Interview

CVP-Präsident Pfister sieht Aargauer Wahlen als Testlauf: «Politik machen, ohne über Religion zu reden»

Gerhard Pfister in der Aarauer Bahnhofstrasse. Er ist überzeugt vom Erfolg der Mitte-Strategie.

Gerhard Pfister in der Aarauer Bahnhofstrasse. Er ist überzeugt vom Erfolg der Mitte-Strategie.

CVP-Schweiz-Präsident Gerhard Pfister schaut gespannt auf die Aargauer Wahlen. Sie seien ein Testlauf für die neue Strategie der Partei.

Wir treffen Gerhard Pfister im Restaurant Einstein in Aarau. Sein Zeitfenster für das Interview mit der AZ ist klein, am Morgen hat der CVP-Schweiz-Präsident eine Wahlkampfveranstaltung in Rheinfelden besucht, am Nachmittag diskutiert er mit den Mitgliedern der Kantonalpartei die neue Strategie der CVP: den anstehenden Namenswechsel zu «Die Mitte» und die Zusammenarbeit mit der BDP. Er nehme sich dennoch gerne Zeit, sagt Pfister, denn obwohl er sich schon wieder im Abstimmungskampf befindet, habe er grosses Interesse am Ausgang der Aargauer Wahlen vom kommenden Sonntag. Hier zeige sich, ob mit der Stärkung der Mitte neue Wähler abgeholt werden können.

Sie reisen für Mitgliederinformationen zur neuen Strategie der CVP durch die Schweiz. Wie wollen Sie die Aargauerinnen und Aargauer davon überzeugen?

Gerhard Pfister: Es geht weniger um die Überzeugung als mehr darum, der Basis Gelegenheit zu geben, die neue Strategie mit mir zu diskutieren. Wie genau sie im Aargau tickt, weiss ich nicht. Aber die CVP Aargau ist Pionierin in diesen strategischen Fragen, da sie bereits mit der BDP zusammenarbeitet.

Im Aargau sind BDP-Politiker zur CVP übergetreten, um auf der Liste «CVP – die Mitte» für den Grossen Rat zu kandidieren. Ist dieser Quasi-Zusammenschluss ein Testlauf für die CVP Schweiz?

Der Aargau ist für uns strategisch ein sehr wichtiger Kanton, die Partei ist hier gut aufgestellt. Bezogen auf die BDP ist es natürlich eine interessante Konstellation, weil sie sich hier sehr früh entschieden hat, mit uns zusammenzuarbeiten. CVP und BDP Aargau sind Pioniere in dieser Frage. Und man wird sehen: Das gibt gute Resultate.

Wie wird die CVP Aargau in der CVP Schweiz wahrgenommen?

Die CVP Aargau ist eine der Parteien, die bei den Nationalratswahlen einen Sitz gewonnen und den Wähleranteil gesteigert haben – zum ersten Mal seit 40 Jahren ging es aufwärts, es herrscht eine Aufbruchstimmung. Das ist auch ein Grund, warum ich die Partei im Wahlkampf gerne unterstütze. Die CVP Aargau hat aus meiner Sicht den Turnaround geschafft und wird auch bei diesen Wahlen zulegen.

Aber momentan ist die CVP im Aargau nur viertgrösste Partei. Was müsste sie tun, um wieder weiter vorne mitzumischen?

Sie ist nicht in allen Regionen stark. Wir müssen schauen, dass wir wieder wachsen können, wir können uns nicht auf Verluste anderer Parteien verlassen. Auch wenn die SVP im letzten Jahr verloren hat, kommt der Erfolg für die CVP nur aus eigenem Antrieb. Das ist im Aargau der Fall.

Trotzdem braucht es diese Öffnung der Partei, wie Sie es nennen. Oder ist es eine Übernahme der BDP?

Ich sehe das anders. Die BDP ist nach dem Sitzverlust bei den letzten Wahlen in einer schwierigen Lage. Aber die Zusammenarbeit war schon vorher gut. Und für uns ist es eine interessante Option, unser Elektorat zu erweitern. Die Persönlichkeiten der BDP sind ausgewiesene Politikerinnen und Politiker. Auch wenn die BDP kleiner ist, besteht kein Grund für Überheblichkeit.

Wie schaffen Sie es, BDP-Wähler von der CVP zu überzeugen?

Wir überzeugen, indem wir auf die Gemeinsamkeiten fokussieren. Wir müssen unsere Werte nicht verleugnen, aber uns öffnen. Die Befindlichkeiten sind kantonal natürlich durchaus unterschiedlich. Aber das Wesentliche bleibt, die Kräfte zu bündeln.

Wollen die Schweizer überhaupt noch eine Mitte? Schliesslich legen die Polparteien seit langem zu, und die Mitte verliert.

Gerade weil die Polarisierung zunimmt, braucht es eine starke Mittepartei. Der Erfolg und die Stabilität der Schweiz beruhen auf einem starken Zusammenhalt in der Gesellschaft, auf Konkordanz und Respekt vor Minderheiten. Das ist darauf zurückzuführen, dass sie eine starke Mitte hat, und diese muss man weiter stärken.

Es gibt noch andere Mitteparteien, etwa die GLP. Warum nicht die Zusammenarbeit mit dieser?

Die GLP ist eine der uns nahestehenden Parteien. Sie scheint aber tendenziell nach links zu driften und ist darum eine Ergänzung zu uns. Denn wir sind überzeugt, dass wir die bürgerliche Partei mit sozialer Verantwortung in der Mitte sein müssen.

Die Differenzen sind aber doch offensichtlich, gerade beim grün…

…hier haben wir sogar die kleinsten Differenzen! Was die GLP im Namen hat, haben wir sogar im Parteiprogramm, die Verbindung von Wirtschaft und Ökologie.

Trotzdem zählt die GLP zu den Klimaparteien, die CVP nicht.

Ja, weil sie, wie die Grünen, eine stark monothematische Partei ist. Als Mittepartei darf man nicht monothematisch sein. Hier haben wir Unterschiede.

Ist das auch eine Frage der Aussenwahrnehmung?

Ja, natürlich. Wir sind in allen sozialen Fragen die führende bürgerliche Partei. Das ist das Profil, das wir haben und immer hatten. Wir haben uns aber auch um die Umwelt, oder im christlichen Sprachgebrauch die Schöpfung, gekümmert, bevor es die GLP getan hat.

Es gibt die CVP auch schon viel länger. Will man mit der Stärkung der Mitte zurück zu den Anfängen, als das Zentrum noch wichtig war?

Historisch hatte die CVP die Aufgabe, die Katholiken in den Bundesstaat zu integrieren. Dabei hatte sie schon immer das Mitte-Feld besetzt. Darum ja, die Mitte ist in unserer DNA.

Zur DNA der CVP gehört auch der Katholizismus, was sich auch im Aargau zeigt. So hat sie im Bezirk Kulm, der evangelisch geprägt ist, fast gar keine Wähler. Wie wollen Sie Traditionalisten überzeugen, das «C» fallen zu lassen?

Die Traditionalisten in den eigenen Reihen müssen wir nicht überzeugen, sie sehen, dass sich die CVP öffnen muss. Es sind die anderen, die wir abholen müssen. Ich bin überzeugt, dass unser Potenzial auch in Gebieten wie dem Bezirk Kulm realisierbar ist. Nicht von heute auf morgen, aber ich bin zuversichtlich, dass wir im Aargau den Wähleranteil jetzt steigern können.

Obwohl der Aargau als Kanton der Regionen so divers ist?

Gerade deshalb. Der Aargau ist immer ein bisschen ein Abbild der Schweiz. Hier sieht man die Herausforderungen, welche die CVP auf nationaler Ebene hat. Ausserdem ist der Kanton einer der bevölkerungsreichsten, was hier geschieht, hat in der Regel eine enorme Hebelwirkung. Die Stärke der SVP, auch national, hat ebenfalls etwas mit ihrer Stärke im Aargau zu tun, und darum müssen wir hier stärker werden.

Kirchenvertreter wählen tendenziell eher links. Wollen Sie diese darum loswerden?

Nein. Aber es ist eines der Probleme der CVP, dass sie immer noch als so nahe bei der Kirche wahrgenommen wird. Ich hatte im Wahlkampf Rückmeldungen von Personen, die sagten, sie könnten die CVP nicht wählen, weil sie nicht katholisch sind. Die CVP wird nicht als Partei wahrgenommen, in der die Konfession keine Rolle mehr spielt. Das müssen wir ändern.

Wie wollen Sie das tun?

Ich stelle einfach fest: Wir sind nicht der verlängerte Arm der Kirche, haben aber auch nichts gegen die Kirche. Ich finde, die Zugehörigkeit zu einer Kirche ist etwas anderes als politische Arbeit.

Ist es einfach an der Zeit, die Politik von der Kirche zu trennen?

Ja, absolut. Wir werden noch immer sehr stark mit der Kirche identifiziert und leider auch verantwortlich gemacht für Missstände, mit denen wir nichts zu tun haben. Mein Anliegen ist, Politik zu machen, ohne über Religion reden zu müssen. Solche Fragen stellt man ja nur einem CVP-Präsidenten, keinem aus einer anderen Partei.

Nervt Sie diese Diskussion?

Nein, aber sie hindert mich daran, mit potenziellen Wählern in einen Dialog zu treten, weil sie meinen, sie seien gar nicht ansprechbar für unsere Partei.

Aber in CVP-Stammlanden weiss man das doch längst, oder nicht?

Ja. Aber dort, wo wir wachsen wollen, ist das ein Hinderungsgrund. Das hat nichts mit unseren Inhalten zu tun, sondern mit der Art und Weise, wie wir wahrgenommen werden.

Sie sind bereits wieder voll im Abstimmungskampf gegen die Konzernverantwortungsinitiative. Kirchenvertreter befürworten die Initiative. Ist das ein Problem?

Es gibt Leute bei uns, die für die Beibehaltung des «C» sind und die Initiative ablehnen und umgekehrt. Bei einer politischen Partei gehört die Positionierung dazu. Aber die Kirche muss tatsächlich aufpassen, wenn sie sich positioniert und damit implizit die andere Meinung als unchristlich darstellt.

Warum lehnen Sie die Initiative ab?

Sie führt mit der umgekehrten Beweislast etwas ein, was im schweizerischen Rechtssystem nicht geht. Weiter nimmt die Initiative die KMU von der Haftung nicht aus. Das kann dazu führen, dass ein KMU, das sich nichts hat zuschulden kommen lassen, vor dem Richter landet. Aus meiner Sicht ist das rechtsstaatlich sehr bedenklich. Wenn die Initiative angenommen wird, ist das zudem eine Einladung für ausländische Konkurrenten, Schweizer Unternehmen in Prozesse zu verstricken und damit unter Umständen aus dem Markt zu drängen. Die Initiative ist gut gemeint. Aber manchmal ist das Gegenteil von gut eben gut gemeint.

Sie bekämpfen die Initiative zusammen mit der SVP und der FDP. Gleichzeitig müssen Sie den Wählerinnen klarmachen, dass Sie jetzt «Die Mitte» sind. Wie passt das?

Ich sehe da keinen Widerspruch. Die Delegierten der CVP Schweiz lehnen die Initiative ab. Wenn wir die gleiche Meinung haben wie die SVP, heisst das noch nicht, dass wir mit dieser ein Bündnis eingehen.

Die BDP hat die Ja-Parole für die Initiative beschlossen. Und mit der gehen Sie ein Bündnis ein.

Es gibt ja auch bei uns eine Minderheit, welche die Initiative unterstützt. Wir sind eine Partei, die andere Meinungen zulässt. Darum ist das kein Problem.

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