Lateintag
Cicero und Michelle Obama verstehen: Wird Latein ein Opfer des Spardrucks?

Wegen des Spardrucks wird im Aargau auch weniger Latein unterrichtet. Droht der Sprache bald das Aus?

Andreas Fahrländer
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Chris Iseli

Draussen weiden die Kühe im Aargauer Herbstnebel, im Schulzimmer blühen antike Landschaften an der Wand. «Wie lange noch, Catilina, wirst du unsere Geduld missbrauchen?» Mit diesen Worten eröffnet der römische Konsul Cicero seine Anklage gegen den Verschwörer Catilina. An der Kanti Zofingen übersetzen sieben Schülerinnen und ein Schüler im Schwerpunktfach Latein bei Judith Ehrensperger Ciceros Rede Wort für Wort.

«Warum in aller Welt lesen wir im Herbst 2016 eine Rede an einen Verräter aus dem Jahr 63 vor Christus?», fragt Ehrensperger. «Es geht um die Rhetorik», antwortet eine Schülerin. «Cicero ist ein Musterbeispiel für gute Rhetorik.» An den Aargauer Bezirksschulen und Gymnasien lernen immer weniger Schüler Latein. Früher war Lateinunterricht für Gymnasiasten und die, die es werden wollten, eine Selbstverständlichkeit. In jüngster Zeit ist die Sprache zu einem Nischenfach geworden – und damit unter Druck geraten.

Zwei Wochenstunden weniger

Woran liegt das? Sind die alten Sprachen nicht mehr hip genug? (Das Altgriechische fristet schon lange nur noch ein Schattendasein.) Oder liegt es daran, dass die Schweizer Universitäten das Lateinobligatorium für die meisten Fächer abgeschafft haben? An manchen Unis, wie etwa in Basel, wurde es fast über Nacht und mehr per Zufall abgeschafft. Oft wird postuliert, Latein sei sowieso eine tote Sprache. Die Zofinger Schülerin Nuria Langenkamp sagt dagegen: «Es ist für mich überhaupt keine ausgestorbene Sprache. Das Latein lebt hier und jetzt weiter.» Latein finde man überall im Alltag. «Es gehört ein gewisses Interesse dazu, zu erfahren, was vor 2000 Jahren war. Aber es macht extrem Freude.» Man könne das Latein für die modernen Sprachen brauchen. Und es gehöre zu einem guten Allgemeinwissen, findet die Schülerin.

An den Aargauer Bezirksschulen wurden in diesem Sommer aus Spargründen zwei Lektionen Latein gestrichen. Früher hatten die Schüler in der 2. und 3. Bez vier Wochenstunden, jetzt sind es von der 1. bis zur 3. Klasse nur noch je drei. Ausserdem wurde die Mindestanzahl Schüler für eine Lateinklasse an der Bezirksschule von sechs auf acht erhöht.

Eine Gruppe von Grossräten hat im Frühjahr eine Interpellation gegen diese Änderung eingereicht, genützt hat es nichts. Der Regierungsrat hält an der neuen Regel fest. «Das ist eine sehr schwierige Situation», sagt Pius Meyer, Lateinlehrer an der Bez Entfelden und Dozent für Fachdidaktik Latein an der Fachhochschule Nordwestschweiz. «Wir hoffen, dass wir bei der Umstellung auf den Lehrplan 21 im Jahr 2020 bei den drei Wochenstunden an der Bezirksschule bleiben können.»

Durch die Abschaffung des Lateinobligatoriums an den Universitäten sei der Anreiz, Latein zu belegen, geringer geworden, sagt Meyer. «Umgekehrt kann das aber auch ein Vorteil sein, weil so diejenigen Schüler Latein wählen, die sich wirklich dafür interessieren». Während einige Bezirksschulen mit den Mindestzahlen für Lateinschüler kämpfen, steigen die Schülerzahlen an anderen Schulen wieder. Das hängt vor allem damit zusammen, wie gut man die Sechstklässler in der Primarschule für das Fach begeistern kann.

Um Interesse am Latein zu wecken, findet in Brugg seit einigen Jahren der Schweizerische Lateintag statt. Meyer ist Präsident des OKs und sagt: «Wir wollen damit nicht nur Leute ansprechen, die schon Latein können. Wir haben ein breit gefächertes Programm für Jung und Alt.»

Zu gut, um vergessen zu werden

Die Schüler von Judith Ehrensperger in Zofingen mussten als Hausaufgabe eine Wahlkampfrede von Michelle Obama lesen. Sie gleicht in verblüffend vielen Punkten der Rede Ciceros. Die Lateinstunde wird zum Rhetorikunterricht, zur modernen Staatskunde und zur Geschichtsstunde in einem. Die Schüler sind sich einig, dass es sich lohnt, Latein zu lernen. Zwar sei es oft anstrengend, manchmal auch mühsam. Aber es macht ihnen auch sichtlich Freude. Und Ehrensperger sagt: «Es ist schön, in den Schülern diese Freude zu wecken. Die lateinische Sprache ist zu gut, um in Vergessenheit zu geraten.»

Am 5. November findet auf dem Campus der FHNW und im Vindonissa-Museum in Brugg-Windisch der 5. Schweizerische Lateintag statt. Türöffnung ist um 8.45 Uhr im Haus 5 auf dem Campus. Weitere Informationen unter www.lateintag.ch