Jagd
«Blei fressen!» – Macht Blei im Rehpfeffer wirklich krank?

Die meisten Jäger verwenden nach wie vor bleihaltige Munition – die Folgen sind umstritten, zumal die Jäger die betroffenen Stellen wegschneiden und in der Natur liegen lassen. Doch was, wenn nun ein Bartgeier diese Reste frisst?

Matthias Hug
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Rund ein Drittel der Aargauer Jäger schiesstmit bleifreien Patronen.

Rund ein Drittel der Aargauer Jäger schiesstmit bleifreien Patronen.

KEYSTONE

An der Herbsttagung des Aargauischen Jagdschutzvereins gab ein schweres Thema zu reden: Blei. In der Schweiz dürfen Wildtiere, mit Ausnahme von Wasservögeln, mit bleihaltiger Munition geschossen werden.

Deren Einsatz ist allerdings umstritten. Die Debatte über ein Verbot befeuert hatte die SRF-Sendung «Einstein» vor rund eineinhalb Jahren mit einem Beitrag über die Jagd mit bleihaltiger Munition.

«Die Diskussion ist gestartet, ob uns das passt oder nicht», sagt Präsident Rainer Klöti. Die brisanteste Frage an der Herbsttagung stellte Sergio Stocker, Chefarzt der Kinderstation am Kantonsspital Schaffhausen, selbst passionierter Jäger.

Titel seines Vortrags: «Blei im Wildbret – macht das krank?» Stocker verwies auf Untersuchungen aus Deutschland, die zeigten, dass bleihaltige Munition einen deutlich erhöhten Bleigehalt im Fleisch hinterlasse.

Er hielt fest: «Blei kann theoretisch krank machen, aber eine bleifreie Ernährung ist nicht möglich.» Auch Kinder nähmen, etwa über Gemüse und Fruchtsäfte, täglich Blei auf.

Stocker kritisierte das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen. Dieses empfiehlt Kindern bis zum siebten Lebensjahr, Stillenden, Schwangeren und Frauen mit Kinderwunsch, möglichst auf mit Bleimunition erlegtes Wild zu verzichten.

Der Facharzt entgegnet: «Eigentlich spielt es keine Rolle, durch welche Munition das Wild zu Tode gekommen ist. Die Empfehlung des Bundesamts ist völlig undifferenziert.» Er räumte aber ein, dass Blei ein Umweltgift sei, an dem andere Lebewesen sterben könnten.

Der Einsatz dieser Munition sollte reduziert werden. «Ich schiesse daher bleifrei.» Eine Umfrage unter den Aargauer Jägern zeigte, dass nur rund ein Drittel von ihnen bleifreie Kugelmunition und nicht einmal ein Fünftel bleifreies Schrot verwendet.

Auch ein Waffenspezialist kam an der Tagung zu Wort: Beat Kneubühl, Munitionsexperte aus Thun. Bleihaltige Munition habe zwar eine bessere Stabilität und klare Vorteile bei der Reichweite, erklärte er. Dennoch: «Die Wirksamkeit, wie sie Bleigeschosse aufweisen, ist auch mit bleifreier Munition machbar.»

Welche Folgen bleihaltige Munition für die Tierwelt haben kann, zeigte die SRF-Sendung: Bei einem geschossenen Wildtier werden die Organe und ein Teil rund um die Einschussstelle weggeschnitten und in der Natur zurückgelassen.

Rund ein Drittel des Kugelbleis bleibt in winzigen Partikeln in diesem Fleisch zurück. Wenn nun ein Aasfresser wie der geschützte Bartgeier oder der Steinadler diese Überreste fressen, erkranken sie an einer Bleivergiftung, die tödlich enden kann. Auch der Mensch kann, wenn er beim herbstlichen Wildmenü auf eine Kugel beisst, eine erhöhte Bleidosis abbekommen.