Hanfkonsum
Cannabis-Konsument: «Hanf zu erwerben war noch nie so schwierig wie heute»

Die Stadt Zürich möchte den Konsum von Cannabis für eine nationale Studie versuchsweise legalisieren. Gekifft wird aber schon lange, auch im Aargau. Cannabis-Konsumenten unterschiedlicher Generationen erzählen, wie sie heute zu ihrem Stoff kommen.

Daniel Vizentini
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Es ist immer schwieriger, an Cannabis zu kommen. (Symbolbild)

Es ist immer schwieriger, an Cannabis zu kommen. (Symbolbild)

Keystone

Raphael* ist 27 Jahre alt. Als er 13 war, rauchte er seinen ersten Joint. «Es ist unglaublich, wie viel sich in dieser Zeit verändert hat», sagt er. Damals, als er begonnen habe, Cannabis zu konsumieren, sei dies weniger verpönt gewesen als heute, findet er. «Zudem gab es Hanfläden, in denen man Cannabis einfach kaufen konnte.»

Diese Zeiten sind vorbei. Die Repression habe stark zugenommen, ungefähr seit der letzten verworfenen Abstimmung über die Legalisierung von Cannabis-Konsum in der Schweiz im Jahr 2008. «Es gab seitdem zwischendurch Zeiten, in denen man gar nichts bekommen hat», sagt Raphael. Und: Die Preise seien drastisch gestiegen. Bei Marihuana – das aus den Blüten der Cannabispflanze gewonnen wird – sei der Preisanstieg etwas tiefer ausgefallen.

Noch erstattet die Polizei Anzeige

Zwar haben die eidgenössischen Räte letztes Jahr entschieden, dass erwachsene Cannabis-Konsumenten künftig nur mir einer Ordnungsbusse von 100 Franken bestraft werden sollen, sofern sie nicht mehr als 10 Gramm besitzen. Doch diese Gesetzesänderung ist noch nicht in Kraft. «Derzeit gilt immer noch das gleiche Vorgehen: Befragung und Strafanzeige erstatten an die Staats- oder Jugendanwaltschaft», sagt Roland Pfister, Mediensprecher der Kantonspolizei Aargau. Die sogenannten grünen Taxis seien der Polizei bekannt. Er bestätigt einen verstärkten Einsatz der Behörden gegen den Handel mit Betäubungsmitteln in den vergangenen Jahren. Inzwischen seien die Fälle aber rückläufig: 2009 wurde in 301 Fällen Anzeige wegen Handels mit allen Arten von Betäubungsmitteln erstattet. 2010 waren es 275 Fälle, 2011 waren es 249. (dvi)

«Früher kostete ein Gramm rund 10 Franken, heute kann es bis zu 15 Franken kosten.» Bei Haschisch – das aus dem Harz der Pflanze gewonnen wird und psychoaktiv stärker wirkt – sei der Preis von 10 auf rund 22 Franken pro Gramm angestiegen. Haschisch stamme zudem fast immer aus dem Ausland. «Das sieht man an der zusammengepressten Verpackung.» Mit einem Gramm kann man zwei bis drei Joints drehen, so Raphael. «Früher eher zwei, heute eher drei – seit es so schwierig ist, an den Stoff heranzukommen, muss ich sparsam damit umgehen.» Raphael raucht heute rund zwei Joints am Tag.

Freunde als Bezugsquelle

Seine Bezugsquellen sind vor allem seine Freunde. Oft kaufe jemand eine grosse Menge Haschisch oder Marihuana ein und verkaufe Teile davon zum Einkaufspreis den Kollegen weiter. Das sei zwar schon früher so gewesen, doch heutzutage hole man den Stoff vor allem nur bei Personen, die man gut und lange kenne. «Cannabis-Konsum wird heute stärker illegal wahrgenommen als früher. Die Menschen haben mehr Angst, erwischt zu werden.» Trotzdem: Wer heute in der Stadt herumläuft, werde spätestens nach einer Stunde jemanden finden, der Haschisch oder Marihuana verkaufe. «Die Qualität ist aber dann bestimmt schlechter, das Zeugs oft mit Haarspray oder Zuckerguss gestreckt. Ich vertraue Dealern auf der Strasse nicht.»

Die Repression der letzten Jahre habe gemäss Raphael dazu geführt, dass «der Schwarzmarkt immer schwärzer und skurriler wurde». Cannabis-Konsumenten seien gezwungen, «sich in eine illegale Welt zu begeben», in der die Dealer auch harte Drogen mit sich tragen würden. Dies entspreche nicht mehr «dem Bild des friedlichen Kiffers». Für Raphael sei dies ein grosses Problem, vor allem bei jüngeren Konsumenten. «Als bald 30-Jähriger weiss ich, wie ich mit solchen zwielichtigen Gestalten – Drogendealern – umgehen muss. Als 16-Jähriger wäre ich überfordert gewesen.»

Ältere Cannabis-Konsumenten haben es noch schwieriger, an Stoff heranzukommen. «Hat man ein gewisses Alter überschritten, fehlt einem der Bezug zu den typischen Quellen», sagt die 50-jährige Isabelle*. Und wer keine Verbindungen habe, der komme kaum an Haschisch oder Marihuana heran. Früher ging Isabelle dafür in sogenannte Teestübli oder Hanfläden. Diese Quellen seien inzwischen aber versiegt. «Meine Bezugsquelle ist heute – und darauf bin ich gar nicht stolz – mein Sohn.» Eine andere Möglichkeit, an Cannabis heranzukommen, sehe sie derzeit nicht. «Ich kenne einige über 50-Jährige, die kiffen. Doch wenn ich sie nach Cannabis frage, sind sie immer sehr geschockt.» Viele ältere Erwachsene hätten Angst, sich nach aussen als Kiffer zu erkennen zu geben. «Ich stehe voll im Jobleben, bin Vorgesetzte in einer Firma. Das entspricht nicht dem Bild einer typischen Kifferin. Und trotzdem bin ich eine.» Isabelle habe auch schon ihre Hausärztin gefragt, ob sie ihr Cannabis verschreiben dürfe. «Das fragen mich sehr viele», habe diese geantwortet.

«Legalisierung Ja, aber nur mit griffigem Jugendschutz»

Bei einer möglichen Legalisierung des Cannabis-Konsums wäre für Jürg Siegrist von der Fachstelle Sucht des Kantons Aargau als Wichtigstes zu klären, «mit welchen konkreten Massnahmen ein griffiger Jugendschutz sichergestellt werden soll». Cannabis werde tendenziell unterschätzt, insbesondere von jungen Konsumenten. Hansjürg Neuenschwander von der Geschäftsstelle Suchtprävention Aargau (ags) bekräftigt, dass der schädliche Konsum von legalen oder illegalen Suchtmitteln zu körperlichen, psychischen und sozialen Problemen führt. Doch: «Die ags ist für eine Entkriminalisierung des Cannabis-Konsums, wenn entsprechende Jugendschutzbestimmungen eingeführt werden.» Im Aargau würde Cannabis nicht unterschätzt. Dies dank den wirkungsvollen Massnahmen der sogenannten Vier-Säulen-Politik, die beinhaltet: Prävention, Therapie, Schadenminderung und Repression. «Diese Massnahmen müssen ausgewogen sein, sonst erhalten unerwünschte Kräfte im Markt mehr Macht.» Im Aargau sei die Repression in einem guten Mass tätig gewesen, so Neuenschwander. Landesweit konsumieren gemäss dem schweizerischen Cannabismonitoring 10 Prozent der 13- bis 29-Jährigen Cannabis. Eine klare Verschiebung der Beschaffungsquelle von Hanfläden zum Bezug über Freunde wird bestätigt. (dvi)

«In den 70ern war das alles ganz anders. Man hatte auch eine grosse Vielfalt an Haschsorten. Heute nimmt man, was man bekommt», so Isabelle.

Wer selber Cannabis anpflanzt, hat es leichter. «Ich pflanze bei mir zu Hause an und kenne einige, die dies auch tun», sagt der 19-jährige Lukas*. Schwierigkeiten, an Gras heranzukommen, habe er noch nie gehabt. Einzig der Winter bereite ihm Probleme – weil die Pflanzen dann nicht wachsen. «Im schlimmsten Fall kenne ich einen Pizza-Lieferdienst, bei dem man Cannabis kaufen kann.»

Von sogenannten grünen Taxis – Hanf-Dealern, die Hauslieferdienst machen – habe Lukas noch nie gehört. Die 22-jährige Sarah* bestätigt aber: «Ich kenne zwei, die ein solches Taxi führen. Sie haben ein zweites Handy, auf dem sie Anfragen erhalten. Den Stoff bringen sie dann vorbei, abholen und bezahlen müssen die Kunden aber im Auto.»

Namen geändert