Martina Bless, Co-Präsidentin der Fraktion Kindergarten beim Aargauischen Lehrerverband (alv), ist enttäuscht über das Ja zur Mundartinitiative. «Die bisherige Regelung mit 50 Prozent Mundart und 50 Prozent Hochdeutsch war sehr gut, deshalb habe ich auf ein Nein gehofft.»

Bless betont, die Lehrpersonen seien in der Praxis flexibel gewesen: «Die Einhaltung der Vorgabe lag in unserer Verantwortung, Kontrollen mit der Stoppuhr gab es nie.»

Bei der Umsetzung der Initiative gibt es für Bless einige offene Fragen. «Wie soll ich zum Beispiel Jim Knopf auf Schweizerdeutsch vorlesen? Wie soll der Mundartzwang in Kindergärten mit sehr hohem Ausländeranteil umgesetzt werden? Darauf hätten wir von den Initianten gerne eine Antwort.»

Bless stellt auch ganz grundsätzliche Fragen: «Was ist eigentlich die verlangte Mundart? Ist auch Baseldeutsch, Schwäbisch oder Sächsisch erlaubt? Und soll man nun Lavabo, Brünneli oder Schüttstein sagen?»

Martina Bless kennt persönlich keine Kindergärtnerin, die nicht Mundart spricht. «Ich kann mir aber vorstellen, dass es für gewisse Kolleginnen schwierig wäre, sich in einem Kurs die verlangten Kenntnisse anzueignen», gibt Bless zu bedenken.

Zürich: Fast alle sind glücklich

Als bisher einziger Kanton hat Zürich eine Initiative, im Kindergarten sei «grundsätzlich» Mundart zu sprechen, 2011 angenommen. Zuvor galt seit Einführung des neuen Volksschulgesetzes 2007: ein Drittel Hochdeutsch, ein Drittel Mundart, ein Drittel nach Ermessen der Kindergärtnerin. Im Gegensatz zum Aargau war die Initiative nicht von einer politischen Partei, sondern aus dem Kreis der aktiven Kindergärtnerinnen lanciert worden.

«Das Ja hat uns damals schon etwas erschreckt», sagt Martin Wendelspiess, Chef des Zürcher Volksschulamtes, rückblickend. «Doch wir haben uns zügig an die Umsetzung des Volksauftrags gemacht und den Lehrplan aufs Schuljahr 2012/13 hin angepasst.» Wichtig sei das Wort «grundsätzlich», erklärt er, an Zürcher Schulen bestehe kein absolutes Sprachendiktat, hochdeutsche Sequenzen seien möglich, zum Beispiel im Zusammenhang mit einem Lied, einem Gedicht, einem Märchen.

«Die Umstellung ist ohne grosse Probleme verlaufen, jedenfalls ist keine Unruhe bis zu uns durchgedrungen», sagt der Amtschef. Langjährige Kindergärtnerinnen hätten ja nach lediglich fünf Jahren mit Hochdeutschanteil einfach wieder beim vorherigen Auftrag anknüpfen können.

Am meisten Probleme mit «Nur-Mundart» gab es laut Wendelspiess in Kindergärten mit vielen Kindern nichtdeutscher Erstsprache. «Wir haben verfügt, dass hier wenigstens der Zusatzunterricht ‹Deutsch als Zweitsprache› in Hochdeutsch erteilt wird.»

«Quoten bewähren sich nicht»

«Die grosse Mehrheit von uns hat die Rückkehr zur Mundart begrüsst», sagt Brigitte Fleuti, Präsidentin des Kindergartenverbandes und Kindergärtnerin in Langnau am Albis. «Unser Massstab muss sein: Was dient den Kindern? Es ist für alle Kinder wichtig, dass sie die Mundart gut beherrschen, weil das bei uns die Beziehungssprache ist.»

Sture Quoten seien wenig sinnvoll. «Natürlich sprechen wir vor dem Übertritt in die Primarschule auch Hochdeutsch mit den Kindern, weil sie dadurch besser auf die Schule vorbereitet sind.» Auch viele Eltern hätten positiv reagiert, sagt Fleuti. «Der Hochdeutschanteil hat viele von ihnen unter Druck gesetzt, ihre Kinder müssten bereits die Schulsprache beherrschen. Dieser Druck ist nun weg.»

Und was ist mit deutschen Kindergärtnerinnen passiert? Wendelspiess: «Wir haben im Kanton Zürich nur wenige von ihnen. Und der süddeutsche Dialekt geht ja fast noch als Schweizerdeutsch durch. Gekündigt wurde jedenfalls niemandem.»