Die Diskussion verlief angeregt, kurzweilig und brachte überraschende Einsichten. Das Zentrum für Demokratie, das die Veranstaltung im Rahmen der 10. Aarauer Demokratietage durchführte, hatte vorsichtig optimistisch in den grossen Saal des Kultur- und Kongresshauses in Aarau geladen. Doch die Erwartungen wurden nicht ganz erfüllt. Rund 80 politisch Interessierte nützten die Chance und liessen sich auf das Thema ein.

Nur noch digital genügt nicht Moderator Christian Dorer, Chefredaktor der Blick-Gruppe, verstand es, die Gesprächsrunde immer wieder mit unerwarteten Fragen zu konfrontieren. «Zu wenig», nutze sie das Internet in ihrem politischen Alltag, sagte Renate Gautschy, Präsidentin der kantonalen Gemeindeammänner-Vereinigung. Und Regierungsrat Urs Hofmann sagte, es sei nicht seine Sache via Twitter zu kommunizieren. Zudem fehle ihm im Alltag schlicht die Zeit, sich ständig im Netz zu tummeln.

«Ganz andere Dynamik»

Professor Daniel Kübler vom Zentrum für Demokratie Aarau (ZDA) zeigte auf, wie sich durch die Digitalisierung die politische Kommunikation verändert hat: Früher war die Information langsamer. Journalisten filterten, bereiteten auf und präsentierten. Jetzt gebe es eine neue Beziehung zwischen Politiker und Publikum: Informationen sind ungefiltert, direkter und individueller. «Da ist eine ganz andere Dynamik», sagte Kübler. Allerdings seien solche raschen Informationen nicht immer sehr hilfreich, wie das Beispiel eines bekannten Präsidenten zeige.

Monika Waldis, Professorin am ZDA, bestätigte, dass es heute leicht möglich ist, nur noch Informationen wahrzunehmen, die einem passen. Tendenziell verleite das Netz dazu, nur noch mit Gleichgesinnten zu kommunizieren. Da brauche es das Gespräch, die Auseinandersetzung mit Andersgesinnten in der realen Welt. Einseitige Einflussnahme habe es auch schon früher
gegeben, hielt dem Hofmann entgegen: «Wir wollen die Vergangenheit nicht verklären. Ein einseitigeres Medium als das Aargauer Tagblatt der 70er-Jahre gab es wohl kaum.»
Eine Untersuchung habe gezeigt, dass in der Schweiz die Gefahr der «Filter-Bubbles», also die Reduktion der Welt auf Gleichgesinnte, überschätzt werde und bisher keinen Einfluss auf die direkte Demokratie in der Schweiz hatte, relativierte Kübler.

Es sei ein Fehler, wenn immer mehr Gemeinden ihre Informationen aus Spargründen nur noch ins Netz stellen, kritisierte Kübler. Das funktioniere nicht, man erreiche so viele Leute nicht und das Interesse am Geschehen in der Gemeinde schwinde weiter. Informationen sollten weiterhin auch analog verbreitet werden.

Emotionen braucht die Politik

Politik brauche Emotionen, sagte Kübler, eine Gemeindeversammlung müsse ein emotionaler Event sein, dann seien auch Junge motiviert, teilzunehmen. Renate Gautschy konterte mit einem Beispiel aus Gontenschwil: Normalerweise kämen etwa 80 Leute an die Gmeind. Bei Themen, wie etwa dem neuen Sportplatz, kämen dann aber auch schon mal 480. «Aber ich kann doch nicht einfach einen Sportplatz bauen lassen, nur damit viele Leute an die Gemeindeversammlung kommen.» Einig war sich die Runde, dass Schülerinnen und Schüler eine umfassende Medienbildung brauchen, die sich nicht bloss auf technische Fertigkeiten beschränken darf. Gefragt sind Reflexions- und Diskursfähigkeit über Medien und Demokratie; der neue Aargauer Lehrplan profitiert in diesem Bereich stark von der Arbeit des Zentrums für Demokratie.

Doch wie soll man die Digital Natives für Politik sensibilisieren? Professor Andreas Glaser, Direktor des ZDA, sagte, er wolle ja nicht zu Unruhen aufrufen. Politik sei immer auch ein Angebot. Eine Möglichkeit wäre doch, dass die Jugendlichen von diesem Angebot Gebrauch machen, sich einmischen, sich Gehör verschaffen und sich für ihre Anliegen zu Wort melden. Manchmal sei allerdings der Auslöser, weshalb sich jemand politisch engagiert, eher überraschend. So seien verschiedene junge Leute aus Protest gegen den Linken Cédric Wermuth in bürgerliche Parteien eingetreten. Worauf der SP-Regierungsrat Hofmann konterte, auch seiner Partei habe Wermuth durchaus einige junge Neumitglieder beschert. Allerdings weil sie mit ihm und nicht gegen ihn politisieren wollten.

In seinem Schlusswort brachte es Daniel Kübler dann auf den Punkt: «Politik ist ein unterschätztes emotionales Geschäft, das durchaus Spass machen kann.»