Birmenstorf hat eine ganz besondere Beziehung zu seiner Partnergemeinde: eine gemeinsame Geschichte. Vor 150 Jahren gründeten Auswanderer die Siedlung Humboldt, benannt nach dem grossen deutschen Natur- und Südamerikaforscher. Viele der Gründer stammten aus dem Aargau. Als es um 1850 hierzulande Missernten gab und Hungersnöte herrschten, suchten rund 200 Birmenstorferinnen und Birmenstorfer ihr Glück in Übersee. In den diesjährigen Badener Neujahrsblättern schrieb der Birmenstorfer Historiker Patrick Zehnder, wie es sich damals zutrug: 17 Leute aus dem Dorf an der Reuss liessen sich in der argentinischen Siedlung Esperanza (dt. «Hoffnung») nieder, rund 10'000 Kilometer von der Heimat entfernt.

Nach zehn Jahren in Esperanza übersiedelten sie in die Weiten der nahen Pampa und halfen mit, Humboldt zu gründen und das Land urbar zu machen. Die Strassen sind rechtwinklig, es gibt eine katholische und eine reformierte Kirche sowie ein Dorfmuseum. Bis heute heissen die Einwohner Strickler, Bayer, Meyer, Zehnder, Rey oder Hunzicker. Rund 80 Prozent der Bevölkerung hat Vorfahren aus der Schweiz.

Sauerkraut und Dirndl

Humboldt liegt in der Provinz Santa Fe, 500 Kilometer nördlich von Buenos Aires und hat knapp 5000 Einwohner (2000 mehr als Birmenstorf). Laut Patrick Zehnder hat sich die deutsche Sprache unter den Argentinienschweizern weitgehend verloren. Rufnamen wie Lisi, Noldi, Bubi oder Meiti hielten sich aber bis ins 20. Jahrhundert, und am Humboldter Oktoberfest gelten Sauerkraut, Jodel und Dirndl als besonders schweizerisch. Seit 1991, der 700-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft, gab es immer wieder gegenseitige Besuche. Zehn Jahre später wurden Birmenstorf und Humboldt dann offizielle Partnergemeinden und schlossen eine «hermandad», eine Bruderschaft. Der Humboldter Bürgermeister Germán Kahlow, der selbst Vorfahren aus dem Aargau hat, und der damalige Birmenstorfer Gemeindeammann Martin Zehnder unterschrieben den Vertrag im Beisein des Schweizer Botschafters.

Martin Zehnder, der bis 2001 Ammann war, erinnert sich gern daran zurück: «Wir erlebten in Humboldt eine tolle Gastfreundschaft und ein riesiges Interesse an der alten Heimat. Die Eindrücke in Argentinien waren gewaltig.» Beim Birmenstorfer Gemeindehaus gibt es ein kleines Monument aus zwei Steinen. Das Pendant in Argentinien ist wesentlich grösser. Bis heute kommen regelmässig Besuchergruppen in den Aargau, und zwei Humboldterinnen haben hier ihre grosse Liebe gefunden.

Denkmal unter Palmen: Das «Monumento de la hermandad Birmenstorf-Humboldt» im Zentrum der argentinischen Stadt.

Denkmal unter Palmen: Das «Monumento de la hermandad Birmenstorf-Humboldt» im Zentrum der argentinischen Stadt.

Patrick Zehnder führte im Frühjahr das Humboldter Ehepaar Victor und Anamaria Bianco Zehnder durch Birmenstorf. Auf Anfrage der AZ sagt Victor Bianco, er sei begeistert gewesen: «Nach Birmenstorf zu kommen, war ein lang gehegter Traum, der endlich in Erfüllung ging.» Sein Ururgrossvater Dominik Zehnder sei von hier ausgewandert. Und was gefiel am besten? «Die Weitschweifigkeit der Landschaft – und die Sauberkeit im Dorf.» Der nächste Besuch in Birmenstorf ist bereits geplant.