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Bündner Rigi als erste Herausforderung – wie die Journalisten-Karriere von Jörg Meier ihren Anfang nahm

AZ-Redaktor Jörg Meier sucht seine alten Artikel. Im Zeitungsarchiv im Keller des BT-Hochhauses befinden sich alle Ausgaben der AZ und ihrer Vorgängerinnen

AZ-Redaktor Jörg Meier sucht seine alten Artikel. Im Zeitungsarchiv im Keller des BT-Hochhauses befinden sich alle Ausgaben der AZ und ihrer Vorgängerinnen

Wie die erste Reportage den Jungjournalisten durch Schnee und Nebel trieb und ihn zweifeln liess, ob er richtig in diesem Beruf sei.

Der Auftrag schien einfach: eine ganzseitige Reportage über das Skilager der Oberstufe Obersiggenthal auf der Bündner Rigi. «Das Wichtigste: Mach ein schönes Gruppenbild mit allen Kindern», gab ihm sein Chef als Ratschlag mit auf den Weg. Doch für den unerfahrenen Journalisten erwies sich der Skilagerbesuch an seinem dritten Arbeitstag als ziemliche Herausforderung und liess ihn gründlich zweifeln, ob er sich als Journalist eigne.

Frühmorgens reiste er mit Bahn und Postauto nach Sur­cuolm. Es schneite heftig, als er das Dorf erreichte. Mit der Sesselbahn fuhr er auf den Piz Mundaun, im Rucksack Schreibzeug und die von der Schwiegermutter am Vorabend notfallmässig ausgeliehene Kamera. Dass Lokalredaktoren auch eine eigene Kamera brauchen, hatte man ihm erst bei Arbeitsantritt gesagt.

Das Gruppenbild schaffte es nicht in die Zeitung

Im Bergrestaurant wärmte er sich auf; erkundigte sich dann beim Wirt, wie er zum Lagerhaus Bündner Rigi kommen könne. Der Wirt lachte ihn nur aus, sagte dann, das Lagerhaus sei nur mit Skiern zu erreichen – und bei dem aufkommenden Nebel wohl gar nicht. Der Nebel schien dem Jung-Reporter aus dem Unterland noch das kleinere Problem, gravierender war, dass er ohne Ski angereist war. Er kam sich ziemlich blöd vor.

Er sah sich ratlos im Selbstbedienungsrestaurant um. Da sah er vier Jasser – und es schien ihm, dass die noch eine Weile weiterjassen würden. So fragte er sie, ob einer von ihnen ihm die Skiausrüstung zwei Stunden ausleihen würde. Wenig später stapfte er mit geliehenen Skis und viel zu grossen Schuhen durch den dichter werdenden Nebel. Dass er das Lagerhaus nach längerem Suchen trotzdem fand, war wohl mehr einem glücklichen Zufall zu verdanken als seinem Orientierungssinn.

Im Lagerhaus war man sehr erstaunt, dass der Mann von der Zeitung tatsächlich gekommen war; angesichts des schlechten Wetters hatte man nicht mehr damit gerechnet.

Im Speisesaal wurde der Ankömmling verpflegt; er versuchte die Kinder zu fotografieren, trotz beschlagener Brille und Linse. Er sprach mit den Kindern, dann arrangierte er das verlangte Gruppenbild im Schnee. Er fotografierte die Kinder samt dem Leiterteam und hatte Glück: Für einen kurzen Moment durchdrang die Sonne den Nebel. Dann eilte der Journalist in die Bergbeiz zurück, wo die Jasser bereits ziemlich ungeduldig geworden waren.

Weil das Wetter immer garstiger wurde, stellte die Sesselbahn ihren Fahrbetrieb etwas früher ein. Den Skifahrern, die noch zu Tal fahren mussten, war das egal. Dem Journalisten aber, der wieder ohne Ski unterwegs war, blieb nichts anderes übrig, als zu Fuss, am Rande der Skipiste entlang, hinunter nach Cuolm Sura zu trippeln.

Die Bildseite von der Bündner Rigi, leider ohne Gruppenfoto.

Die Bildseite von der Bündner Rigi, leider ohne Gruppenfoto.

Es war schon wieder dunkel, als er durchfroren und mit Mühe und Not das letzte Postauto zurück nach Ilanz erreichte. Im Zug nach Zürich stellte er fest, dass er eine Filmrolle unterwegs verloren hatte. Als sein Chef ihn am andern Tag fragte, wie es ihm im Bündnerland ergangen sei, sagte er nur: «Gut.»

Am 9. Februar 1985 erschien die ganzseitige Reportage von der Bündner Rigi. Allerdings ohne Gruppenbild. Es hatte sich auf der verlorenen Filmrolle befunden. Der Chef fand den Text zur Bildseite von der Bündner Rigi grundsätzlich recht gut und lustig. Aber er kritisierte das fehlende Gruppenbild.

Wenn der Journalist in späteren Jahren in schwierige Situationen geriet, dachte er manchmal an seine erste Reportage in den Bergen, wie er sich mit fremden Skis an den Füssen orientierungslos durch Schnee und Nebel gekämpft hatte – und da wurde ihm klar: Wer heil von der Bündner Rigi zurückkehrt, übersteht fast alle Herausforderungen im Journalismus.

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Autor

Jörg Meier

Jörg Meier

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