Vor rund einem Jahr hat Dieter Widmer bei der Aargauischen Kantonalbank (AKB) das Ruder als Direktionspräsident übernommen. Diese Woche besuchte er die neu gestaltete Filiale in Oftringen – ein Ort, an dem sich Kunden fast wie zuhause in der guten Stube fühlen sollen. Widmer empfing das ZT in der Filiale zum Talk und sprach unter anderem über ...

... die Frage, wie viel Bargeld er an einem gewöhnlichen Tag mit sich herumträgt.

Dieter Widmer kramt den Geldbeutel aus der Westentasche. «60 Franken, ein bisschen Münz, ein paar Euro noch.» Widmer zahlt, wie die meisten, oft mit Karte. «Oder mit Twint übers Handy, zum Teil mit Bargeld – wie es halt gerade kommt.»

... die Lounge-Atmosphäre in der neuen Bankfiliale in Oftringen und das Konzept hinter der Neugestaltung.

«Wir sind überzeugt, dass die Kunden nach wie vor eine persönliche Beratung wollen. Und es ist wichtig, dass die Leute sich bei uns wohlfühlen.» Wenn Kunden heute eine AKB-Filiale betreten, dann kommen sie nicht nur, um Bargeld zu holen oder Einzahlungen abzuwickeln. «Sie wollen eine Beratung, beispielsweise wenn es um Hypotheken oder Anlagen geht – aber auch, wenn sie sich über unsere digitalen Möglichkeiten informieren wollen, beispielsweise übers E-Banking. Das können wir hier 1:1 zeigen und auch einrichten.»

... seine Kontakte zu Kunden als oberster Bankchef.

«Ich habe immer noch sehr häufig Kundenkontakt», es sei ihm wichtig, möglichst viele Kunden zu sehen, beispielsweise Privatkunden und auch Firmenkunden. Ab und zu muss er sich auch um eine Reklamation kümmern.

... über die Standortpolitik der AKB in den nächsten Jahren.

«Wir haben heute 31 Standorte, wir werden im Spätsommer die 32. Niederlassung in Spreitenbach eröffnen.» Das zeige, dass die AKB an das Konzept des persönlichen Kundenkontakts glaube. «Wir sind überzeugt, dass es die nächsten fünf, zehn Jahre Filialen brauchen wird – darum eröffnen wir jetzt auch eine in Spreitenbach.» Die AKB überprüfe auch, ob weitere Standorte möglich sind. «Selbstverständlich muss sich das auch immer rechnen.» Aber: Die physischen Standorte seien neben den neuen Online-Möglichkeiten auch künftig unverzichtbar. «Unsere Kunden reagieren auch sehr gut darauf.»

... die unterschiedlichen Kundenbedürfnisse im Online-Zeitalter und die Reaktion der Bank darauf.

«Die Bedürfnisse sind sehr unterschiedlich», sagt Widmer. Es gebe Kunden, die alles online abwickeln, und solche, die ihre Bankgeschäfte nur in der Filiale abwickeln – die meisten brauchten aber beides. «Wir sind klar der Meinung, dass wir unseren Kunden beides ermöglichen wollen. Der Kunde entscheidet, welcher Kanal er will.»

... das Geschäftsergebnis im ersten Quartal.

«Wir sind insgesamt gut gestartet, leicht über Budget. Was sicher geholfen hat, ist die Erholung an den Börsen.»

... die rekordtiefen Hypo-Zinsen und die Zunahme an leerstehenden Wohnungen und die Gefahr einer Immobilienblase.

«Die Situation ist aus unserer Sicht nicht dramatisch», sagt Widmer, die Bank verfolge die Entwicklung aber intensiv. «Der Kanton hat mit 2,5 Prozent eine relativ hohe Leerstandquote, auch im Vergleich zur ganzen Schweiz. Der Trend ist zunehmend.» Ausgelöst worden sei die Situation von den tiefen Zinsen und dem damit verbundenen Anlagenotstand. «Weil wir davon ausgehen, dass die Zinsen tief bleiben, wird sich die Situation nicht so schnell ändern.» Konkret bei Rendite-Liegenschaften mache man sich bei der AKB stärker Gedanken, was dies bezüglich Preisentwicklung und Neubauten bedeute. «Wir schauen noch genauer hin, wo Liegenschaften hingestellt werden», denn die Leerstände seien regional «sehr, sehr unterschiedlich». Die AKB habe ihre Vergabepolitik bei Rendite-Liegenschaften deshalb verschärft, konkret müssen die Kunden mehr Eigenkapital mitbringen: «Wir belehnen nicht mehr gleich hoch wie früher.» Und man prüfe, ob Kunden eine mögliche Abschwächung auf dem Immobilienmarkt verkraften könnten. «Wir denken längerfristig in verschiedenen Szenarien.»

... die Gefahr einer Immobilienblase.

Eine Immo-Blase sieht Widmer aber nicht. «Eine Blase entsteht dort, wenn nur noch auf Risiko, auf Halde gebaut wird. Das haben wir noch nicht.» Auszuschliessen, dass das Szenario eintrete, könne man aber nicht – vor allem, wenn die Zinsen noch über Jahre Rekordtief bleiben. «Beispielsweise, wenn Pensionskassen und Versicherungen dort Blöcke hinstellen, wo sie nicht gebraucht werden.» Eine Rolle spiele auch, wie sich die Zuwanderung entwickle.

... die Wirtschaftsaussichten im Kanton – und die Risiken, dass die Konjunktur schwächelt.

«Im Moment brummt der Motor, es läuft sehr gut. Wir sehen aber aufgrund unseres Konjunkturbarometers, dass der Schwung nachlässt, ausgelöst vor allem durch Europa und Deutschland.» Gerade in Deutschland schwäche sich die Wirtschaftsentwicklung deutlich ab. «Der Aargau ist der drittgrösste Industriekanton. Das wird man im Aargau bemerken. Wir gehen davon aus, dass wir dieses Jahr mit 1,1 Prozent wachsen. Das ist immer noch ein ansehnliches Wachstum, aber deutlich tiefer als in den letzten Monaten und Jahren.» Man müsse auch im 2020 mit tieferen Wachstumsraten rechnen.

... den Fachkräftemangel und wie die AKB damit umgeht.

Das Problem werde sich in den nächsten fünf, zehn Jahren noch verschärfen. «Auch aufgrund von anstehenden Pensionierungen. Das ist nicht nur ein Thema bei der AKB, sondern generell in der Wirtschaft. «Das heisst, dass wir uns nochmals attraktiver machen müssen für Arbeitnehmende» – Widmer verweist auf Themen wie Teilzeitarbeit und Job-Sharing. Die AKB habe schon einiges unternommen, um mit solchen Modellen noch mehr Leute anzusprechen.

... schlaflose Nächte, wenn es an der Börse rumpelt.

«Ich schlafe eigentlich immer gut, und zum Glück ist mein Schlaf nicht beeinflusst davon, ob die Börse zwei Prozent höher oder tiefer ist. Die Bank selbst hat ja nicht grosse Wertbestände, die davon betroffen sind. Aber selbstverständlich haben wir Freude, wenn die Börsen gut laufen, dann wissen wir auch, dass es unseren Kunden gut geht.»

... die Frage, ob der Swiss Market Index dieses Jahr die 10'000-Punkte-Marke knackt.

«Das ist sehr gut möglich», meint Widmer. Aber Prognosen seien natürlich immer sehr schwierig. «Es waren vier super Monate, die wir hatten.» Dass jetzt eine Konsolidierung folgt, «das wäre normal». – «Solange die Zinsen tief sind und die Gewinne der Unternehmen sprudeln, haben wir ein gutes Umfeld.»

... die Frage, ob das Bargeld in 10 oder 20 Jahren verschwunden ist.

«Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir in der Schweiz in zehn Jahren kein Bargeld mehr haben werden.» Das sei auch eine kulturelle Frage. «In Skandinavien läuft der grösste Teil der Zahlungen über Karten. In Italien ist es gerade umgekehrt. In der Schweiz haben wir nach wie vor einen hohen Anteil an Bargeld.»

«Tag der offenen Tür» ist am 18. Mai in der neuen Filiale in Oftringen 

AKB-Chef Dieter Widmer mit Giannina Carriero, der neuen Filialleiterin in Oftringen.

AKB-Chef Dieter Widmer mit Giannina Carriero, der neuen Filialleiterin in Oftringen.