Familieninitiative

CVP-Nationalrätin Ruth Humbel: «Die SVP-Initiative ist eine Mogelpackung»

CVP-Nationalrätin Ruth Humbel ist Familienfrau mit zwei erwachsenen Kindern, Politikerin und treibt Sport als OL-Läuferin.

CVP-Nationalrätin Ruth Humbel ist Familienfrau mit zwei erwachsenen Kindern, Politikerin und treibt Sport als OL-Läuferin.

CVP-Nationalrätin Ruth Humbel meint, den Rentnern geht es heute gut. Gerade deshalb müssen junge Familien auf die Unterstützung der Alten an der Urne zählen. Für Humbel handelt es sich bei der Familieninitiative der SVP um eine Mogelpackung.

Das Alter werde schlechtgeredet, sagte SP-Ständerätin Pascale Bruderer. Teilen Sie diese Ansicht?

Ruth Humbel: Nein, das empfinde ich überhaupt nicht. Den heutigen Rentnerinnen und Rentnern geht es wirtschaftlich gut, sie sind mobil und können sich einiges leisten. Von der Wirtschaft sind sie als gute Konsumenten umworben. Die innerfamiliären Beziehungen sind hervorragend, die Grosseltern hüten die Enkelkinder. Und die Kinder pflegen ihre Eltern.

Gibt es keine grossen Gräben zwischen den Generationen?

Nein, auch solche sehe ich nicht. Es fragt sich ohnehin, wo denn die Grenzen zwischen den Generationen verlaufen. Wir haben heute eine 4-Generationen-Gesellschaft, Rentner beerben die Rentner.

Die Alten haben ja viel Geld und können Golf spielen, die Jungen müssen malochen und Kinder erziehen.

Das ist jetzt eine überspitzte Formulierung. Ältere Menschen machen auch viel Freiwilligenarbeit, Grosskinder hüten, Fahrdienste und viele weitere Einsätze unentgeltlich. Zudem können sie auch Freizeit und Hobbys pflegen. Das ist der älteren Generation auch zu gönnen, sie hat den Wohlstand erarbeitet. Armut im Alter ist weitgehend eliminiert, heute haben junge Familien mit finanziellen Problemen zu kämpfen.

Warum geht es den Alten so gut?

Die älteren Leute haben das im Arbeitsleben zusammengespart. Zudem gibt es heute eine gute Vorsorge, mit der AHV, der zweiten und teilweise der dritten Säule. Steuerstatistiker zeigen uns, dass die älteren Menschen einen grossen Teil der Steuern berappen.

Wegen der Überalterung fehlt morgen Geld für AHV, IV und Pensionen.

Dramatisieren müssen wir das nicht, die AHV ist ein 65-jähriges Erfolgsmodell. Wir haben Zeit für die nötigen Reformen, um die Errungenschaften für künftige Generationen zu sichern. Gemäss Bundesrat Alain Berset kommt die AHV ab 2020 in ein Defizit. Bei diesen wichtigen Reformschritten sind wir auf die Solidarität der älteren Generation angewiesen.

Sollen Sie auf Renten verzichten?

Nein, nein. An der Urne meine ich, sie sind nicht betroffen und müssen nicht nach eigener Betroffenheit abstimmen, sondern im Interesse der Gesellschaft.

Umwandlungssätze und Renten sinken. Haben künftige Rentner nichts mehr zu lachen?

Alle Revisionen betreffen nicht die heutigen Rentner, sondern jene der Zukunft. Zur Erhaltung des Substrats muss die Einzahlungsfrist mit 20 Jahren beginnen und das Rentenalter auf die AHV-Grenze gesetzt werden.

65 Jahre für alle oder noch höher?

Sicher für alle 65 Jahre, Frauen und Männer, mit flexiblen Lösungen nach oben und unten. Die Wirtschaft muss aber auch bereit sein, ältere Arbeitnehmer problemlos einzustellen und weiterzubeschäftigen. Heute stellt man ja lieber Ausländer an, statt ältere Schweizerinnen und Schweizer. Auch die Frauen muss man stärker einbeziehen.

Die Sozialwerke beruhen auf Solidarität. Bleibt das weiterhin so?

Höchste Löhne werden maximal belastet und die Bezahler erhalten nachher nur eine beschränkte Rente. Diese Solidarität muss unbedingt erhalten und nicht durch neue Gesetze unterwandert werden. Nötig ist eine Schuldenbremse, der AHV-Fonds darf nicht defizitär sein. Die zwei Säulen AHV im Umlageverfahren und BVG im Kapitaldeckungsverfahren muss man belassen, aber gemäss Berset als Gesamtpaket revidieren.

Sagt die CVP nur Nein zur Familieninitiative, weil diese von der SVP kommt?

Die CVP hat für alle Familien sehr viel gemacht, insbesondere für die traditionellen. Das sind Steuerabzüge für Kinder, Kinderzulagen und deren steuerliche Befreiung. Das ist wie alles andere auch von der SVP immer abgelehnt worden. Die SVP-Initiative ist eine Mogelpackung, sie ist eine Steueroptimierung für gut verdienende Einverdiener-Haushalte. Es gibt Familien, in denen beide arbeiten müssen. Über 50 Prozent der Familien bezahlen keine Bundessteuern, die können vom zusätzlichen Abzug gar nicht profitieren.

Abzüge nur für Doppelverdiener?

Die Krippenkosten sind ja auch sehr hoch. Wie sollen die Eltern das bezahlen können, wenn sie den steuerlichen Abzug nicht mehr haben? Heute sind über 70 Prozent der Mütter mindestens in Teilzeit erwerbstätig, das ist das aktuelle Familienbild. Ich bin klar dafür, dass die Eltern Wahlfreiheit haben. Aber wenn die Frauen nur noch für Steuern und Krippe arbeiten, ist der Anreiz weg, erwerbstätig zu sein. Gerade in der Pflege. Bleiben die Schweizerinnen daheim, dann müssen wir Russinnen und Chinesinnen anwerben.

Arbeiten die Frauen wirklich nur um des Geldes willen?

Sicherlich nicht, aber wenn unter dem Strich finanziell nichts übrig bleibt, bleiben viele Frauen lieber bei den Kindern. Dann müssen wir sie auch nicht mehr ausbilden. Die Gesellschaft braucht jedoch die Arbeit der Frauen auch für die AHV, jene in der Schweiz – oder Ausländerinnen.

Wenn das Volk trotzdem Ja sagt?

Bei einem kostenneutralen Umbau wird der Abzug für externe Kinderbetreuung wegfallen. Und damit der Anreiz für die Frauen, beruflich tätig zu sein. Wenn die SVP den Familien wirklich helfen wollte, hätte sie mit uns die Kinderabzüge generell erhöhen können.

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