Aargau

Büsi-Abschuss-Debatte: Katzen fressen Millionen von Vögeln

Streunende Katzen sollen kastriert werden, so eine Forderung. Doch der Ständerat lehnt dies ab.

Streunende Katzen sollen kastriert werden, so eine Forderung. Doch der Ständerat lehnt dies ab.

In Aargau sollen wildernde Katzen abgeschossen werden dürfen, das fordert FDP-Grossrat Johannes Jenny. Studien zeigen in der Tat, dass die Stubentiger für Wildtiere eine Gefahr sind – allerdings kaum für seltene Arten.

Wie viele Katzen im Aargau leben, weiss niemand – eine Registrationspflicht gibt es nicht. Schätzungen zufolge leben in der Schweiz etwa dreimal mehr Katzen als Hunde – insgesamt geht man von ungefähr 1,5 Millionen «Schnurrli» und «Tigerli» aus. «Hauskatzen unterliegen durch die zusätzliche Fütterung nicht der Populationsregulierung, wie das sonst bei wild lebenden Raubtieren wie dem Fuchs der Fall ist», sagt Biologe Fabio Bontadina von der Zürcher Forschungsgemeinschaft Swild. Im urbanen Raum ist die Büsi-Dichte deutlich höher als in ländlichen Gebieten: Im Siedlungsraum der Stadt Zürich leben laut Bontadina rund 430 Katzen pro Quadratkilometer. Zum Vergleich: Auf derselben Fläche sind schätzungsweise 10 bis 15 Füchse unterwegs. 

Etwa drei Viertel aller Schweizer Katzen können regelmässig ins Freie. Dort sieht man sie aber nicht immer gern. Besonders dann nicht, wenn sie zunehmend verwildern. FDP-Grossrat Johannes Jenny will deshalb, dass Jäger den Auftrag erhalten, im Wald herumstreunende Katzen abzuschiessen. Sie würden grosse Schäden an Vogel-, Reptilien- und Amphibienpopulationen verursachen, so Jenny.

Kaum gefährdete Vögel als Opfer

Doch was heisst das konkret? Laut dem Naturama Aargau töten die Büsi in der Schweiz pro Jahr 10 Millionen Mäuse, 3 Millionen Schmetterlinge, 1,8 Millionen Vögel und 600'000 Reptilien. Dies meist unabhängig davon, ob zu Hause ein voller Futternapf wartet – Katzen gehen nicht nur auf die Pirsch, wenn sie Hunger haben, sondern auch, um ihren Jagdtrieb zu befriedigen.

«Katzen jagen vor allem Tierarten, die zahlreich und einfach zu fangen sind», heisst es in einem Schreiben der Vogelwarte Sempach. Meistens fressen sie Mäuse, aber auch Frösche, Molche, Eidechsen und Blindschleichen. Bei den Vögeln erlegen Katzen «vorwiegend häufige Arten wie Amseln, Rotkehlchen, Meisen, Finken und Sperlinge; Vögel gefährdeter Arten werden dagegen nur selten erbeutet.»

Anders sieht dies offenbar in Australien aus. Hier will die Regierung zwei Millionen Katzen abschiessen lassen, um die heimische Tierwelt zu schützen. Wie genau sich der Büsi-Jagdtrieb auf die Bestände der anderen Tiere in der Schweiz auswirkt, ist nicht klar – es gebe kaum Studien dazu, sagt Biologe Fabio Bontadina. Die Forscher von Swild haben eine erste kleine Untersuchung an der Katzenpopulation eines Dorfes durchgeführt. Die Hochrechnungen hätten ergeben, dass die Schweizer Katzen gemeinsam in einem durchschnittlichen Frühlingsmonat bis zu 2,4 Millionen Säugetiere und bis zu 300'000 Vögel töten. Allerdings gelangen sie im Frühling wegen der vielen Jungvögel leichter an Beute als sonst.

Katzen in der Fotofalle

Dass Katzen nicht nur im heimischen Garten auf die Pirsch gehen, sondern auch weitab von Siedlungen auf Wald und Feld, belegt eine eher zufällige Entdeckung der Sektion Jagd und Fischerei des Kantons Aargau. 2009 und 2010 führte sie eine Studie zur Verbreitung des Baummarders durch. Dafür wurden selbstauslösende Fotofallen aufgestellt. An 252 Standorten in den Bezirken Baden, Bremgarten, Brugg, Lenzburg, Muri und Zurzach wurden selbstauslösende Fotofallen mit Bewegungsmelder platziert. 361-mal lösten sie wegen Katzen aus. Es handle sich um mindestens 134 verschiedene Tiere, heisst es im Bericht zur Studie. «Katzen mit und ohne Halsband wurden nicht nur in Wäldern nahe bei Siedlungen fotografiert, sondern auch in abgelegenen Waldgebieten im Aargauer Jura, wo die nächsten bewohnten Häuser einige hundert Meter entfernt liegen.»

Die Forschungsgemeinschaft Swild prüft derzeit verschiedene Lösungsansätze, die den Beutefang von Hauskatzen reduzieren sollen – Katzenglöckchen, Pfeiftöne und dergleichen – auf ihre Wirksamkeit und Akzeptanz. Ausserdem wollen die Forscher mittels GPS-Halsbändern herausfinden, in welchen Gebieten und in welchem Bewegungsradius Hauskatzen jagen.

Tierschützer für Kastration

Inzwischen hat die Tierschutzorganisation «Network for Animal Protection» in einem offenen Brief an Jenny eine Kastrationspflicht für Katzen vorgeschlagen. Der Aargauer Tierschutzverein (ATs) würde eine Kastrationspflicht im Aargau «zu 100 Prozent begrüssen», so Präsidentin Astrid Becker. Jährlich kastriert der Tierschutzverein 1500 bis 2000 Katzen und versorgt sie medizinisch. Scheue Katzen werden nach der Kastration weitergefüttert. Der Verein kümmert sich auch um den Nachwuchs von unkastrierten Katzen und leistet Aufklärungsarbeit bei Katzenhaltern. Becker: «Für den ATs wäre es zentral, dass sich der Kanton der Sache annimmt, sich finanziell engagiert und eine klare Regelung trifft.»

Dies würde auch der Verein Aargauer Tierärzte begrüssen. Dieser führt mit dem Tierschutzverein die Kastrationsaktionen durch. «Gut ein Drittel der dabei entstehenden Kosten werden von den einzelnen Tierarztpraxen getragen», so Präsident Peter Sandmeier. Der Tierärzte-Verein spricht sich ebenfalls für eine Kastrationspflicht für alle freilaufenden Katzen aus; zudem brauche es eine obligatorische Kennzeichnung und Registrierung.

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