Johann F. Dobler ist empört. Und traurig. Aber im Moment überwiegt die Empörung. Dass er gegen den Jäger, der seinen Kater «Mingo» irrtümlich erschossen hat, Strafanzeige eingereicht hat, ist für ihn notwendige Zivilcourage. Er habe nichts gegen die Jagd und die Jäger, sagt Dobler, die Jagd sei notwendig. «Aber es geht nicht, dass ein Jäger nach Lust und Laune Tiere abschiesst. Da muss ich Gegensteuer geben.» 

Jäger erschiesst Büsi

Jäger erschiesst in Rothrist irrtümlicherweise ein Büsi

Tod auf dem Abendspaziergang

Unvermittelt fragt Dobler den Journalisten: «Haben Sie Tiere?» Als dieser verneint, meint Dobler: «Wenn Sie Tiere hätten, dann wäre das jetzt eine ganz andere Kommunikation.»

Die beiden Reporter von Tele M1 und vom «Blick», die hätte ihm der Himmel geschickt. Denn die seien tierliebend und hätten auch in seinem Sinne vom ungeheuerlichen Ereignis berichtet. «Wissen Sie, wer Tiere nicht kennt, kann gar nicht verstehen, was ein Tier einem geben kann.» Aber er verurteile deshalb niemanden. 

Dobler übergibt dem Journalisten ein vierseitiges Dokument. Darauf hat er in einer schlaflosen Nacht minutiös festgehalten, sich was an jenem 11. Februar 2015 und den folgenden Tagen zugetragen hat:

Wie sich Kater «Mingo», auf den Abendspaziergang in den nahen Wald gemacht hatte, von dem er nie mehr zurückkehren sollte; wie plötzlich zwei Schüsse aus dem Unterholz hallten, wie sie voller Angst und Sorge «Mingo» suchten und ihn erst zwei Tage später fanden, tot, irrtümlich erschossen von einem Jäger, der die Katze für einen Fuchs gehalten hatte.

Das «Spatzhüsli» am Waldrand

Dobler und seine Frau stehen unter Schock, sind traurig, auch weil sie vermuten müssen, dass ihr «Mingo» noch einen stundenlangen Todeskampf austragen musste. Und sie werden wütend, als der Jäger kein Mitgefühl zeigt, sich nur halbherzig entschuldigt und sich einzig erkundigt, was denn die Katze gekostet habe.

Jetzt liegt der tote Kater zu Hause bei Dobler in der Kühltruhe. Aufbewahrt hat Dobler auch die beiden Kotklümpchen, die er vor dem Fuchsbau fand. Kadaver und Kot sollen in die Pathologie. Dobler und seine Frau wollen wissen, wie genau «Mingo» ums Leben gekommen ist – und vor allem, wie lange seine Leidenszeit gedauert hat. Das gehört zur Trauerarbeit.

Johann F. Dobler wohnt mit seiner Frau im «Spatzhüsli», einem Niederstudhaus aus dem späten 18. Jahrhundert im idyllischen Weiler Gländ in Rothrist. Das Haus am Waldrand haben sie 2001 gekauft und renoviert, um mit ihren 16 Tieren leben zu können. «Wir haben einige Sozialfälle bei uns aufgenommen», sagt Dobler und lacht.

Dazu gehörender bald 20 jährige «Ataman», ein russisches Vollblutpferd, das rund ums «Spatzhüsli» seinen Lebensabend verbringen darf, genauso wie die beiden Shetland-Ponys Chessica und Gipsy. Weiter sind da Hasen, ein Hund und – bis zu jenem Unglücksabend vom 11. Februar – auch die norwegische Waldkatze «Mingo».

«Die Tiere sind unsere Familie», sagt Dobler. «Wenn wir einkaufen, denken wir zuerst an die Tiere. Für sie vergessen wir nie etwas. Für uns schon.»

Der 62-jährige Dobler war früher Banker. Kurz vor dem drohenden Burnout stieg er aus und kombinierte fortan die Leidenschaft für Tiere mit der Erfahrung aus der Bankenwelt. Heute bietet er Coaching und Training für Führungskräfte an und setzt dabei häufig Pferde ein.

Verantwortung, nicht Rache

«Es geht mir nicht um Rache», sagt Dobler. «Auch wenn ich eine Genugtuungssumme von ein paar tausend Franken fordere. Mir geht es darum, dass sich die Jäger bewusst werden, was für eine Verantwortung sie tragen. Dass sie nur schiessen, wenn sie hundertprozentig sicher sind. Unsere Haustiere sollen sicher sein.»

Der wortgewandte Dobler gibt sich kämpferisch: «Wenn sie mich mit meiner Klage einfach abwimmeln, dann mache ich weiter.» Dabei setzt er fest auf die Unterstützung tierliebender Reporter aller Medien.

Doch Dobler gibt sich auch versöhnlich: «Ich trage dem Jäger nichts nach», sagt er. «Ich werde ihn auch weiterhin grüssen. Aber ich an seiner Stelle würde die Flinte nach einem solchen Vorfall ein für alle Mal in den Schrank stellen.»