Kriegsende 1945

Bomber über dem Himmel von Schwaderloch

Albert Knecht (81) hat als Bub den Luftangriff auf Albbruck erlebt. Er erklärt, warum es in den Dörfern am Rhein trotz Krieg einen täglichen Grenzverkehr gab.

Es war an einem Morgen, kurz nach 9 Uhr in den letzten Apriltagen des Jahres 1945. Der damals elfjährige Albert Knecht hatte sich vom elterlichen Hof in Schwaderloch geschlichen. Der Rhein führte Hochwasser und Albert wollte wissen, ob der Fluss wohl bald über die Ufer treten werde. Wohl hörte er den Fliegeralarm, aber wie viele andere im Dorf nahm er die Warnung nicht mehr ernst.

Zu oft schon war nichts passiert. Doch diesmal, als er sich auf der Ebene zwischen Dorf und Rhein befand, kamen die Kampfflugzeuge. Im Sturzflug griffen sie Albbruck an. Albert blieb auf offenem Feld stehen und staunte. «Ich wusste ja nicht, wie eine Bombe aussieht. Ich sah, wie sich plötzlich Kugeln lösten und auf Albbruck niedergingen. Ich wunderte mich, was die fremden Flugzeuge da wohl abgeworfen hätten, als die ersten Bomben nur wenige hundert Meter weit weg von mir detonierten», erzählt Knecht. Eine Nachbarin sah den gebannt dastehenden Buben und rief ihm zu, er solle sich sofort in Sicherheit bringen, was er denn eher widerwillig tat.

Panzer trifft Bahnhof Etzgen

«30 Menschen aus Albbruck starben im Bombenhagel», erzählt Knecht. «Die Alliierten wollten die Brücke über den Rhein zerstören, was ihnen aber nicht gelang. Zwar landete mitten auf der Brücke eine Bombe. Aber das war ein Blindgänger, zum Glück. Dafür explodierte eine Bombe im Wald zwischen Schwaderloch und Mettau. Die Stelle ist noch heute zu sehen und mit einer Gedenktafel markiert.

«Wenige Tage später marschierten die Franzosen ein», sagt Knecht. «Die Schwaderlocher konnten vom Ufer aus sehen, wie die weisse Fahne am Kraftwerk gehisst wurde. Damit war der Krieg zu Ende. Bei den Franzosen waren viele Marokkaner dabei. Die sollen auf den Panzern sitzend Hühner gerupft haben, hat man sich erzählt.» Albbruck ergab sich kampflos. Einzig im Ortsteil Albert kam es zu einem kurzen Scharmützel. Dabei verlor ein französischer Panzer kurzfristig den Überblick; der Geschützturm drehte sich und feuerte unkontrolliert ein Geschütz ab, das über den Rhein flog und schliesslich den Bahnhof Etzgen traf und beschädigte. Menschen kamen glücklicherweise keine zu Schaden.

«An den Tag des Kriegsendes habe ich keine klare Erinnerung», sagt Albert Knecht, «Ich weiss, dass wir keine Schule hatten, dass auch die Erwachsenen nicht arbeiteten und dass mein Vater endlich aus dem Aktivdienst nach Hause kam».

An die Rationierung hingegen kann sich Albert Knecht noch sehr gut erinnern. Auch nach Kriegsende blieb sie in Kraft. «Für eine grosse Familie war das happig. Wir durften zwar jeweils eine Sau metzgen, aber die Hälfte davon mussten wir abgeben. Zum Glück hatten wir Verwandte in Döttingen und Sisseln, mit denen wir tauschen konnten. Zum Beispiel Lebensmittel gegen Kaffee.» Nein, Hunger hätten sie nie leiden müssen, sagt Knecht, aber eine halbe Cervelat am Sonntag sei dann halt oft schon das höchste der Gefühle gewesen.

Täglicher Grenzverkehr im Krieg

Die Beziehung zu den deutschen Nachbarn sei auch während des Krieges nie feindlich gewesen. Zu sehr sei man aufeinander angewiesen gewesen. Knecht erinnert sich, dass auch während des Krieges jeden Tag rund 20 Personen aus Schwaderloch über den Rhein nach Albbruck zur Arbeit in die Papierfabrik und ins Kraftwerk gegangen sind.

Und schon bald nach Kriegsende haben Schwaderloch und andere Schweizer Dörfer am Rhein bis zu 500 deutsche Kinder regelmässig zu einem gesunden Sonntagsessen samt kleinem Fest eingeladen. Eine Geste, die man in den deutschen Grenzorten bis heute nicht vergessen habe, sagt Knecht.

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