Kurz bevor die Abstimmungsveranstaltung zur Energievorlage vom 21. Mai mit Bundespräsidentin Doris Leuthard in Aarau beginnen konnte, mussten noch jede Menge Stühle in den grössten Saal im Gasthaus «Schützen» reingetragen werden. Das zeigt: Das Thema interessiert und bewegt. Die vom Verein SwissCleantech eingeladene Referentin legte gleich die Hauptmotivation für die Energiestrategie 2050 dar: «Wenn weltweit alle immer mehr Energie verbrauchen, geht es irgendwann nicht mehr auf. Wir müssen zudem den Anteil der fossilen Energien zurückdrängen, und die Auslandabhängigkeit verringern.»

Es gebe Leute, die ihr vorwerfen, sie habe nach Fukushima zu emotional reagiert, sagte die Energieministerin, und lieferte ihre Antwort gleich mit: «Das ist Nonsens. Sie finden heute niemanden mehr, der ein KKW baut. Es wäre einfach zu teuer.» Sie sei gespannt, wofür diejenigen sind, die die Vorlage ablehnen, sagte Leuthard, und fügte herausfordernd an: «Nein sagen ist sehr einfach, das kann auch ein Kind.»

Vorschriften für Heizzeitpunkt?

Diesen Ball nahm der SVP-Nationalrat und Gegner der Vorlage Thomas Burgherr in der anschliessenden Podiumsdiskussion sogleich auf. «Kinder sagen gern ja», sagte er in Anspielung auf die geplanten zusätzlichen Abgaben, «wenn sie ein Geschenk bekommen». Er glaubt nicht, dass es gelingt, bis 2035 so viel Energie zu sparen wie geplant, und will keine Technologieverbote. Effiziente Geräte entstünden im freien Unternehmertum schon jetzt. Er fürchtet, «dass uns eines Tages befohlen wird, wann am Tag wir heizen dürfen».

«Das werden wir ganz sicher nicht tun», antwortete ihm Hans-Kaspar Scherrer, CEO der IB Aarau (IBA). Gerade Aarau zeige erfolgreich, wie viele Projekte für die Energiezukunft möglich seien: «Lasst uns starten. Wir sind noch lange nicht am Ziel, aber wir werden es erreichen! Und wenn all das nicht reicht, hätte ich schon noch ein paar weitere Ideen», rief er in den Saal.

«Von Euch hört man nur Nein»

Gleicher Meinung zeigte sich BDP-Nationalrat Bernhard Guhl. Auch in zehn Jahren würde das Volk kein neues KKW gutheissen, so Guhl: «Und selbst wenn, bis es gebaut wäre, ist 2035 längst vorbei.» Er vermisst eine Alternative der Gegner: «Wir haben ein Konzept, von Euch hört man immer nur Nein.» Viele Entwicklungen seien nicht nur auf freies Unternehmertum zurückzuführen, so Guhl zu Burgherr: «Der Verkehr senkt seinen CO2-Ausstoss nicht nur freiwillig, da sind auch Vorgaben dahinter, ebenso bei neuen, energieeffizienteren Gebäuden.»
Den Befürwortern hielt der Unternehmer und Präsident der Aargauischen Industrie- und Handelskammer, Daniel Knecht entgegen, man müsse nicht alles selber machen, wenn es andere günstiger können. Er lehnt die Vorlage als «ordnungspolitischen Sündenfall und Bürokratiemonster» ab und fürchtet um die für Unternehmen vorrangige Versorgungssicherheit. Er setze gern Neues ein, doch: «Am Ende des Tages muss man abrechnen. Was kostet es, was bringt es?» Knecht ist überzeugt, dass die Energiewende sehr viel teurer wird.

Das liess Doris Leuthard nicht auf sich beruhen. Die 40 Franken weise man klar aus, angebliche Kosten von 3200 Franken pro Jahr seien ein «Mogel-Vogel». Das Speicherproblem im Winter müsse man noch lösen. Der Applaus im Saal zeigte: Das Publikum war der Vorlage augenscheinlich mehrheitlich wohlgesinnt. In einer von Moderatorin Marianne Klopfenstein durchgeführten Konsultativbefragung machten sie aber auch deutlich, dass nicht nur Daniel Knecht, sondern allen die Versorgungssicherheit sehr wichtig ist.