Reisebranche

Coronakrise trifft Twerenbold mit voller Wucht: «Trotz Millionen-Verlust planen wir keinen Kahlschlag»

Schiffe, Busse, Reiseträume – Karim Twerenbold in seinem Büro am Hauptsitz des Aargauer Reiseunternehmens in Rütihof.

Schiffe, Busse, Reiseträume – Karim Twerenbold in seinem Büro am Hauptsitz des Aargauer Reiseunternehmens in Rütihof.

Stellenabbau folgt auf Stellenabbau. Die Reiseanbieter kämpfen. Auch Twerenbold Reisen trifft die Coronakrise mit voller Wucht. Trotzdem will man ohne grossen ­Abbau durch die Krise kommen. Firmenbesitzer Karim Twerenbold sprach mit uns über seine Ferienpläne, den Millionen-Verlust und das Reisen in Zeiten von Corona.

Er lässt sich nicht viel anmerken beim Fotoshooting. Aber die Tatsache, dass Ende Juni rund drei Viertel der 70 Twerenbold-Busse in Rütihof im Terminal herumstehen, muss Karim Twerenbold das Herz zerreissen. Normalerweise sind sie in halb Europa unterwegs. Auf Reisen, dem Geschäft des vom 35-Jährigen in der vierten Generation geführten Familienunternehmens. 2020 ist für Twerenbold ein Jubiläumsjahr, seit 125 Jahren gibt es das Unternehmen. Aber 2020 ist auch ein Krisenjahr. Es ist das Jahr, in dem Corona die Welt lahmlegt. Mitten im Sturm, die Reisebranche.

Wo machen Sie Ferien?

Meine Frau und ich fahren diesen Sommer ein paar Tage weg, bleiben aber in der Schweiz. Wäre meine Frau nicht hoch schwanger, hätten wir wohl den Norden Spaniens bereist. Das ist für mich noch ein weisser Fleck, der einen wahnsinnig grossen Reiz ausübt. Mit seiner Kulinarik, der Natur, aber auch der Kultur. Da wir aber Ende August erstmals Eltern werden, freuen wir uns aufs Emmental, den Vierwaldstättersee und das Bündnerland.

Eine Auslandreise ist so verständ­licherweise kein Thema. Wann waren Sie beruflich zuletzt ausserhalb der Schweizer Grenzen?

Gerade letzte Woche. Ich war in der Werft in Holland, in der unser neustes Schiff, die Excellence Empress, in den finalen Zügen ist. Am Dienstag hatten wir die erste offizielle Probefahrt. Nebst meiner Verantwortung als Verwaltungsratspräsident der Twerenbold Reisen Gruppe bin ich auch Geschäftsleiter der Reederei. Ich musste für die Abnahme nach Amsterdam fliegen. Aber ich muss schon sagen, die Stimmung ist speziell.

Noch kein Reisefieber?

Der Flughafen war praktisch leer. Amsterdam ist einer der drei grössten Flughäfen Europas, das ist sonst ein Bienenhaus. Jetzt war er praktisch ausgestorben. Wobei das Flugzeug voll war. Alle mit Masken, wie es Vorschrift ist. Aber die Stimmung am Flughafen zeigt schon, wie es der Branche geht.

Wie hart hat es Sie getroffen?

Mit voller Wucht. Wir feiern dieses Jahr unser 125-jähriges Bestehen. Es ist uns gelungen, dafür die Scala von Mailand zu mieten. Ein Husarenstück, die Frucht mehrjähriger Arbeit. Am 28. Februar wäre unsere Jubiläumsreise nach Salzburg und Mailand gestartet. Als dann die Corona Fallzahlen in Norditalien zu steigen begannen, haben wir unsere Krisenorganisation aktiviert und die Lage in der Geschäftsleitung analysiert.

Zu welchem Schluss kamen Sie?

Wir sagten die Reise ab. Rund anderthalb Wochen vor dem Lockdown-Entscheid, kamen wir zum Schluss, dass wir sämtliche Reisen bis und mit Ende April absagen. Wir mussten uns Luft verschaffen, auch wenn der Entscheid zu diesem Zeitpunkt sehr schmerzhaft war. Aber es ging um den Schutz der Mitarbeitenden und der Kundschaft. In diesen Zeiten der Unsicherheit braucht es Klarheit.

Ein mutiger Entscheid.

Wir sind ein seriöser Reiseveranstalter und sahen uns in der Pflicht. Der Schutz unserer Mitarbeitenden und unserer Kundschaft hat Vorrang. Gleichzeitig war es elementar, dass wir uns mit klaren Entscheiden Zeit für die weitere, sehr dynamische Planung verschafften. Das hat uns Kraft gegeben.

Für die Arbeit im Lockdown.

Ja. Und davon gabs genug. Die Annullation all der Reisen war administrativ eine grosse Herausforderung. Dazu kamen die Umstellung auf Homeoffice, Kurzarbeit für zahlreiche Mitarbeitende oder die Kommunikation mit Mitarbeitenden und Kunden.

Karim Twerenbold am Hauptsitz in Baden Rütihof. (Archivbild)

Karim Twerenbold am Hauptsitz in Baden Rütihof. (Archivbild)

   

Viele Swiss-Kunden haben ihr Geld für annullierte Reisen noch nicht zurückbekommen. Wie sah das bei Ihren Kunden aus?

Zwei Wochen nach einer Annullation hatten alle ihr Geld zurück. Es geht da doch um die Fairness gegenüber den Kunden. Die Dankbarkeit war auf jeden Fall riesengross. Manche haben von sich aus um-gebucht oder sich einen Gutschein ausstellen lassen. Aber die Liquidität war bis jetzt kein Problem. Das ist die Folge einer jahrelangen gesunden und verantwortungsvollen Unternehmenspolitik.

Haben Sie einen Covid19-Kredit in Anspruch genommen?

Wir haben den Kredit beantragt, aber noch nicht in Anspruch nehmen müssen. Weil wir Gewinne nicht abschöpfen, sondern im Unternehmen belassen. Eine nachhaltige finanzielle Führung ist Teil unseres Leitbildes. Das mag konservativ tönen, aber wir brauchen das Geld primär, um unsere Firmen weiterzuentwickeln.

Auch im Corona-Jahr?

Natürlich haben wir bei gewissen Projekten gebremst, sie nach hinten geschoben. Aber wir investieren auch jetzt.

In welchen Bereichen?

In ein neues Terminal in Frauenfeld zum Beispiel. Oder unser neues Schiff, das erste Schiff weltweit mit einer Abgas-Nachbehandlung. Dank speziellem Filtersystem stösst es 90 Prozent weniger Feinstaub aus und 75 Prozent weniger Schadstoffe. Aber auch im Bereich Digitalisierung haben vorwärtsgemacht.

Sie haben ein dickes Polster.

Wir gehen haushälterisch mit unseren Mitteln um. Wir sind komplett selbstfinanziert. Bei all unseren Projekten kommen wir ohne Bankengelder aus.

Aber Sie werden Verlust machen.

Wir werden einen Verlust in Millionenhöhe verkraften müssen. Hätten wir gar keine Reisen mehr durchführen können, wäre unser Umsatz auf zehn Prozent des Vorjahres zusammengebrochen (den Umsatz kommuniziert das Unternehmen nicht, er dürfte schätzungsweise bei 150 bis 200 Millionen Franken liegen; Anm. d. Red.).

Mehr als ein blaues Auge.

Das sind zwei blaue Augen und ein Schlag in den Magen.

Ist es das schwierigste Jahr in der 125-jährigen Firmengeschichte?

Die Reisebranche hat immer wieder Krisen erlebt. Nach dem 11. September 2001 und den Anschlägen auf die Twin Towers zum Beispiel. Oder die Ölkrise in den 70ern. Aber auch wenn ich mit Leuten spreche, die schon seit 30 Jahren im Geschäft sind, so etwas ist noch nie dagewesen. Wir durchleben eine globale Gesundheitskrise, die grösste Krise seit den Weltkriegen.

Dieses Jahr begann die Italien-Saison bei Twerenbold Reisen nicht Ende März.

Dieses Jahr begann die Italien-Saison bei Twerenbold Reisen nicht Ende März.

Knecht streicht 46 Stellen, Globetrotter bis zu 30 und Hotelplan 170. Was erwartet Ihre Belegschaft?

Wir waren schon vor Corona schlank organisiert und haben keinen grossen Overhead. Wir werden durch diese Krise kommen. Aber Prognosen sind aktuell sehr schwierig zu machen. Auf jeden Fall planen wir keinen Kahlschlag. Auch weil wir damit rechnen, dass sich unser Geschäft ein wenig zügiger erholen wird als das der grossen Reiseveranstalter.

Erklären Sie, bitte.

Im Gegensatz zu den grossen Reiseveranstaltern sind wir verhältnismässig wenig vom Fernreisegeschäft abhängig. Unser Hauptgeschäft liegt in Europa bei Bus- und Schiffsreisen. Und dieser Bereich dürfte sich zügiger erholen. Wir spüren, dass die Kunden grundsätzlich schon bereit sind, für nächstes Jahr zu buchen. Das stimmt uns optimistisch. Bleibt noch abzuwarten, wie gross der wirtschaftliche Schaden insgesamt ist.

Wie verändert die Krise die Branche?

Ich glaube, dass es einen Trend zu bewussterem Reisen gibt. Ganz unabhängig von Corona. Umweltthemen haben viel Beachtung gewonnen. Corona wird diese Tendenzen verstärken, davon bin ich überzeugt.

Wird es zu weiteren Konsolidierungen kommen?

Man weiss, dass es im Badeferiengeschäft einen hohen Druck gibt. Da könnte es zu Konsolidierungen kommen. Das ist aber nicht unser Geschäft.

Welche Veränderungen macht das Reisen sonst durch?

Die Leute wollen individueller und flexibler reisen. Auch auf Gruppenreisen sind mehr Freiräume bei Tagesausflügen oder bei Mehrtagesprogrammen gefragt. Diesem Bedürfnis passen wir uns an.

Gruppenreisen in Pandemiezeiten müssen doch fast scheitern, oder?

Nein, im Gegenteil. Zum einen liegt das Reisen vielen Menschen im Blut, daran ändert Corona nichts. Aber natürlich wächst das Bedürfnis nach Sicherheit. Und das kann eine Reisegruppe bieten. Der Reiseleiter oder die Reiseleiterin ist bestens darüber informiert, welche Vorschriften wo gelten. Jedes Land hat seine eigenen Vorgaben. Und wir haben natürlich auch Schutzkonzepte.

«Erstes Wasser unterm Kiel»: Die erste Episode der Dokumentarfilm-Reihe zum neuen Twerenbold-Flussschiff «Excellence Countess»

«Erstes Wasser unterm Kiel»: Die erste Episode der Dokumentarfilm-Reihe zum neuen Twerenbold-Flussschiff «Excellence Countess»

Die Badener Twerenbold Reisen Gruppe und deren Flussreiseveranstalter Reisebüro Mittelthurgau zeigen den Bau ihres zehnten Flussschiffes «Excellence Countess» als kleine Dokumentar-Filmreihe. Den Auftakt der Reihe macht die Episode «Erstes Wasser unterm Kiel».

Wie sehen die im Groben aus?

Prinzipiell werden weniger Passagiere an Bord der Busse und Schiffe sein, im Schnitt reduzieren wir wohl um rund einen Drittel. Spezielle Bodenmarkierungen helfen die Abstandsregeln einzuhalten. Wir haben kontaktlose Desinfektionsmittelspender installiert und desinfizieren die Busse täglich. Unsere Klimasysteme verfügen alle über zusätzliche Filter. Jeder Reisende bekommt zudem täglich zwei Schutzmasken zur Verfügung gestellt. Für die Schiffsreisen haben wir die ohnehin hohen Sicherheitsstandards erhöht und das Schutzkonzept nochmals verfeinert

Inwiefern?

Letztlich ist ein Schiff ähnlich wie ein Hotel. Aber der Kunde will ja nicht auf eine Spitalreise. Wir sind also darum bemüht, maximale Sicherheit zu bieten, während dies den Kunden minimal auffällt. So wird zum Beispiel mit einer Wärmebildkamera die Temperatur der Reisenden gemessen, wenn sie aufs Schiff kommen.

Erhöhte Temperatur kann auch von langem sonnen kommen.

Dafür haben wir Infektionsschnelltests an Bord. Sollte jemand positiv getestet werden, wird gemäss einem genau vordefinierten Protokoll gehandelt.

Sie machen Ihr Möglichstes, das grosse Geschäft wird es nicht.

Nein, aber immerhin können wir etwas für unsere Kunden machen. Wir starten langsam und gestaffelt, weil wir nicht wissen, wie sich die Lage entwickelt. Wir begannen Mitte Juni mit den ersten Wandertagesreisen. Letzten Montag startete der erste Bus und Anfang Juli fährt das erste Schiff an Kroatiens Küste los.

Wie war die Nachfrage?

Die neuen Angebote sind gut angekommen. Die Tageswanderungen sprechen unsere Kundschaft besonders gut an. Nach einer Zeit der sozialen Isolation spüren wir bei vielen eine grosse Freude, nun wieder aktiv die Schweiz zusammen mit Gleichgesinnten in kleineren Gruppen zu entdecken. Ähnlich sah es bei unserer ersten Busreise vergangenen Montag aus. Ich habe die Leute persönlich verabschiedet, bevor sie Richtung Engadin fuhren. Das war ein schöner und sehr emotionaler Moment.

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