Covid-19
«Der Leidensdruck ist so gross, wir können nicht mehr warten»: Pflegepersonal überreicht Petition an den Grossen Rat

25 Millionen Franken, um das Pflegepersonal im Beruf zu halten und für den ausserordentlichen Einsatz während der Pandemie zu entschädigen: Das fordert ein Aargauer Petitionskomitee rund um die Intensivpflegerin Eveline Hofer.

Ann-Kathrin Amstutz
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Am Donnerstagnachmittag wurde die Petition «Klatschen war gestern – Morgen haben zu viele ihren Beruf an den Nagel gehängt» vor dem Aargauer Regierungsgebäude eingereicht.

Am Donnerstagnachmittag wurde die Petition «Klatschen war gestern – Morgen haben zu viele ihren Beruf an den Nagel gehängt» vor dem Aargauer Regierungsgebäude eingereicht.

Sandra Ardizzone

«Eine mit der Coronapandemie vergleichbare Belastung haben wir noch nicht erlebt.» Das sagt Intensivpflegerin Eveline Hofer. Sie hat eine Petition lanciert, die am Donnerstagnachmittag mit 3134 Unterschriften an Grossratspräsident Pascal Furer übergeben wurde. Die zentrale Forderung lautet: 25 Millionen Franken sollen in das Aargauer Pflegepersonal investiert werden. Nur wenige Pflegefachpersonen sind anwesend, als die Petition eingereicht wird. Obwohl viele gerne gekommen wären, wie Eveline Hofer sagt:

«Wir sind so am Anschlag, dass wir nicht einmal die Energie haben, um für unsere Interessen einzustehen.»

Ende August bewilligte der Grosse Rat einen Kredit von 125 Millionen Franken, um die Spitäler für Mehrkosten und Ertragsausfälle der Coronapandemie zu entschädigen. Da die Spitäler nur 100 Millionen geltend machen, verlangt die Petition, dass der Restbetrag ans Pflegepersonal geht.

Eveline Hofer übergibt die Unterschriften auf dem USB-Stick an Grossratspräsident Pascal Furer.

Eveline Hofer übergibt die Unterschriften auf dem USB-Stick an Grossratspräsident Pascal Furer.

Sandra Ardizzone

Einerseits in Form von Entschädigungen für den ausserordentlichen Einsatz während der Pandemie, anderseits soll das Geld eingesetzt werden, um Pflegefachpersonen im Beruf zu halten oder in den Beruf zurückzuholen. Initiantin Eveline Hofer sagt: «Es geht nicht nur ums Geld. Es braucht nicht nur einen Bonus, sondern auch Entlastungen wie mehr Stellenprozente.» Dabei sollten die Leitungen der Spitäler und der Grosse Rat selbst bestimmen, welche Massnahmen am effektivsten sind.

Pflege-Initiative und Boni reichen nicht

Dass manche Spitäler inzwischen Corona-Boni auszahlen und die Pflege-Initiative angenommen wurde, reicht laut Hofer nicht aus: «Die Initiative ist vor der Pandemie entstanden und hat nichts mit Corona zu tun.» Wohl wäre sie ohne die Pandemie kaum angenommen worden, so Hofer, aber:

«Die Umsetzung kommt viel zu spät. Es muss sofort etwas passieren, sonst dauert es Jahre, bis der Schaden aufgrund des Pflegefachmangels repariert ist.»

Eveline Hofer arbeitet auf der Intensivstation im Kantonsspital Aarau, wo aktuell ein Drittel der Betten von Covid-Kranken belegt ist. «Es ist ganz schlimm, was das Spitalpersonal in den letzten Monaten durchgemacht hat», erklärt Hofer. Sie berichtet von Patientinnen und Patienten, die trotz aller Bemühungen sterben, von über achtstündigen Schichten ohne Pause, von spontanen Einsätzen zu Lasten der Familie.

Immer grösser sei der Leidensdruck beim Pflegepersonal geworden: «Wir können nicht länger warten. Viele von uns wurden krank oder haben im letzten Moment die Notbremse gezogen und den Beruf ihrer eigenen Gesundheit zuliebe verlassen.»

Auch Eveline Hofer wäre mehrmals fast ausgestiegen

Auch Eveline Hofer stand schon mehrmals kurz davor, den Beruf aufzugeben. Doch sie hat es nicht getan: «Irgendwie lässt es mein Kopf nicht zu.» In der ersten Welle erhöhte Hofer ihr Pensum von 20 auf 80 Prozent – heute arbeitet sie 40 Prozent. «Auf kurze Dauer könnte ich vielleicht nochmals aufstocken. Doch das Ende der Pandemie ist nicht abzusehen – unter diesen Umständen geht es einfach nicht mehr», so Hofer.

So wie ihr ergeht es vielen Kolleginnen und Kollegen. Da Hofer nicht nur auf der Intensivstation, sondern auch im Pflegepool arbeitet, kennt sie die Verhältnisse auf den verschiedenen Abteilungen. Alle seien gleichermassen von der Pandemie-Situation betroffen, sagt Hofer:

«Wir alle wurden ins kalte Wasser geworfen und alleine gelassen. Es ist unglaublich, was wir in den letzten zwei Jahren erlebt haben.»

So sei ein weiteres Ziel der Petition, dass die Stimme des Pflegepersonals endlich gehört werde: «Es ist nicht unsere Art zu poltern, aber wir haben zu lange geschwiegen.»

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