Prozess

Bub zu Tode geschüttelt: Stiefvater hofft auf eine mildere Strafe

Der kleine Michael musste schon lange Zeit vor seinem Todestag wegen seinem Stiefvater leiden. (Symbolbild)

Der kleine Michael musste schon lange Zeit vor seinem Todestag wegen seinem Stiefvater leiden. (Symbolbild)

Ein 42-Jähriger hat das Kind seinerdamaligen Partnerin so heftig geschüttelt, dass der Bub starb. Vor Obergericht kämpfte er gestern für eine tiefere Strafe.

Michael (alle Namen geändert) wurde nur zwei Jahre alt. Der Bub starb im Oktober 2014, nachdem ihn Robert, der damalige Partner seiner Mutter, in ihrem Zuhause in Fislisbach zu Tode geschüttelt hatte.

Gestern stand Robert vor Obergericht und verlangte einen Teilfreispruch: Statt der erstinstanzlich ausgesprochenen 13 Jahre Gefängnis wegen vorsätzlicher Tötung und mehrfacher Körperverletzung, fordert sein Verteidiger eine bedingte Freiheitsstrafe von 24 Monaten wegen fahrlässiger Tötung.

«Mein Mandant war sich nicht bewusst, dass das Schütteln eines Kindes zu dessen Tod führen kann», begründete der Verteidiger.

Der kleine Michael musste schon lange Zeit vor seinem Todestag leiden. Über einen Zeitraum von sechs Monaten, so lange, wie Robert und Michaels Mutter Stefanie in einer Beziehung waren, war der Bub gequält und immer wieder verletzt worden. Die Auflistung seiner Verletzungen füllt mehrere Seiten der Anklageschrift. Waren es am Anfang der Beziehung blaue Flecken und Beulen, wurden die Verletzungen mit Verbrennungen und Schnittwunden schlimmer, je schlechter die Beziehung zwischen den Erwachsenen lief.

Mutter habe nichts vermutet

«Ich habe am Anfang gedacht, dass es sich um ein neurologisches Problem handeln könne», sagte Michaels Mutter Stefanie, als sie von den Richtern mit den zahlreichen Verletzungen am Körper ihres verstorbenen Sohnes konfrontiert wurde. Sie selbst wurde 2017 wegen fahrlässiger Körperverletzung durch Unterlassen vom Bezirksgericht Baden zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 8 Monaten verurteilt.

Michael sei ein kleiner Wirbelwind gewesen, ein tollpatschiges Kind. Er habe ihren neuen Partner Papa genannt. «Ich habe ihn geliebt und ihm vertraut», sagte sie über ihren Ex-Freund Robert. Sie habe damals nie gedacht, dass es sich um einen Fall von Kindesmisshandlung handeln könnte.

«Erst als ich meinen Sohn auf dem Bett liegen sah, mit weissen Augen und blutig. Erst als ich verhaftet wurde und die Einvernahmen begannen, realisierte ich, dass es Robert gewesen sein musste», sagte sie unter Tränen. Immer wieder zuckte die blonde zierliche Frau mit den Schultern.

Er streitet Misshandlungen ab

Robert selbst wiederholte bei der Befragung immer wieder, er habe dem kleinen Michael niemals Verletzungen zugefügt. Er gestand nur eine Tat: «Er hat nicht aufgehört zu weinen und ich war überfordert. Dann habe ich ihn geschüttelt. Das tut mir leid.» Stefanie war im Oktober 2014 nur kurz nach draussen gegangen, um den Abfallsack herauszubringen. Der anschliessende Gang ins Kantonsspital Baden und die Überführung ins Kinderspital Zürich brachten nichts, Michael starb an den Folgen eines Schütteltraumas.

Im Spital behauptete Robert noch, der Bub sei gestolpert und gefallen. Der Obduktionsbericht zeigt, welches Martyrium Michael durchmachen musste: Nebst vielen älteren Verletzungen, hatte er unter anderem frische Einblutungen am Hodensack, ein durchtrenntes Lippenbändchen und Stauchungsbrüche an Brustwirbelkörper.

Mehrmals hatten Stefanie und Robert vor Michaels Tod unglaubwürdige Erklärungen für seine Verletzungen gegeben. So soll sich der Zweijährige die Hand selbst verbrannt haben. Ein im Babybett gefundenes Feuerzeug sollte das Beweisen. Auch wechselte das Paar kurzerhand den behandelnden Arzt, als Michaels Kinderarzt mit Stefanie ein offenes Gespräch über Kindsmisshandlungen geführt haben soll.

Der Prozess vor Obergericht dauerte fast sieben Stunden. Die Richter zogen sich zur Beratung zurück und werden das Urteil in den nächsten Tagen fällen.

Meistgesehen

Artboard 1