den Verkauf von Sitzplätzen hereingeholt. «Der fixe Betrag hat einen Bezug zum Wagen, bei der Nummer AB 4462 kostet er 462 Franken», erklärt Beer. Die edlen Spender erhalten eine Gratisfahrt auf der historischen Bergstrecke, ihr Namensschild wird an einem Sitzplatz montiert.

Aargauer erneuern alle Wagen

Viele Maschinen und Materialien haben die Furkabähnler ebenfalls geschenkt bekommen. Daraus ist im ehemaligen Aarauer Schlachthof eine professionelle Bahnwerkstatt geworden. 15 Personenwagen sind schon nach Realp geliefert worden, ohne die Aargauer Helfer könnte die Bahn nicht über den Berg dampfen. Viele sind im Sommer auch tage- bis wochenweise im strengen Einsatz auf der Strecke tätig, um die Spuren des harten Winters zu beseitigen.

Was motiviert den Chef und seine freiwilligen Helfer zum Dauereinsatz? Die Basis kommt zweifellos von der Freude an der Bahn und speziell an der Dampfbahn. Wichtig sind den meist pensionierten Männern die gute Kameradschaft und das familiäre Klima. An den Arbeitsabenden gibt es immer Punkt 18 Uhr einen Imbiss und Informationen. Gemeinsame Anlässe mit Ehefrauen oder Partnerinnen vertiefen die Beziehungen oft zu Freundschaften. Höhepunkte sind der Rollout der neuen Wagen, bevor sie am nächsten Tag via Autobahn und Schöllenenschlucht nach Realp rollen. Oder eine sommerliche Dampffahrt über die Furka. Auf den meist steilen Strecken bleibt Musse für die Schönheit der wilden Berglandschaft, denn im Zahnradbetrieb fährt der Zug nur mit 13 bis 15 Kilometern pro Stunde.

Übrigens: Das Bundesamt für Verkehr prüft nicht nur die Bremsen streng, die Sicherheit der Fahrgäste hat höchste Priorität.

«Die Arbeit macht mir Spass»

Die Einsatzfreude ist bei Werner Beer auch nach 20 Jahren ungebrochen, «die Arbeit macht mir Spass», meint er bescheiden. Zu den wöchentlich zwei Abenden kommen um die zehn Stunden Organisationsaufwand, meist von zu Hause aus. Da ist er froh um seine verständnisvolle Frau Brigitte und den nahen Wohnort in Suhr. Statt eines Stellvertreters hat er Teil-Projektleiter eingesetzt, «da kann ich koordinieren, denn als Chef muss ich die totale Übersicht haben.» Im Herbst wird Werkstattleiter Werner Beer bei der Firma Sigtech in Muhen regulär pensioniert.

Seiner Furka-Werkstatt wird er treu bleiben, aber nicht jeden Tag dort anzutreffen sein. Vor einem Monat ist er zum zweiten Mal Grossvater geworden. Wenn Beer «mehr Zeit für die Familie» sagt, denkt er auch an seine beiden Enkelkinder.

Aktuelle Nachrichten