Wettingen
Branchen kämpfen an der Berufsschau um Talente

Mehr Lehrstellen als Lehrstellensuchende: Die Berufsverbände nutzen die Aargauische Berufsschau, um Nachwuchs anzuwerben. Einen Konkurrenzkampf unter den Lehrbetrieben versuchen die Veranstalter aber zu verhindern.

Peter Brühweiler
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Bunt und interaktiv: Die Branchenverbände versuchen an der Aargauischen Berufsschau, Begeisterung für ihre Berufe zu wecken. zvg

Bunt und interaktiv: Die Branchenverbände versuchen an der Aargauischen Berufsschau, Begeisterung für ihre Berufe zu wecken. zvg

Am Dienstag öffnet die 14. Aargauische Berufsschau ihre Tore. Bis und mit Sonntag werden die kantonalen Branchenverbände im Tägi in Wettingen ihre Berufe präsentieren. Erwartet werden rund 35'000 Jugendliche, Eltern und Lehrpersonen.

Die erste Aargauische Berufsschau, damals noch in der Mehrzweckhalle Lenzburg durchgeführt, liegt bereits 34 Jahre zurück. Im selben Jahr, 1981, stellte IBM mit dem IBM 5150 den ersten PC vor. Die Computertechnologie hat sich seither bekanntlich rasant weiterentwickelt — auch zum Vorteil der Lehrstellensuchenden. Auf www.anforderungsprofile.ch etwa können sie heute ihre Schulzeugnisse mit den Anforderungsprofilen ihrer bevorzugten Lehrberufe vergleichen. Und Informationen zu einzelnen Lehrgängen finden sich online sowieso wie Sand am Meer: Eine Google-Suche nach dem Begriff KV-Lohn beispielsweise liefert 380'000 Ergebnisse.

Wird die Aargauische Berufsschau im Internetzeitalter also zum Auslaufmodell? Ganz und gar nicht, findet Martin Ziltener, OK-Mitglied und Berufsberater bei ask!. Klar sei die Veranstaltung mit viel Aufwand verbunden, vor allem für die Berufsverbände. Gleichzeitig biete sie aber auch einen grossen Mehrwert. «Viele Berufe sind im Alltag für Jugendliche heute nicht mehr sicht- und erlebbar und sie wissen zu wenig über die entsprechenden Weiterbildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten.»

Analoge Entdeckungstour

Fazit: Viele Berufe werden nicht in die Auswahl einbezogen, weil sie zu wenig bekannt sind oder zu wenig attraktiv erscheinen. Bei den jungen Frauen und zunehmend auch bei den jungen Männern seien dies in erster Linie handwerkliche Berufe, so Ziltener. Diese Berufe sichtbarer zu machen, sei eine der grossen Stärken der Berufsschau, «denn der Weg zum bevorzugten Stand führt ja gezwungenermassen auch an den übrigen rund 70 Ständen mit Informationen zu mehr als 200 Lehrberufen vorbei».

Allerdings nehmen sich dem Thema Berufswahl auch die Schulen an. «Wir merken, dass sie vermehrt schulinterne Konzepte entwickeln», so Ziltener. ask! liefere als Ergänzung einzelne Module wie zum Beispiel «den Berufswahlprozess einfach starten», welche die Schulen in ihre Berufswahl-Projektwochen einbauen können. Aber auch diese Entwicklung macht laut Ziltener die Berufsschau nicht obsolet: «Je mehr Informationsmöglichkeiten die Schüler haben, desto besser.»

Die Besucher scheinen diese Meinung zu teilen. Der Wunsch, die Berufsschau statt wie derzeit im Zwei-Jahre-Rhythmus jährlich durchzuführen, werde vermehrt an sie herangetragen, sagt Andreas Wagner, stellvertretender Geschäftsleiter des Aargauischen Gewerbeverbands (AGV). Etwas anderer Meinung sind die Berufsverbände. Der Aufwand für die im Milizsystem organisierten Verbände wäre zu gross. Schliesslich werden die meisten Stände nebenamtlich durch in den Verbänden engagierte Unternehmer organisiert und vor Ort zusammen mit Lernenden betreut.

Mehr Stellen als Stellensuchende

Zumindest in diesem Jahr hatte Wagner aber keine Probleme, die Verbände zu einer Teilnahme zu bewegen. Der Grund ist einfach: Die Zahl der Lehrstellen übertrifft die Zahl der Lehrstellensuchenden. «Dieser bereits in den vergangenen Jahren beobachtete Trend geht weiter», so Wagner. Entsprechend motiviert seien die verschiedenen Branchen, die Jugendlichen mit interessanten und interaktiven Elementen an ihre Stände zu locken.

Eine «Jagd auf Talente» will der AGV als Organisator der Berufsschau allerdings verhindern. «Klar sind die Leute, die an den Ständen informieren, bei einem Unternehmen aus der jeweiligen Branche angestellt», so Wagner. «Sie sind aber angehalten, primär den Beruf und nicht ihren Lehrbetrieb zu bewerben.» Zwischen den einzelnen Branchen spielt der Wettbewerb aber natürlich durchaus. So sei der vom AGV durchgeführte Ausstellerwettbewerb für die Aussteller durchaus ein Thema, sagt Wagner.

Die Gefahr, dass es die einzelnen Branchen dabei mit der Werbung übertreiben und falsche Erwartungen schüren, hält er für klein, denn eine hohe Lehrabbruch-Quote schade auch dem Ausbildungsbetrieb. «Einem Jugendlichen zu verheimlichen, dass er als Bäcker früh aufstehen muss, bringt also keiner Seite etwas.» Problematischer wird die Sache bei Berufen, die mittelfristig dem Automatisierungstrend zum Opfer fallen könnten. «Wir raten den Jugendlichen von keinem Beruf ab», sagt Wagner jedoch. Denn eine grosse Stärke des Schweizer Berufsbildungssystems sei die Möglichkeit der permanenten Weiterbildung. «Wenn die klassische Arbeit eines Logistikers künftig von Maschinen gemacht wird, muss diese ja auch jemand warten», so Wagner. «Und wer könnte das besser als ein weitergebildeter Logistiker?»

Vom KV bis zum Instrumentenbauer

Die Hitliste der Berufswünsche hat sich in den letzten Jahren im Kanton Aargau laut Berufsberater Martin Ziltener kaum verändert: «Lediglich der noch vor zehn Jahren gefragte Beruf des Automechanikers wurde rangmässig durch den Logistiker abgelöst, und die Gesundheitsberufe rangieren heute weiter vorne.» Auf dem ersten Platz liegt bei beiden Geschlechtern das KV, gefolgt von Detailhandel, Logistik, Informatik und Pflege- und Betreuungsberufen. Weiter hinten rangieren gewerblich-industrielle und handwerkliche Berufe.
Die bei Beratungsgesprächen am häufigsten genannten Berufswünsche weichen somit nicht stark von den tatsächlich am häufigsten gewählten Berufen ab (Tabelle links). Am hinteren Ende dieser Rangliste finden sich gemäss dem kantonalem Bildungsdepartement gegen 80 Berufe, in welchen im Aargau in diesem Sommer nur ein einziger Lehrvertrag abgeschlossen wurde. Darunter seien exotische Berufe wie Steinmetz, Ofenbauer oder Pferdefachmann zu finden sowie Berufe wie zum Beispiel Fotograf, bei denen eine grosse Nachfrage wenig Lehrstellen gegenüberstehen.
Gar keine Lehrstelle gibt es im Aargau in diesem Jahr vermutlich für Musikinstrumentenbauer. Der einzige Ausbildungsbetrieb im Aargau, das Buchser Blasinstrumenten-Atelier Inderbinen, habe derzeit keine Stelle ausgeschrieben, sagt Ziltener. Vorgestellt wird das Handwerk in Wettingen trotzdem, am Stand «seltene Berufe». Sollte ein Jugendlicher dort mit dem Musikinstrumentenbau-Fieber angesteckt werden, muss er, um sich seinen Berufswunsch zu erfüllen, also einen etwas längeren Arbeitsweg in Kauf nehmen. (per)

Neuer Standort

Nach über 30 Jahren in Lenzburg findet die Aargauische Berufsschau diese Woche erstmals im Sport-, Kongress- und Messezentrum Tägi in Wettingen statt. Der Eintritt ist frei, geöffnet ist sie von Dienstag bis Sonntag jeweils zwischen 9 und 16 Uhr. Neben der eigentlichen Präsentation der verschiedenen Berufslehren wird am Stand «seltene Berufe» neues, spezielles oder seltenes Handwerk gezeigt. Weitere Sonderveranstaltungen sind die Sektionsmeisterschaft der Schreiner/innen sowie Gespräche mit Personen aus den Interessenfeldern «Schule – Gewerbe – Beratung» am Teacher’s Corner. Zudem werden an Führungen für Fremdsprachige Informationen zum schweizerischen Bildungssystem vermittelt. Detailliierte Informationen unter www.ab15.ch.

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