Tag für Tag rollen im Aargau tausende Autofahrer über Überbleibsel aus vergangenen bedrohlichen Zeiten. Den wenigsten dürfte bewusst sein, welch explosiver Inhalt sich früher in den unauffälligen Schächten entlang der Strassen befunden hat. Bei einem Angriff während des Zweiten Weltkriegs und des Kalten Kriegs wären zentrale Verkehrswege mit Sprengstoff zerstört worden, um den Vormarsch des Feindes zumindest zeitweise aufzuhalten – so lautete der Plan. Dem Aargau als Grenzkanton kam dabei eine besondere Stellung zu.

Entsprechend hoch ist die Zahl jener Sprengobjekte, die auf dem Kantonsgebiet errichtet wurden: 175. Ein Objekt ist eine Sperrstelle in Strassen- oder Zugverbindungen und besteht aus mehreren Sprengschächten. Heute befinden sich noch 118 Sprengobjekte im Aargau, 57 wurden bislang zurückgebaut. Um wie viele Schächte es sich im Aargau handelt, hält das Bundesamt für Rüstung Armasuisse unter Verschluss. «Klassifiziert», lautet die Antwort von Sprecher Kaj-Gunnar Sievert. Diese befänden sich an «strategisch wichtigen Punkten auf dem ganzen Kantonsgebiet». Wo diese genau liegen, will Armasuisse «aus Informationsschutzgründen» nicht verraten.

Eine kriegerische Tradition

Einen Hinweis auf die Standorte gibt das Verzeichnis der Sperrstellen im Kanton Aargau. Dort sind unter anderem die Koblenz-Aarebrücke, das Riburg-Kraftwerk sowie die Eisenbahn- und Strassenbrücken über die Aare und die Reuss im Raum Brugg-Gebenstorf-Vogelsang erwähnt. Armasuisse-Sprecher Sievert sagt, es dürfe davon ausgegangen werden, dass im Umfeld von Grenzsicherungsanlagen auch Sprengschächte eingebaut wurden.

«Wo die natürlichen Zerstörungslinien im Aargau sind, liegt auf der Hand. Die Flusswellen im Wappen machen deutlich, was den Kanton prägt», sagt Historiker und alt Grossrat Jürg Stüssi-Lauterburg. «Ohne Brücken werden die Flüsse zum Hindernis.» Brücken zu zerstören, um den Vormarsch des Gegners zu stoppen, habe in der Kriegsführung eine lange Tradition.

Bei einer Invasion aus dem Norden beispielsweise hätte der Widerstand am Rhein den Truppen im Hinterland Zeit für Mobilisation und Bereitstellung verschafft, um einen Angriff besser abwehren zu können. Zu genauen Standorten von Sprengschächten will sich der altgediente Generalstabsoffizier nicht äussern. Er sagt nur: «Flüsse, Gebirgszüge, Strassen entscheiden im Krieg alles.»

Sprengstofffrei seit 2014

FDP-Grossrat und Militärhistoriker Titus Meier sagt über die Positionen der Sprengschächte: «Ein Blick auf die Kantonskarte zeigt, wo diese liegen müssen.» An exponierten Stellen auf wichtigen Strassen, auf Brücken über die Aare oder den Rhein, bei Tunnelportalen, zählt Meier auf. Schlagzeilen machte 2014 die Holzbrücke zwischen Stein und Bad Säckingen. Dort wurde damals der letzte Sprengstoff ausgebaut; die deutschen Behörden kritisierten, sie seien nicht über die explosive Ladung informiert gewesen. Zwischen 1993 und 2014 seien schweizweit alle Sprengladungen entfernt worden, betont Armasuisse-Sprecher Sievert.

Zu einem Vorfall mit der explosiven Ladung sei es nie gekommen. Eine Gefahr habe für die Aargauer Bevölkerung nie bestanden, sagt auch Titus Meier. «Eine Explosion muss mit dieser Art von Sprengstoff ganz bewusst und fachmännisch ausgelöst werden, einfach so fliegt nichts in die Luft.»

Der militärische Nutzen von Sprengschächten ist in der heutigen Zeit gering. Titus Meier: «Seit dem Fall der Berliner Mauer hat sich die Ausgangslage komplett verändert. Ein militärischer Angriff ist derzeit unwahrscheinlich und der Sprengstoff in die Jahre gekommen.» Dazu kommt: Inzwischen gibt es militärisch andere Optionen, um Verkehrsachsen zu unterbrechen und das Vordringen der gegnerischen Truppen zu behindern. «Trichtersprengladungen sind mobiler und günstiger», sagt Meier. Diese würden wie ein Stativ aufgestellt und könnten einen Krater in den Boden sprengen. Ausserdem lassen sich durch den Rückbau Unterhaltskosten von rund 2000 Franken pro Jahr und Objekt sparen. Aus diesen Gründen werden die Sprengschächte Stück für Stück zurückgebaut. Immer dort, wo ohnehin eine Sanierung ansteht. Noch bis 1996 wurden gar einzelne Sprengobjekte bei Strassenbauprojekten erneuert.

Ein Schacht für die Nachwelt

Titus Meier hofft, dass trotz Abbauplänen der eine oder andere Schacht für die Nachwelt erhalten bleibt. Er könnte sich etwa vorstellen, dereinst bei einer Sperrstelle einen Schacht und die dazugehörige Kammer, in der die Sprengung vorbereitet worden wäre, der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Und Historikerkollege Stüssi-Lauterburg sagt: «Im Aargau wird viel getan, um die militärischen Anlagen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs und des Kalten Kriegs für die Nachwelt zu sichern.» Aber es sei unmöglich und nicht sinnvoll, alles zu erhalten. «Ich habe Vertrauen in die Verantwortlichen, dass sie auch bei den Sprengschächten die richtigen Entscheide treffen.»