AHV-Abstimmung

Buhlen um Aargauer Wähler: Rentenk(r)ampf statt Badenfahrt

Angeregte Podiumsdiskussion in Niederrohrdorf: SP-Ständerat Paul Rechsteiner und Befürworter der Rentenreform 2020 (links) duellierte sich mit der FDP-Präsidentin Petra Gössi (rechts). Moderiert wurde der  Schlagabtausch von AZ-Redaktor Mathias Küng.

Angeregte Podiumsdiskussion in Niederrohrdorf: SP-Ständerat Paul Rechsteiner und Befürworter der Rentenreform 2020 (links) duellierte sich mit der FDP-Präsidentin Petra Gössi (rechts). Moderiert wurde der Schlagabtausch von AZ-Redaktor Mathias Küng.

Ein Podium zur AHV stiess auf grosses Interesse, obwohl gleichzeitig die Badenfahrt die Massen anzieht. Warum Petra Gössi gegen die Anhebung des Frauenrentenalters ist, und wie Paul Rechsteiner die Aargauer Rentner überzeugen will.

Über die Zukunft der Altersvorsorge diskutieren oder an der Badenfahrt den lauen Sommerabend ausklingen lassen? Vor dieser Wahl stand am Mittwochabend wohl so manch politisch Interessierter aus der Region Baden. Und offenbar bewegt die Abstimmung am 24. September über die Rentenreform 2020 die Bevölkerung mehr, als man glaubt.

Denn die Organisatoren des hochkarätig besetzten Polit-Podiums mit SP-Ständerat Paul Rechsteiner und FDP-Schweiz-Präsidentin Petra Gössi rechneten wegen der Umstände mit einem geringen Publikumsaufkommen. Letztlich fanden sich aber beachtliche 100 Personen in der Aula der Schule Hüslerberg in Niederrohrdorf ein. Es mussten sogar noch kurzfristig Stühle rausgestellt werden, um den Andrang bewältigen zu können.

Die grosse Mehrheit des Publikums waren Rentnerinnen und Rentner sowie Menschen, die kurz vor der Pension stehen. Obwohl die SP Tägerig zum Polit-Talk lud, waren auch einige Freisinnige zugegen. Insgesamt überwogen wohl trotzdem die Anhänger von Gewerkschafter Paul Rechsteiner jene, welche die Gegenkampagne von FDP-Schweiz-Präsidentin Petra Gössi unterstützen.

Moderator und AZ-Politchef Mathias Küng stellte beim einstündigen Schlagabtausch zwischen Rechsteiner und Gössi die drei umstrittensten Punkte der Rentenreform (siehe Box) ins Zentrum. Dass Gössi die Erhöhung des Frauenrentenalters von 64 auf 65 Jahre kritisierte, war die grösste Überraschung des Abends.

«Es kann doch nicht sein, dass wir unseren Kindern einen Schuldenberg hinterlassen.» Petra Gössi, FDP-Schweiz-Präsidentin. Paul Rechsteiner , SP-Ständerat: «Wenn wir nichts tun, könnte es der AHV gleich ergehen wie der IV; Kürzung der Leistungen.»

Petra Gössi ist gegen die Anhebung des Frauenrentenalters, Paul Rechsteiner befürchtet eine Kürzung der Leistungen.

«Es kann doch nicht sein, dass wir unseren Kindern einen Schuldenberg hinterlassen.» Petra Gössi, FDP-Schweiz-Präsidentin. Paul Rechsteiner , SP-Ständerat: «Wenn wir nichts tun, könnte es der AHV gleich ergehen wie der IV; Kürzung der Leistungen.»

Immerhin war es die FDP, die ein Rentenalter von 67 Jahren forderte. Doch im Zusammenhang mit der vorliegenden Reform sei eine Anhebung des Frauenrentenalters auf 65 unfair, so Gössi. Ihre Begründung: «Wenn die Frauen ein Jahr länger arbeiten, bringt uns das etwa 1,2 Milliarden Franken ein. Damit würde das weibliche Geschlecht fast für die ganzen 1,4 Milliarden Franken Mehrkosten aufkommen, die die 70 Franken mehr AHV-Renten jährlich verursachen würden.»

Rechsteiner wies das Publikum daraufhin, dass er sich im Ständerat stets gegen eine Erhöhung des Rentenalters der Frauen aussprach, sich aber letztlich der Mehrheit fügen musste. «Auch ich habe einige Kröten geschluckt. Das Gesamtpaket der Reform überwiegt aber deutlich», hielt er fest. Zur Finanzierungsfrage des umstrittenen Renten-Ausbaus in der 1. Säule hat er eine andere Auffassung als Gössi: Diese Mehrkosten würden über eine Mehrwertsteuererhöhung von 0,6 Prozent finanziert, und nicht über das angehobene Pensionsalter der Frauen.

Gössi hinterfragt den Bund

Die FDP-Präsidentin liess im Streit über Sinn und Unsinn des AHV-Ausbaus nicht locker, hinterfragte die Prognosen des Bundes. Dieser geht dabei von einer durchschnittlichen Wirtschaftsentwicklung der letzten Jahre aus. «Wenn es in eine andere Richtung gehen sollte, wird das Loch in der AHV-Kasse noch grösser», sagte sie. Deshalb habe die FDP dem Parlament vorgeschlagen, auf drei starke Säulen zu setzen «und nicht die AHV auszubauen und so die berufliche Vorsorge zu schwächen».

Rechsteiner bezeichnete die Sorge Gössis als «plumpe Angstmacherei». Er wies darauf hin, dass man die Senkung des Umwandlungssatzes in der obligatorischen beruflichen Vorsorge von 6,8 auf 6 Prozent irgendwie ausgleichen müsse, wenn man einen Renten-Abbau verhindern wolle. Dabei unterstrich er seine Überzeugung, dass die AHV das zuverlässigste Sozialwerk der Schweiz sei. Dies mehr denn je, da auf den Kapitalmärkten zurzeit extreme Verhältnisse mit Negativzinsen vorherrschen würden. «Oder wer vom älteren Semester hätte sich die aktuelle Situation einst vorstellen können?», fragte er in die Runde.

Junge fühlen sich benachteiligt

Bevor Moderator Mathias Küng die Diskussion für das Publikum öffnete, wollte er von Rechsteiner wissen, weshalb die anwesenden Rentnerinnen und Rentner für die Reform stimmen sollten. Sie würden von den zusätzlichen 70 Franken AHV-Rente ja nicht profitieren, müssten aber gleichwohl die Mehrwertsteuererhöhung mittragen. Rechsteiner antwortete, dass auch die Rentner ein grosses Interesse an einer gesunden 1. Säule haben sollten. «Denn wenn wir nichts unternehmen, könnte es der AHV gleich ergehen wie der IV. Also eine Kürzung der Leistungen», sagte er.

«Und weshalb sollten die Jungen ein Nein in die Urne legen?», wandte sich Küng an Gössi. «Weil die junge Generation die grosse Verliererin ist», antwortete die FDP-Nationalrätin und wandte sich ans Publikum: «Es kann doch nicht sein, dass wir unseren Kindern und Enkeln einen Schuldenberg hinterlassen.» Alle Jungparteien (ausser jene der CVP) würden Seite an Seite gegen die Reform kämpfen, weil sie die Generationengerechtigkeit nicht mehr spüren, fuhr sie fort.

Eine Frage aus dem Publikum schloss die angeregte Diskussion: «Was wären die Folgen eines Neins am 24. September?» Gössi antwortete: «Dann erarbeiten wir eine ausgewogene Reform für alle drei Säulen.» Rechsteiner bezweifelt dies, da die Gegner der Reform aus den unterschiedlichsten Lagern kommen. «Die Interessen liegen für einen Kompromiss zu weit auseinander, und wir brauchen jetzt eine Reform.»

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