Am Sonntag erhielt SP-Kandidatin Jolanda Urech 3085 Stimmen - 609 mehr als FDP-Mann Lukas Pfisterer. Das machte alle sprachlos: die einen vor Freude, die anderen vor Schreck. In der Schweiz sind inzwischen 17 der 25 grössten Städte in linker Hand - warum ist dieser Trend auch im bürgerlichen Aargau angekommen?

Der wohl wichtigste Grund: Die Bevölkerung wandelt sich. Wer sich ein Einfamilienhaus im Grünen bauen will, wer die traditionelle Familienrolle lebt, wer gern Auto fährt, wer die individuelle Freiheit hoch gewichtet, wer also bürgerlich tickt, der kann sich besser auf dem Land entfalten. Wer lieber mit dem öV reist, wer die Kulturszene schätzt, wer Kinderkrippen und Teilzeitjobs will, wer unkonventionell lebt, wer also eher links tickt, der kann sich besser in der Stadt entfalten.

Der Politologe Michael Herrmann hat alle 2495 Gemeinden untersucht und festgestellt: «Der Gegensatz zwischen Stadt und Land hat sich seit 1990 deutlich verschärft.» Viele junge, mittelständische Familien mit eher linker politischer Ausrichtung würden wieder in die Stadt ziehen - und damit verändert sich die Wählerschaft. Hermann hat ebenfalls festgestellt: Linke Regierungen geben mehr Geld aus. Für eine städtische Bevölkerung stehen offenbar nicht tiefe Steuern im Vordergrund, sondern eine lebendige Stadt.

Eminent wichtig in einer Stadtpräsidenten-Wahl ist auch die Persönlichkeit. Vielleicht leben die bürgerlichen Traumkandidaten ja alle auf dem Land - in den drei verlorenen Städten jedenfalls gelang es der FDP nicht, Kandidaten zu portieren, die die Menschen begeisterten. Die SP hingegen hat mit Jolanda Urech grosses Glück gehabt: Sie war eine Notlösung, weil die Wunschkandidatin ein Burnout erlitt. Dieses Manko konnte Urech erstaunlich elegant beiseiteschieben und viele Wähler mit Ausstrahlung und Lebenserfahrung für sich gewinnen. Gleichzeitig hat die Linke in den Städten ihren ideologischen Mief weitgehend abgelegt, was sie bis weit ins bürgerliche Lager hinein wählbar macht. Selbst in der Wirtschaft ist der Schrecken gewichen. Der Vertreter eines Unternehmens sagte mir kürzlich: «Ob links oder rechts ist völlig egal - kein Stadtpräsident kann es sich leisten, gegen die Wirtschaft zu sein.»

Jeder Wahlkampf entfaltet seine eigene Dynamik. Der 40-jährige FDP-Kandidat Pfisterer beging den kapitalen Fehler, die 59-jährige Urech wegen ihres Alters anzugreifen. Im TV sagte er: «Ich gratuliere Ihnen übrigens zu Ihrem 60. Geburtstag, den Sie bald feiern.» Die Szene wurde Stadtgespräch. Auch bürgerliche Wähler in Urechs Alter fühlten sich beleidigt. Gehört man denn mit 60 zum alten Eisen? Ironischerweise stiess Urech gerade bei vielen Jungen auf Zuspruch. Zum persönlichen Fauxpas kam «bürgerliche Uneinigkeit», wie es Franz Straub in einem Leserbrief nennt. Der frühere Chefredaktor des FDP-nahen «Aargauer Tagblatts» und der «Aargauer Zeitung» schreibt: «Früher haben die bürgerlichen Parteien zusammengespannt und Kampfwahlen gegen die Linke regelmässig gewonnen. Heute ist von dieser Geschlossenheit leider nur noch wenig übrig. Die Lachenden sind immer die Linken.»

Man wird sehen, wie stark Jolanda Urech Aarau prägen wird. Allzu grosse Sorgen brauchen sich die Bürgerlichen vorerst nicht zu machen. Der Verlust des Präsidiums ist zwar eine Schmach. Sachpolitisch entscheidend jedoch ist die Mehrheit im Stadtrat - und die bleibt bürgerlich. Die Präsidentin ist bloss Prima inter Pares.