Schafft Pascale Bruderer (SP) am 18. Oktober die Bestätigung als Ständerätin? Oder eigentlich müsste man fragen: Mit wie viel Vorsprung auf ihre Konkurrenten wird sie wiedergewählt? Denn die repräsentative Umfrage, welche das Institut Demoscope im Auftrag der az bei Aargauer Stimmberechtigten durchgeführt hat, spricht eine eindeutige Sprache. 63,5 Prozent aller 1000 befragten Personen mit Wahlabsicht wollen Bruderer ihre Stimme geben.

Im linken Lager sind es sogar 90 Prozent. Auch in der politischen Mitte ist die Akzeptanz der Politikerin, die sich als Brückenbauerin profiliert und immer wieder mal von der Linie ihrer Partei nach rechts abweicht, mit 79 Prozent ausserordentlich hoch. Selbst von rechts (SVP, FDP) kann sie mit jeder dritten Stimme rechnen.

«Ich freue mich sehr über diesen Vertrauensbeweis», sagt Pascale Bruderer. Zurücklehnen werde sie deswegen aber nicht. «Abgerechnet wird erst am 18. Oktober, gewonnen habe ich noch nichts.» All diese Leute müssten sie dann auch tatsächlich wählen.

Kann Bruderer diese Umfragewerte halten, darf sie schon im ersten Wahlgang am 18. Oktober die Korken knallen lassen. Das absolute Mehr reicht für die Wahl.

Kann Knecht Müller überholen?

So klar das Rennen um den ersten Aargauer Ständeratssitz scheint, umso mehr Spannung verspricht der Kampf um den zweiten Aargauer Sitz im Stöckli. Um die Nachfolge der zurücktrittenden Christine Egerszegi (FDP) durfte sich als Erster Philipp Müller Hoffnung machen: In der Umfrage holt er zwar nur halb so viele Stimmen wie Pascale Bruderer, mit 32,2 Prozent ist er aber auf Platz 2 und klar vor seinen bürgerlichen Konkurrenten.

Müller profitiert offensichtlich von seiner Bekanntheit als FDP-Präsident. In dieser Funktion ist er fast permanent in den Medien. Die Schlagzeilen, die seit gestern Nachmittag zu Müller laufen, werden dem FDP-Politiker allerdings kaum förderlich sein.

Wie wie weit der schwere Unfall, den er bei Lenzburg verursachte, Einfluss auf den Ständeratswahlkampf hat, ist zurzeit schwer abzuschätzen. Die Umfrage wurde zwischen dem 26. August und dem 4. September durchgeführt, also Tage vor Müllers Autounfall.

Bei dieser Erhebung holte Müller bei Männern signifikant mehr Stimmen als bei Frauen, hat bei Letzteren also Verbesserungspotenzial. Besonders gut sind seine Werte in der mittleren Altersgruppe und bei den über 55-Jährigen. Mit Blick auf einen zu erwartenden zweiten Wahlgang ist bedeutsam, wie seine Akzeptanz über das rechte Lager (da kommt er auf nahezu 50 Prozent) hinaus ist. In der Mitte sind es noch 22 und links gut 11 Prozent.

Auf Platz 3 in der Ständerats-Umfrage folgt SVP-Kandidat und Nationalrat Hansjörg Knecht. Er politisiert seit 2011 in Bern und ist im Wahlkampf werbemässig sehr präsent, verliert mit 23,8 Prozent aber über 8 Prozentpunkte auf Müller.

Der Präsident des kantonalen Hauseigentümerverbandes kommt zwar im rechten Lager auf eine etwas höhere Zustimmung als Müller. Das muss er auch, ist seine Partei, die SVP, doch fast dreimal so gross wie die FDP.

Er kann indes laut Umfrageauswertung in der Mitte nur auf wenig und links auf praktisch gar keine Unterstützung zählen. Wie Müller holt er bei Männern signifikant mehr Stimmen als bei Frauen, kann da also noch aufholen. Er hat indes kein Altersgruppenproblem – ist überall etwa gleich stark.

Hansjörg Knecht zeigt sich wenig überrascht vom Ergebnis. «Wer einen hohen Bekanntheitsgrad hat, ist im Vorteil. Weil ich von den vier Favoriten am wenigsten lang in Bern bin, haben die drei anderen Kandidaten diesbezüglich noch einen Vorsprung.» Doch die Mobilisation für den Wahlkampf gehe nun erst richtig los. «Ich bin überzeugt, dass ich massiv aufholen werde.»

Für viele überraschend sein dürfte das Abschneiden der langjährigen CVP-Nationalrätin und Gesundheitspolitikerin Ruth Humbel. Sie platziert sich zwar erwartungsgemäss an vierter Stelle wie schon bei den Ständeratswahlen 2003). Doch damals war der Abstand zum Drittplatzierten recht gross, heute bedrängt sie mit nur 1,8 Prozentpunkten Rückstand den drittplatzierten Hansjörg Knecht massiv.

«Platz vier ist nie schön, darüber habe ich mich auch im Sport nie gefreut», sagt Ruth Humbel. Ihre Enttäuschung hält sich dennoch in Grenzen: Schliesslich habe sie fast den doppelten Wähleranteil der eigenen Partei erreicht. «Nun muss ich im Endspurt nochmals Gas geben, um die Leute von mir zu überzeugen.»

Humbels Resultat ist weiter beachtenswert, weil mit Bernhard Guhl (BDP), Beat Flach (GLP) und Lilian Studer (EVP) drei Kandidaten um Mittestimmen buhlen. Humbel kommt wie Bruderer bei Frauen signifikant besser an, hat somit bei Männerstimmen noch Potenzial.

Wie Knecht ist sie bei allen Altersgruppen gleichmässig stark. Bei den Mittewählenden erhält sie laut Umfrage 40 Prozent der Stimmen. Im linken Lager hat sie mit 18 Prozent von allen bürgerlichen Kandidierenden die beste Akzeptanz. Auch aus dem rechten Lager sind es 13 Prozent, die im zweiten Wahlgang aber fehlen dürften.

Guhl und Flach abgeschlagen

Deutlich abgeschlagen folgt an fünfter Stelle die Spitzenkandidatin der Grünen, Grossrätin und Co-Fraktionschefin Irène Kälin mit 11 Prozent. Sie, die sich als melonengrün bezeichnet (aussen grün, innen rot) holt die Stimmen prompt fast allesamt im rot-grünen Lager.

Von Mitte- und Rechtswählern spürt sie entsprechend wenig Unterstützung. Zwar hat auch die Newcomerin keine realen Chancen für den Sprung in den Ständerat, aber sie lässt zwei Nationalräte deutlich hinter sich. Bernhard Guhl kommt nur auf 5,1 Prozent, Beat Flach muss sich sogar mit 3,2 Prozent begnügen. Sie müssen auf die Wiederwahl in die grosse Kammer hoffen.

HIER geht es zu den Ergebnissen der az-Umfrage im Nationalratswahlkampf

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