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«Cheslete»: Dieser Flurname hat nichts mit Käse zu tun – sondern mit einem Kessel

Ein kesselförmiger Geländeeinschnitt: Die Cheslete in Biberstein.

Ein kesselförmiger Geländeeinschnitt: Die Cheslete in Biberstein.

Am heutigen Chesletenrain in Biberstein stand keine Käserei – der Flurname hat eine völlig andere Bedeutung.

Zwischen Biberstein und Küttigen liegt der kleine, junge Weiler Wissbach. Oberhalb der Kirchbergstrasse windet sich am Sonnenhang durch grosszügige Häuser eine Strasse namens Chesletenrain hoch – und nach der Bedeutung dieses Namens fragt Frau Anna Hunziker. Der zweite Teil des Namens ist einfach zu erklären: Rain bedeutet so viel wie langgestreckter Abhang; steiler und weniger breit als eine Halde, aber weniger steil und dafür breiter als das Bort. Der erste Teil, also «Chesleten», ist da hingegen schon anspruchsvoller.

Die entscheidende Frage: Chessel oder Ches?

Der Namensbestandteil Chesleten ist aufzuteilen in «Ches» und den komplexen Suffix «-leten». Was heisst Ches? In der Mundart ist Ches durchaus als Käse zu verstehen. Ches würde dementsprechend auf die Herstellung von Käse verweisen. Auf der historischen Karte des Topographischen Atlas aus dem Jahr 1879 erscheint der Name in der Schreibung Käsleten dort, wo sich heute die oben beschrieben Strasse befindet.

Jetzt stellt sich die Frage, ist die Schreibung «Käse» oder wurde tatsächlich gekäst? Ebenso deutlich zeigt die Karte, dass eine Käserei weit ausserhalb der Dörfer Biberstein und Kirchberg nicht aufzufinden ist.

Interessanterweise liegt die heutige Flur Cheslete nicht mehr am Hang vorne, sondern viel weiter nördlich, in einer Geländemulde östlich des Chispisrain. Dass sich der Bedeutungsperimeter eines Flurnamens verändern kann, ist keine Seltenheit, auch wenn hier eine grosse räumliche Verschiebung vorliegt. Aber am neuen Standort macht der Name deutlich mehr Sinn. Die Geländemulde als Kessel zu verstehen, ist naheliegend. Der Name ist dann aber anders aufzuteilen: Nämlich in die Bestandteile «Chesl(e)» und das Suffix «-ete(n)».

Mit dem Suffix «-ete(n)» werden weibliche Namen, meist Substantive und Verben, gebildet, die auf eine gewisse Menge hinweisen oder das Ergebnis einer Tätigkeit ausdrücken. In Flurnamen bezeichnen solche Ableitungen jeweils Örtlichkeiten, wo etwas auffällig gehäuft vorkommt oder wo etwas Spezifisches geschieht oder gemacht wird. Beispiele dafür sind zahlreich, so die Luegete (Stelle mit bemerkenswerter Weit- oder Aussicht) in Küttigen, Dottikon oder Zetzwil, die Rütschete (Rutschgebiet) in Gipf-Oberfrick oder Schleipfete (Stelle, meist im Wald, an der Holz geschleift wird) in Oberhof.

Die Cheslete wäre demnach die Stelle, an der gekäst wird. Oder aber die Geländeform war Namenmotivation. Cheslete wäre demnach als die kesselförmige Stelle zu deuten. Daneben ist das Suffix «-ete(n)» in Flurnamen häufig verschliffen aus ursprünglichem «-ental», wobei der Wortteil «-tal» als Geländeeinschnitt, Senke oder eben Tal zu verstehen ist.

Historische Schreibungen: Ampflete bis Schnägglete

Um jeweils den Nachweis zu erbringen, sind historische Schreibungen zwingend – und lassen sich auch finden. Die «Schnägglete» in Ueken ist historisch als Schneckenthal überliefert und verweist wohl wegen der feuchten, schattigen Lage auf das grosse Vorkommen von Schnecken. «Ampflete» in Villigen entstand aus dem älteren Ampflental und bezeichnet einen Geländeeinschnitt, in dem speziell viel Ampfer wächst.

In der Aargauer Mundart wird die Pflanze ohne «-r» am Schluss, vielmehr als «Ampf(e)le» ausgesprochen. In Oberkulm liegt die Flur namens «Bütschetel», die auf Bütschenthal zurückgeht und Tal bei den kleinen Erhöhungen bedeutet.

In diesem Sinn ist auch Cheslete zu deuten. Auch wenn die gegenwärtig einzige historische Schreibung Käsleten einen Bezug zu einem Tal nicht direkt nachweist, so sind die Lage und die markante Verschiebung des Flurnamens wichtige Indizien dafür. Cheslete ist als der kesselförmige Geländeeinschnitt zu deuten. Alles andere ist Käse.

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