Aarau
Dampfbahn: Mit 102 Jahren erneut in die Furkaberge

Die Arbeiten am neuen alten Personenwagen laufen auf Hochtoruen. Er wird für den Saisonstart der Dampfbahn Furka-Bergstrecke von freiwilligen Helfern vorbereitet.

Hans Lüthi (Text) und Mario Heller (Fotos)
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Mit 102 Jahren erneut in die Furkaberge

Mit 102 Jahren erneut in die Furkaberge

Mario Heller
Schlosser, Metallbauer, Schreiner und Maler waren 9000 Stunden im Froneinsatz.

Schlosser, Metallbauer, Schreiner und Maler waren 9000 Stunden im Froneinsatz.

Mario Heller

Wenige Wochen vor dem Start am 18. Juni laufen die Arbeiten auf Hochtouren, parallel an zwei Orten: Auf der Strecke der Furka-Dampfbahn zwischen Realp und Oberwald herrscht noch tiefster Winter. Metertief liegt der Schnee auf dem Trassee beim Scheiteltunnel, wo die historische Bergbahn Richtung Gletsch und Obergoms wieder ans Licht kommt. In der Wagenwerkstatt an der Rohrerstrasse 118 in Aarau steht das Gerippe eines Wagens aus der Gründerzeit fertig da. «Das Chassis stammt von 1914», sagt Werkstattleiter Werner Beer. Für den originalgetreuen Oberbau mussten Detailpläne mühsam erarbeitet werden. In der Urzeit der Schweizer Bahngeschichte kamen 90 Prozent aller Wagen von der SIG in Schaffhausen.

Drei Jahre, 9000 Stunden

Fronarbeit stand schon bei der Gründung der Aargauer Sektion im Verein Furka-Bergstrecke 1987 im Mittelpunkt. Zuerst auf der Strecke, seit 1994 in der eigenen Werkstatt und meist wochenweise oben am Berg. Seit 1998 sind in Aarau schon 15 Wagen revidiert und in Bijous verwandelt worden.

Für den jetzt im Zentrum stehenden AB 4462 «haben wir in drei Jahren 9000 Stunden aufgewendet», betont Beer. 60 bis 70 Freiwillige kommen jeden Dienstag und Donnerstag zum mehrstündigen Einsatz. Mit Zusatzarbeit an Samstagen wird die zweite Juniwoche für den Rollout angestrebt, aber es wird zeitlich sehr eng. Der Bahnwagen muss dann auf dem Tieflader spektakulär via die Schöllenen nach Realp transportiert, dort zusammengesetzt und getestet werden. Das Bundesamt für Verkehr drückt kein Auge zu, die Sicherheit hat höchste Priorität.

Mit viel Liebe zum Detail

Bei einem Rundgang durch die Werkstatt und den neuen Wagen staunt der Laie über den gigantischen Aufwand und die grosse Liebe für einen originalgetreuen Neubau. Im Unterbau mussten das 12,5 Meter lange Chassis, die Drehgestelle und die Zahnradbremse revidiert werden. Im Innern verlangt die Holzeinfassung für die Fenster höchste Präzision. Die 1.Klasse besticht durch eine schöne Polsterung, die Bänke für die Holzklasse sind in der eigenen Schreinerei in bewährter Handarbeit entstanden.

Nachgebaut ist die Dampfheizung, die goldenen Gepäckablagen sind wunderschön gelungen, aber aus Eisen und extrem schwer. Doch bei Material und Fertigung duldet der Perfektionist Werner Beer keine Kompromisse. Er koordiniert die Einsätze für Schlosser, Metallbauer, Schreiner und Maler. Die externen Kosten für den neuen Wagen betragen 50 000 bis 60 000 Franken, finanziert durch Sitzplatz-Sponsoren und die Beiträge der Mitglieder. Den Wert des Wagens schätzt Beer auf 600 000 bis 700 000 Franken, aber ein Nachbau wäre anderswo auch für Millionen kaum möglich.

Hoffen auf Wagen-Remise

Höchst bedauerlich ist für die Aargauer die Tatsache, dass all die schönen Wagen den ganzen langen Winter über Wind und Wetter ausgesetzt sind. Pläne sind vorhanden, Besserung ist in Sicht: Für die Wagenremise nordöstlich des Bahnhofs Furka-Bergstrecke in Realp wird die Baubewilligung im Mai erwartet. Spenden sind höchst willkommen, die 2,5 Millionen Franken hohen Baukosten sind rund zur Hälfte abgedeckt. «Bauherr ist die DFB AG», betont Kurt Baumann aus Baden-Rütihof, seit zwei Jahren Präsident der Aargauer Sektion. Die Halle wird so gebaut, dass alle Wagen darin Platz haben – hoffentlich schon ab dem Winter 2017/18.
Den Freiwilligen geht die Arbeit so oder so nie aus.

Ein ehemaliger Hilfswagen mit zwei Achsen steht schon für den Ausbau als Gepäck- und Personenwagen bereit. Das Chassis für den nächsten grossen Zweitklass-Wagen ist bereits sandgestrahlt und bemalt. Maler und Köche werden in Aarau kurzfristig gesucht. Punkt 18 Uhr gibt es immer am Dienstag und Donnerstag ein kleines Nachtessen samt Kaffee, Kuchen und Informationen für die Freiwilligen. Denn ihre Arbeit wird hoch geschätzt.

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