Umweltschutz

«Climate Strike»: Warum die Aargauer Schüler für das Klima schwänzen

Die Bewegung «Climate Strike» findet ihren Weg in den Kanton Aargau – der erste Streik ist am Freitag 18. Januar. «System change not climate change», fordern die Kanti-Schüler.

Dicke Schneeflocken taumeln durch die Luft über dem Klosterpark in Wettingen, im Hintergrund erklingt eine Schulglocke. Rund ein Dutzend Schülerinnen und Schüler der Kantonsschule Wettingen strömen aus dem Gebäude, halten vor einer Wand an und falten ein Transparent auseinander. «Schüler*Innen für den Umweltschutz», steht in dicken, roten und schwarzen Lettern auf dem Leintuch, «System change not climate change» daneben.

Die Schüler, die an der «Climate Strike»-Bewegung beteiligt sind, folgen damit Greta Thunberg, der Aktivistin aus Schweden, die wöchentlich für die Umwelt streikt. Auch in der Schweiz haben im Dezember Hunderte Schüler gestreikt. Die Botschaft: Sie hören erst damit auf, wenn die Regierung Massnahmen gegen den Klimawandel ergreift. Am kommenden Freitag schwänzen nun erstmals auch Aargauer Schüler den Unterricht, um auf die Klimaproblematik aufmerksam zu machen.

Aufruf von Juso-Co-Präsident

Unter ihnen auch Siel Meier, Schüler an der Kantonsschule Wettingen. «Ich halte die Klimakrise aktuell für eines der wichtigsten politischen Themen», erklärt er. «Ich will damit nicht sagen, dass andere Themen nicht wichtig sind», schiebt er nach. Aufgrund der bereits spürbaren Folgen des Klimawandels sei es jedoch das Dringendste. Er ist überzeugt, dass ein Schülerstreik eine gute Lösung für das Problem ist: «Besonders junge Leute müssen mit den späteren Folgen des Klimawandels leben, und das sind wir Schüler.» Vom Streik erhofft sich Meier, dass grosse Wirtschaftskonzerne ihren Verbrauch der Erdressourcen überdenken sowie striktere Vorgaben für einen ausgeglichenen Klimahaushalt. «Jeder Staat, besonders ein wirtschaftlich starker wie die Schweiz, soll auch die Folgen seiner Wirtschaft verantworten.»

Im persönlichen Leben versucht Siel Meier, seinen ökologischen Fussabdruck klein zu halten: «Ich lege all meine Wege mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurück und gehe mit dem Zug anstatt dem Flugzeug oder Auto in die Ferien.» Zudem gehe er sparsam mit Wasser um. Man dürfe sich jedoch nicht in individualisierten Ansätzen verlieren: «Es ist natürlich gut, auf ein nachhaltiges, persönliches Konsumverhalten zu achten, aber was wir fordern, sind übergreifende, politische Massnahmen. Denn ein Problem, das einem System entspringt, muss man auch in jenem System betrachten und anpacken.»

Diese Meinung teilt auch Juso-Co-Präsident Sandro Covo. «Der Klimaschutz war das erste Thema, das mich politisch interessiert hat», erklärt er. «Es ist der Grund, weshalb ich in der Politik bin.» Auch er versucht, ökologisch zu leben: «Ich bin seit sechs Jahren Vegetarier und versuche, nicht zu fliegen.» Vor zwei Jahren sei er trotzdem in die Ferien geflogen: «Gewisse Destinationen kann man halt nur mit dem Flugzeug erreichen.» Obwohl der Physikstudent nicht mehr Schüler ist, unterstützt er die Bewegung und ruft auf seinem Twitter-Account zum Streiken auf.

Absenzenreglement gilt trotzdem

Doch mit welchen Konsequenzen müssen Schüler, die streiken, eigentlich rechnen? «Die Androhung von Sanktionen ist mir in diesem Zusammenhang noch gar nicht in den Sinn gekommen», sagt Paul Zübli, Rektor der Kantonsschule Wettingen. Durch den Streik seien weder die Studierfähigkeit noch die Verantwortung der Schüler gegenüber sich selbst, ihren Mitmenschen, der Natur und der Gesellschaft gefährdet. Beide Kriterien sind in der Maturitäts-Anerkennungsverordnung zu finden. Vorausgesetzt, der Streik bleibt zeitlich limitiert und artet nicht in destruktivem Verhalten aus.

«Aus der Perspektive der Bildungsziele ist das politische Engagement positiv zu beurteilen», fasst der Rektor zusammen. Es sei zwar im Schulgesetz geregelt, dass die Schüler zum regelmässigen Unterrichtsbesuch verpflichtet sind. «Dort ist aber auch geregelt, dass sie Anspruch auf einen freien Halbtag pro Quartal haben», so Zübli. Wofür sie diesen einsetzen, ist den Schülern selbst überlassen.

Paul Zübli werde den Tag mit Interesse verfolgen und sei überzeugt, dass streikbedingte Absenzen den Lehrpersonen rechtzeitig angekündigt werden. Ob die Bewegung Climate Strike die Solidarität unter den Generationen stärken und Nachhaltigkeit etablieren wird, hänge jedoch nicht nur vom Streik ab. «Fürs Klima auf die Strasse gehen und trotzdem in die Ferien fliegen reicht leider nicht», betont er. Es sei wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler die Forderungen auch selbst nachleben. «Alle vorherigen Generationen sind daran gescheitert», so Zübli.

Zsolt Balkanyi-Guery, Rektor der neuen Kantonsschule Aarau (NKSA), sieht dies ähnlich: «Dass sich Schülerinnen und Schüler einer Mittelschule politisch engagieren, ist gut und wichtig. Ob die Form eines Streiks oder eines Protestes in jedem Fall sinnvoll ist, sei dahingestellt.» Der Einsatz fürs Klima sei nachvollziehbar, ein Streik reiche jedoch nicht aus. «Die Werte des Klimaschutzes müssen gelebt werden. Hier stellen sich auch Herausforderungen an eine Schule», so Balkanyi-Guery. Auch an der NKSA gilt: Wer streikt, muss sich ans Reglement halten. «Wenn die Schüler den Grund der Absenz ehrlich angeben, nehmen wir diesen zur Kenntnis und akzeptieren ihn», sagt der Rektor.

Streiken, nicht freinehmen

Ähnlich sieht es an der Kantonsschule Baden aus: «Die Schüler dürfen ihre freien Halbtage einsetzen, wie sie wollen», erklärt Rektor Daniel Franz. Wenn sie diese jedoch nicht rechtzeitig oder gar nicht anmelden, müssen die Streikenden mit unentschuldigten Absenzen rechnen. Das könnte auch auf Siel Meier zukommen: «Ich finde, der Sinn eines Streiks ist, unentschuldigt irgendwo zu fehlen», erklärt er. So mache man darauf aufmerksam, dass zuerst etwas geändert werden müsse, damit man nicht mehr fehle. Deshalb nehme er für den Streik keine Halbtage. «Zwar können die Schulen wenig für den Klimawandel und die Politik eines Landes. Doch dadurch, dass wir aktiv nicht in die Schule gehen, können wir Druck ausüben», ist er überzeugt.

Autor

Kelly Spielmann

Kelly Spielmann

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