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Büezer wählen SVP, Topverdiener SP: Studie zeigt, welche Partei bei wem gut ankommt

Wer wählte wen bei den Aargauer Wahlen? Eine neue Studie gibt erstmals Antworten und zeigt, welche Partei bei Jungen, Frauen, Chefs besonders viele Stimmen holte.

Manuel Bühlmann
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Sandra Ardizzone

Viel wurde schon geschrieben über die Wahlen vom letzten Herbst im Aargau, doch eine Frage ist bislang unbeantwortet geblieben: Wer hat wen gewählt? Zum ersten Mal ist diese Frage nun nach Grossratswahlen im Kanton Aargau von den beiden Politologen vom Zentrum für Demokratie Aarau (ZDA), Thomas Milic und Uwe Serdült, untersucht worden. Basis für die neue Studie ist eine Onlinebefragung von rund 1500 Aargauer Wahlberechtigten. Die Befragung erfolgte zwischen dem 21. und 24. Oktober über einen Fragebogen auf der Website der Aargauer Zeitung.

Alter: Die ü60-Partei Die SVP als wählerstärkste Partei ist über alle Altersklassen hinweg am besten vertreten. Auffallend: Die FDP schnitt bei den über 60-Jährigen besonders gut ab. 20 Prozent dieser Altersgruppe entschieden sich für die Freisinnigen, das ist der zweitgrösste Wert nach der SVP. Bei den jungen Wählern kamen die Grünen auffällig gut an: 10 Prozent macht die Gruppe der 18- bis 39-Jährigen aus – ein überdurchschnittlich hoher Wert. Das gute Abschneiden bei den Jungwählern werde zwar oftmals als Indiz für das Zukunftspotenzial einer Partei gewertet. Das sei zwar nicht grundlegend falsch, «aber genauso wenig ein ehernes Gesetz», schreiben die Studienautoren.
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Berufliche Stellung: Die Eliten-Partei Die Studienautoren bezeichnen die Freisinnigen als «Partei einer erfolgreichen wirtschaftlichen Elite». Dies nicht nur aufgrund der höheren Einkommen, sondern auch wegen des grossen Anteils jener Wähler, die im Beruf in einer führenden Position sind. Obwohl die FDP bei den Grossratswahlen nur rund die Hälfte der Stimmenanteile der SVP erhalten hat, gaben unter den Befragten 28 Prozent der Freisinnigen an, beruflich eine Direktionsfunktion auszuüben (SVP 29 Prozent). Auffallend bei der CVP ist der relativ hohe Anteil Selbständigerwerbender.
Konfession: Die Katholiken-Partei Dass das religiöse Milieu, in dem man aufgewachsen ist, immer noch eine Rolle beim Wahlentscheid spielt, zeigt sich am Beispiel der CVP. Überdurchschnittlich viele ihrer Wähler sind römisch-katholisch. Anders bei den beiden wählerstärksten Parteien im Kanton: «SP- und SVP-Wählende scheinen punkto Konfession neutraler ausgerichtet zu sein.» FDP-Wählende hingegen finden sich verstärkt unter den Reformierten.
Geschlecht: Die Frauen-Partei Die SP war die Siegerin der Grossratswahlen: Fünf Sitze konnte sie zulegen. Den Erfolg verdankt die Partei zu einem grossen Teil den Frauen. Bei den Wählerinnen (23 Prozent) kamen die Sozialdemokraten deutlich besser an als bei den Wählern (16). Über die Gründe können die Studienautoren nur spekulieren. Eine These: Da die Aargauer Wahlen in die Zeit des US-Wahlkampfs fielen, könnte angesichts der frauenfeindlichen Sprüche des heutigen US-Präsidenten ein Anti-Trump-Reflex mitgespielt haben. Aber auch weibliche Identifikationsfiguren innerhalb der eigenen Partei könnten zur grossen Zustimmung beigetragen haben.
Bildung: Die Büezer-Partei «Die eigentliche Arbeiterpartei ist auch im Kanton Aargau heutzutage die SVP und nicht mehr die SP», schreiben Thomas Milic und Uwe Serdült. Das zeigt sich insbesondere bei der Ausbildung: 44 Prozent jener Befragten, die eine Berufslehre absolviert haben, geben an, die SVP gewählt zu haben; der Anteil mit einem Hochschulabschluss liegt bedeutend tiefer bei 28 Prozent. Umgekehrt ist das Verhältnis bei der SP: Sie hat überdurchschnittlich viele Stimmen bei Absolventen einer höherstufigen Ausbildung geholt.
Einkommen: Die Gutverdiener-Parteien Unterschiede stellt die ZDA-Studie auch in Bezug auf das Haushaltseinkommen fest. Befragte, die monatlich über 7000 oder gar über 12 000 Franken zur Verfügung haben, tendierten häufiger zur FDP. Aber auch die SP ist bei den gut bis sehr gut Verdienenden stark vertreten. Das führen die Studienautoren unter anderem auf die Staatsangestellten mit guten Löhnen zurück, besonders aus den Bereichen Gesundheits- und Sozialwesen sowie Ausbildung und Forschung, von denen viele die Sozialdemokratische Partei unterstützen. Die SVP ist hingegen bei den Befragten mit einem Haushaltseinkommen unter 7000 Franken am stärksten vertreten, wodurch die Studie das Büezer-Image bestätigt sieht.
Erwerbsstatus: Die Vollzeit-Parteien Untersucht haben die Politologen auch die Frage, welche Parteien bei Vollzeit-, Teilzeiterwerbstätigen und Pensionierten am meisten Stimmen holen konnten. Das Vollzeitmodell ist besonders bei Anhängern der bürgerlichen Parteien SVP und FDP beliebt. Bei allen anderen Parteien sind die Teilzeitarbeiter stärker vertreten – auch bei der CVP. Bei der SP ist jene Gruppe, die nicht zu 100 Prozent arbeitstätig ist, deutlich grösser als jene der Vollzeitbeschäftigten.

Alter: Die ü60-Partei Die SVP als wählerstärkste Partei ist über alle Altersklassen hinweg am besten vertreten. Auffallend: Die FDP schnitt bei den über 60-Jährigen besonders gut ab. 20 Prozent dieser Altersgruppe entschieden sich für die Freisinnigen, das ist der zweitgrösste Wert nach der SVP. Bei den jungen Wählern kamen die Grünen auffällig gut an: 10 Prozent macht die Gruppe der 18- bis 39-Jährigen aus – ein überdurchschnittlich hoher Wert. Das gute Abschneiden bei den Jungwählern werde zwar oftmals als Indiz für das Zukunftspotenzial einer Partei gewertet. Das sei zwar nicht grundlegend falsch, «aber genauso wenig ein ehernes Gesetz», schreiben die Studienautoren.

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Bis anhin wurden die Stimmberechtigten meist telefonisch befragt. Kein leichtes Unterfangen in Zeiten, in denen viele Personen über keinen Festnetzanschluss mehr verfügen. Nachbefragungen über Websites sind zudem deutlich günstiger, ermöglichen aber dennoch gute Stichproben. «Den Onlinebefragungen gehört die Zukunft», sagt Uwe Serdült, einer der beiden Studienautoren. Verzerrungen gibt es aber auch dabei, weshalb die Antworten gewichtet werden. Ein Beispiel: Haben sich überdurchschnittlich viele junge Personen beteiligt, muss dies wieder ausgeglichen werden, um eine möglichst genaue Abbildung jener 32,8 Prozent der Aargauer Bevölkerung zu erhalten, die im Herbst an die Urne gingen. Die Ergebnisse gewähren Einblicke in die sozialen Merkmale der Anhänger der fünf wählerstärksten Parteien – aufgeteilt in sieben Kategorien: Alter, Geschlecht, Bildung, Konfessionszugehörigkeit, Haushaltseinkommen, Erwerbsstatus und berufliche Stellung. Ablesen lässt sich etwa, welche Partei besonders gut bei Frauen (SP), bei Katholiken (CVP), bei über 60-Jährigen (FDP), bei Jungen (Grüne) oder bei Büezern (SVP) ankommt.

Zentrum für Demokratie

Die Wähler entscheiden freier

Im Unterschied zu früher sind die Entscheide weniger stark durch die sozialen Milieus geprägt. Thomas Milic: «Lange Zeit war das Umfeld, in das jemand hineingeboren worden ist, entscheidend für die Parteipräferenz.» Das habe sich stark verändert. «Heute bilden sich die Wähler ihre Meinung aufgrund eigener Erfahrungen und sind als Individuum freier bei ihrem Entscheid.» Uwe Serdült greift zum Stift und zeichnet mit Pfeilen, was die Forschung bewiesen hat: Soziale Merkmale beeinflussen die politische Einstellung, die wiederum einen noch grösseren Einfluss auf den Wahlentscheid haben.

Beweis für rechten Aargau

Die Nachbefragung, die mit finanzieller Unterstützung der Freunde des Zentrums für Demokratie Aarau realisiert werden konnte, gibt auch Aufschluss über die politische Ausrichtung des Kantons Aargau, der gemeinhin im Ruf steht, politisch rechts ausgerichtet zu sein. Und tatsächlich schreiben die Studienautoren: «Die Wählenden tendieren stärker nach rechts als die Gesamtschweiz.» Angesichts vergangener Wahl- und Abstimmungsergebnisse sei dies zwar zu erwarten gewesen, doch nun liege auch «die empirische Evidenz» vor, wie in der Studie steht. Demnach gebe es für die Parteien rechts der Mitte das deutlich grösste Wählerpotenzial abzuholen.