Muhen

Burebeiz «Schnägg» geht zu – der Wirt erzählt warum

Walter Lüscher mit Ehefrau Anni Lüscher vor dem Restaurant Bahnhof, «Schnägg» genannt, in Muhen.

Walter Lüscher mit Ehefrau Anni Lüscher vor dem Restaurant Bahnhof, «Schnägg» genannt, in Muhen.

Fast 30 Jahre lang waren die Brüder Lüscher Wirte des «Schnägg». Ein Blick zurück.

«Bin ich denn nicht mit dem ‹Schnägg› verbunden?» Mit dieser Frage werden Walter und Anni Lüscher oft konfrontiert, wenn sie sich am Telefon mit «Restaurant Bahnhof Muhen» melden. Woher der Übernahme kommt – möglicherweise vom schneckenförmigen Hefeklumpen, der sich im Bierhahn bilden kann – können sie nur vermuten. Die Müheler nennen die Wirtschaft schon so, seit Grossätti Julius Lüscher Anfang des 20. Jahrhunderts das Restaurant betrieb. In vierter Generation führen die Brüder Walter und Jürg Lüscher zusammen mit den Ehefrauen Anni und Priska Lüscher den Familienbetrieb nun schon. Ob eine fünfte folgt, ist unsicher. Die Ehepaare ziehen sich ab Juli aus dem Wirteberuf zurück, eine Nachfolge für den «Schnägg» ist noch nicht geregelt.

Der Entscheid, als Wirte aufzuhören sei über längere Zeit gereift, sagt Walter Lüscher. Seine Frau und er haben die 60 überschritten, Walter Lüscher hat drei Gefässoperationen hinter sich. Die Belastungen durch den Beruf könnten sie in Zukunft nicht mehr bewältigen. Etwa solche wie an jenem Silvesterabend, als Kuh Linda Zwillingskälbchen gebar, während im Restaurant ein 7-Gänge-Menü aufgetischt wurde: «Nach der Suppe half ich dem ersten Kalb auf die Welt, nach dem Salat folgte das zweite. Dazwischen duschte ich.»

Jürg Lüscher (mit Frau Priska) betreibt den Familien-Bauernhof.

Jürg Lüscher (mit Frau Priska) betreibt den Familien-Bauernhof.

Für Muhen geht damit nach 164 Jahren eine Ära zu Ende. Diese begann mit dem Kampf von Urgrossätti Lüscher, für den damaligen Bauernbetrieb ein Wirtepatent zu bekommen. Der benachbarte Gasthof Bären, der Prestigekunden wie Postkutschen-Reisende verköstige, fürchtete den Verlust von Gästen. Grossätti Julius Lüscher liess dann um 1900 einen Teil des Hauses zum Restaurant umbauen.

Mit Säuliblut gestolpert

Der gelernte Bauer Walter Lüscher und seine Frau Anni übernahmen den Betrieb 1989. War das Restaurant unter dem Vater immer noch ein Nebenerwerb zum Hof gewesen, erlangte der «Schnägg» unter dem Nachwuchs die heutige Bedeutung als Dorfwirtschaft. «Da meine Frau Koch ist, wollten wir Hof und Restaurant professionell führen», sagt Walter Lüscher. Sie vergrösserten das Lokal und stiegen auf den Trend auf, neben Gästen für Znüni, Mittagessen und Feierabendbier, vermehrt Abendgäste zu verköstigen.

Bruder Jürg, ebenfalls gelernter Bauer, und seine Frau Priska stiegen kurze Zeit später ein und kümmerten sich um den Hof. Die Verwendung von hofeigenen Produkten ist bis heute ein «Schnägg»-Markenzeichen. Das andere, die Metzgete-Wochenenden, die zwischen Oktober und Februar jeweils über 4000 Gäste anzogen, wurden schon von Walter Lüscher sen. eingeführt. Zum Grossereignis wurde die Metzgete jedoch erst durch ein Missgeschick, als Walter Lüscher noch ein Knabe war. Er stolperte mit einem Eimer Schweineblut, worauf für die Blutwürste Ersatz aus dem Schlachthaus Aarau besorgt werden musste. Ab sofort wurde jede Metzgete durch Zukäufe gestreckt.

Der Wirt als Politiker

Neben seinem Wirteberuf war Walter Lüscher lange als SVP-Mitglied in der Finanzkommission und hätte gar in den Grossen Rat nachrutschen können. Die Verbindung Beizer und Politiker möchte er aber niemandem empfehlen: «Zwar kam ich mit Kollegen der anderen Parteien sehr gut aus, gleichwohl barg meine Doppelfunktion eine gewisse Brisanz.» Je drei Kinder haben die beiden Lüscher-Brüder, davon hat nur eines den Weg ins Gastgewerbe gewählt. Ob ein Nachkomme das Restaurant dereinst weiterbetreibe, zeige die Zeit, sagt Walter Lüscher. Der Betrieb mit sechs geöffneten Tagen à 16,5 Stunden sei für sie nur dank intensiver Mithilfe der Familienmitglieder zu bewältigen gewesen. Denn an den Gehältern der Angestellten zu schrauben, das sei für ihn nie infrage gekommen. Diese Belastung entspreche nicht mehr dem heutigen Verständnis von Lebensqualität. Die Wirte wollten sie dem Nachwuchs nicht zwingend zumuten. Die Epoche der Dorfwirtschaft nach bisherigem Konzept sei wohl zu Ende.

Wehmut scheint den abtretenden Wirt deshalb aber nicht zu plagen: «Durch den Wandel der Gesellschaft ändert sich unweigerlich auch die Gastronomie. Deswegen zu jammern, bringt aber nichts.» Ganz zur Ruhe setzen werden sich die Lüschers nicht. Der Hof und ein Grosskind würden schon dafür sorgen, dass keinem von ihnen die Arbeit ausgehe.

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