Herr Blocher, was verbindet Sie mit dem Aargau?

Christoph Blocher: Als Kinder sind wir viel gewandert. Meinem Vater war wichtig, dass wir die Schweiz kennen. So fand auch meine erste Begegnung mit dem Aargau statt: Wir wanderten vom Rheinfall her den Rhein abwärts. Da gelangt man unvermeidlich in den Aargau. Schliesslich haben wir das Wassertor erreicht. Ich war beeindruckt.

Der Unternehmer Christoph Blocher und der Aargau – gibt es da eine Verbindung?

1987 habe ich die Sprengstofffabrik in Dottikon, die ehemalige «Pulveri», gekauft. Die Dottikon ES Holding, wie die Firma heute heisst, führt jetzt mein Sohn Markus, der Chemiker ist. Er hat viel investiert, das Unternehmen ist gut unterwegs.

Welche Rolle haben Sie beim Verzicht auf den Bau des AKW Kaiseraugst gespielt?

Ich war damals Verwaltungsrat bei Motor Columbus. Da geriet ich mitten in die grosse Auseinandersetzung um den Bau des Kernkraftwerkes Kaiseraugst.
Ich habe dann 1988 dafür plädiert, dass es nicht gebaut wird. Das war sehr zum Leidwesen des von mir sehr geschätzten Aargauer Ständerates Hans Letsch, der den Verzicht auf den Bau nur schwer akzeptieren konnte. Ich sagte ihm damals: «Staatspolitisch ist das bedenklich, aber es gibt keine andere Lösung.»

Dann haben es die Aargauer also Ihnen zu verdanken, dass in Kaiseraugst kein AKW steht.

(lacht) Das können Sie so sehen.

Wie bedeutend ist der Aargau für die Schweiz?

Der Aargau ist sehr wichtig für die Schweiz. Wie wichtig der Aargau für unser Land ist, habe ich erst im Laufe dieses Jahres anlässlich des Jubiläums «1415 – Die Eidgenossen kommen» realisiert.

Was genau haben Sie realisiert?

Der Aargau ist der Mittelpunkt der Schweiz. Es ist kein Zufall, dass die Eidgenossen 1415 ausgerechnet den Aargau wollten: Die zentrale Lage hat sie interessiert. Genauso, wie vorher schon die Römer nach Vindonissa gekommen sind und dort ein Heerlager für 6000 Legionäre gebaut haben. Die Aargauer haben sich ja damals nicht gross gewehrt, als die Eidgenossen kamen. Auch wenn die Eidgenossen nicht sehr nett waren und die Aargauer noch bis 1798 Untertanen bleiben mussten. Trotzdem haben die Aargauer dieses Jahr die Eroberung gefeiert, die vor 600 Jahren passiert ist. Für die Aargauer waren die Eidgenossen immer noch besser als die Habsburger. Und für die Eidgenossen war die Eroberung ein weiterer Erfolg in der Auseinandersetzung gegen die Habsburger.

Achtzehn Kaiser, vier Könige, eine Königin und fünf regierende Herzöge – hier nahm ein Weltreich seinen Anfang: Die Habsburg in bei Brugg.

Achtzehn Kaiser, vier Könige, eine Königin und fünf regierende Herzöge – hier nahm ein Weltreich seinen Anfang: Die Habsburg in bei Brugg.

Was sagen Sie zum heutigen Kanton Aargau?

Politisch ist der Aargau für mich ein gesunder Kanton. Seriös, pflichtbewusst und nicht überheblich. Die Aargauerinnen und Aargauer sind mir fast ein wenig zu bescheiden. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass sie so lange Untertanen waren (lacht). Aber die Aargauer machen mir schon viel Freude, ganz besonders nach den letzten Wahlen mit einem Anteil von 38 Prozent für die SVP.

Jetzt kommen Sie quasi als Volkserzieher in den Aargau, um den Aargauerinnen und Aargauern von längst verstorbenen Persönlichkeiten aus dem Kanton zu erzählen. Brauchen denn die Aargauer diese Nachhilfe?

Das müssen Sie nicht mich fragen. Ich mache diese Vorträge seit zehn Jahren in der deutschen Schweiz. Im Aargau war ich noch nie. Die Aargauer haben mich schon lange angefragt, ob ich nicht auch einmal etwas für sie machen könnte. Jetzt sind sie an der Reihe. Ich dränge mich aber nicht auf. Ich gehe nur dorthin, wo ich auch angefragt werde.

Die SVP hat Sie angefragt?

Meistens kommt die Anfrage aus einer SVP-Sektion und die Kantonalpartei hilft dann mit. Das sind grosse Anlässe. Da braucht es eine Trägerschaft. Die Veranstaltung vom 2. Januar findet in Zofingen statt. Das passt. Denn in Zofingen hat es für meine Zwecke die beste Infrastruktur.

In Zofingen referieren Sie über die Habsburger, über Heinrich Pestalozzi und Sophie Haemmerli-Marti. Wie kommen Sie zu dieser doch etwas eigenartig anmutenden Auswahl von Aargauer Persönlichkeiten?

Ganz einfach: Für die Vorträge suche ich mir Personen aus, die ich kenne, über die ich bereits viel weiss, zu denen ich eine Beziehung habe. Gerne hätte ich auch einen Aargauer Maler gewürdigt. Aber ich habe keinen passenden gefunden. Ich will nicht nur über Geschichte, Macht und Erziehung reden.

Sophie Haemmerli-Marti, 1868–1942: Schriftstellerin aus Othmarsingen

Sophie Haemmerli-Marti, 1868–1942: Schriftstellerin aus Othmarsingen

Haben Sie deshalb Sophie Haemmerli-Marti ins Programm aufgenommen?

Ja. Kennen Sie das Lied «Eusi zwöi Chätzli»? (summt es vor) Unsere Eltern haben uns dieses Lied vorgesungen, wir haben es unseren Kindern vorgesungen – und Sie sollten mal sehen, wie sich unser jüngster Enkel freut, er ist neun Monate alt, wenn ich ihm das Lied vorsinge. Er streckt mir die Hände entgegen, voller Freude und strahlt mich an. Sophie Haemmerli-Marti hat dieses und viele andere Lieder, Gedichte und Geschichten für Kinder geschrieben. Eine Frau, die auf diese einfache Art die Gemüter von Kindern berühren kann, ist bedeutend. Erst recht in einer Zeit, in der das Intellektuelle so dominant ist. Sophie Haemmerli-Marti war eine solche Frau.

Was fasziniert Sie an den Habsburgern?

Jedes Mal, wenn ich vom Fricktal her komme, muss ich zur Habsburg hochschauen, bevor es in den Tunnel geht. Dort oben, in dieser schlichten Burg, an strategisch wichtiger Lage, nahm ein Reich seinen Anfang, das so gross wurde, dass dort die Sonne nie unterging, wie Kaiser Karl V. geprahlt hat. Leider waren die Habsburger dekadent. Aber sie haben auch viel Gutes gemacht. Es gelang ihnen, sich fast überall auszubreiten. Nur ihren Ausgangspunkt Schweiz haben sie bald verloren. Und sie haben es nie mehr geschafft, sich das verlorene Land zurückzuholen. Das ist doch ein interessantes Phänomen.

Johann Heinrich Pestalozzi, 1746–1827. Seine pädagogischen Schriften sind weltbekannt.

Johann Heinrich Pestalozzi, 1746–1827. Seine pädagogischen Schriften sind weltbekannt.

Was erzählen Sie den Aargauern über Pestalozzi? Gibt es noch Neues zu erfahren?

Wussten Sie, dass Pestalozzi weltweit der bekannteste Schweizer ist? Noch bekannter als Federer? Das sagt doch einiges über seine Bedeutung aus. Wirtschaftlich war er ein völliger Versager und als Vater eine Katastrophe. Aber seine Schriften sind herausragend. Und was mir erst jetzt bewusst geworden ist: Man darf Pestalozzi getrost als Erfinder des dualen Bildungssystems bezeichnen. Dass unsere Berufsleute zu den besten weltweit gehören, haben wir also auch Pestalozzi zu verdanken.

Warum betätigen Sie sich als Volkserzieher?

Ich mache das für die Leute, damit sie einen Bezug bekommen zu ihrer engeren Heimat, damit sie auch erfahren, was früher passiert ist, da, wo sie leben. Die Schweizer Geschichte wurde ja in den letzten Jahren häufig einfach ausgeschaltet, auch die Geografie. Manche kennen die Flüsse in Südamerika besser als unsere Flüsse in der Schweiz.

Zu Ihren «Würdigungen grosser Persönlichkeiten» kommen in der Regel über 1000 Personen. Wie erklären Sie sich das grosse Interesse?

Man muss die Geschichten so erzählen, dass die Leute gerne zuhören, dass sie gefesselt sind und gut unterhalten werden. Ich mache bis zu 20 Entwürfe pro Vortrag. Aber dann rede ich meistens frei, ohne Manuskript. Man muss den Leuten in die Augen schauen, mit den Augen reden. Damit sie sehen, der liest nicht einfach etwas ab, sondern der denkt, der erzählt für mich. Und ich rede über Persönlichkeiten, die mich auch interessieren. Sonst funktioniert das nicht. Im Toggenburg kam einmal nach meinem Vortrag eine Frau zu mir. Sie war aus dem Neckertal angereist, zwei Stunden durch Kälte und Schnee. Sie bedankte sich bei mir und sagte zufrieden: «Jetzt gehe ich ganz stolz heim.»

Werden Sie uns am 2. Januar 2016 in Zofingen «Eusi zwöi Chätzli» vorsingen?

Warten Sie es ab!

Christoph Blocher: Würdigung grosser Aargauer Persönlichkeiten. Samstag, 2. Januar 2016, 11 Uhr, Mehrzweckhalle Zofingen.