Bezirksgericht Rheinfelden

Blinker zu früh gestellt: Die alte Frau kam mit dem «Ferrari» zur Verhandlung

«Es ist doch sicher nicht falsch, wenn man frühzeitig den Blinker stellt», sagte die beschuldigte 88-Jährige. (Symbolbild)

«Es ist doch sicher nicht falsch, wenn man frühzeitig den Blinker stellt», sagte die beschuldigte 88-Jährige. (Symbolbild)

Weil sie ohne unmittelbare Änderung der Fahrtrichtung geblinkt und dadurch einen Unfall verursacht hat, wurde eine ältere Autofahrerin in Rheinfelden gebüsst. Vor dem Bezirksgericht hat sie diese Busse angefochten.

Die Frau ist 88 Jahre alt. Sie sitzt als Beschuldigte vor Gericht, weil sie eine Busse von 200 Franken partout nicht bezahlen will. Sie habe nichts Unrechtes getan, sagt sie. Deshalb hat sie Einsprache gegen den Strafbefehl erhoben, sodass nun Gerichtspräsidentin Regula Lützelschwab in Rheinfelden den Fall beurteilen muss.

Passiert ist es fast auf den Tag genau vor einem Jahr. Die Beschuldigte fuhr mit ihrem Auto durch Rheinfelden, wollte nach rechts abbiegen und stellte den Blinker. Allerdings tat sie das viel zu früh, und zwar mindestens eine Abzweigung vor dem beabsichtigten Einspuren in Richtung Magden.

Das hatte Folgen: Eine E-Bike-Fahrerin, welche die Strasse überqueren wollte, sah das entgegenkommende, rechts blinkende Auto. Sie ging deshalb davon aus, dass die betagte Lenkerin die nächste Abzweigung nach rechts nehmen würde und versuchte, die Strasse zu überqueren. Doch da die ältere Dame eben erst in die übernächste Einmündung einbiegen wollte, kam es zur Kollision mit der E-Bike-Fahrerin. Diese zog sich erhebliche Prellungen, aber keine ernsthaften Verletzungen zu.

Alleine vor Gericht

Der Sachverhalt ist eindeutig und unbestritten und wird von mehreren Zeugen bestätigt. Auch von der Beschuldigten. «Aber es ist doch sicher nicht falsch, wenn man frühzeitig den Blinker stellt», sagt die beschuldigte 88-Jährige, die alleine vor Gericht erschienen ist und sich ohne Anwalt selber für sich wehrt. Die Unterlagen hat sie in einem Plastikmäppchen, Jacke und Mütze behält sie im Gerichtssaal an.

Gerichtspräsidentin Lützelschwab geht behutsam und sorgfältig mit der tapferen Frau um, hilft ihr beim Einordnen der amtlichen Dokumente. Dann schlägt sie der Frau vor, sie solle sich doch überlegen, ob sie die Einsprache gegen den Strafbefehl zurückziehen möchte. Damit diese in Ruhe darüber nachdenken kann, wird die Verhandlung kurz unterbrochen.

In der Pause erzählt die 88-Jährige, dass sie noch immer Auto fährt, aber Ende Jahr den Ausweis freiwillig abgeben wird. «Es reicht jetzt», sagt sie lakonisch. Bis vor vier Jahren war sie noch als Rotkreuzfahrerin im Einsatz, hat Einsätze bis ins Wallis gefahren, stets unfallfrei, wie sie betont. Sie werde das Auto vermissen.

Jetzt sowieso, wo das Gehen ihr zunehmend schwerer falle. Sie sei halt schon gerne Auto gefahren. Die Frau lebt allein in einer Alterswohnung, ausser der AHV hat sie kein Einkommen. «Ich musste mich immer wehren im Leben», sagt sie, und: «Manchmal wünsche ich mir, dass ich einschlafen kann und alles zu Ende ist.»

Dann geht alles sehr schnell. Die Frau zieht ihre Einsprache zurück und erklärt sich mit der Busse einverstanden. Zusammen mit den Gerichtskosten muss sie insgesamt 1029 Franken bezahlen. Das ist viel Geld für sie.

Trotzdem bedankt sie sich beim Gericht. Beim Hinausgehen bittet sie den Journalisten, sie zu stützen und zu ihrem Ferrari zu begleiten, den sie draussen parkiert habe. Die steile Treppe ist Gift für ihre lädierten Knie. Die Frau hat Humor: Der «Ferrari» erweist sich als ganz gewöhnlicher Rollator.

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