Ein Revolver, Smith & Wesson, Kaliber.357. Ein Schuss auf Indiana Jones. Und ein Mann des Mutes, der Unschuldige mit einem Stein verteidigen will: Würde das, was in einer Freitagnacht im Juni 2016 in der Aarauer Telli geschah, verfilmt, müsste man den Streifen dem unterschätzten Genre Ostern (Western aus dem Osten) zuordnen. Aber der Reihe nach.

Der heute 34-jährige Türke Cengiz (alle Namen geändert) betritt um halb zwei das Billardcenter «Playland». Er zieht einen Revolver aus dem Hosenbund. Cengiz, nach eigenen Aussagen auf Drogen, braucht Geld. Er hat Schulden bei einem Kebabladen, beim Vermieter seiner Unterkunft, bei seinem Dealer. Mit dem Revolver bedroht er die Gäste, zwei händigen ihm ihr Portemonnaie aus. Cengiz sucht den Chef, verlangt das Serviceportemonnaie.

Inzwischen gelingt es Gast Geram, durch den Hinterausgang zu fliehen. Er läuft um das Gebäude, bewaffnet sich mit einem Stein, nähert sich der Lounge vom Haupteingang her, ruft Cengiz zu, die Polizei komme. Das löst bei Cengiz Panik und einen Schuss in Richtung Geram aus. Der rennt wieder aus der Lounge, Cengiz hinterher, zwei weitere Schüsse fallen. Eine Überwachungskamera zeichnet die Szene auf. Als die Polizei Cengiz nach einer Grossfahndung verhaftet, wehrt er sich. Erneut soll er seinen Revolver gezogen haben, wie ein Polizist aussagte.

Unwillkürlich nervositätsbedingt

«Ich bin von Anfang an mit der Absicht dorthin gegangen, Geld zu rauben», sagte Cengiz im Oktober vor Bezirksgericht Aarau. Dieses verurteilte ihn wegen mehrfachen versuchten Mordes, qualifizierten Raubes, Sachbeschädigung sowie mehrfacher Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte zu einer Freiheitsstrafe von 15 Jahren. Zudem erhielt Geram, der nach eigenen Aussagen seit dem Überfall an Angstzuständen leidet und in psychologischer Behandlung ist, 10 000 Franken Genugtuung zugesprochen.

15 Jahre Knast für Billard-Räuber

15 Jahre Knast für Billard-Räuber (25. Oktober 2017)

Der Türke Ergin T. schoss beim Überfall einer Aarauer Billard-Lounge mehrfach auf einen Gast. Dafür muss er nun eine lange Zeit ins Gefängnis.

Am Mittwoch vor Obergericht forderte Cengiz’ Verteidiger einen Freispruch oder mindestens die Herabsetzung der Strafe auf acht Jahre. Der vorbestrafte Asylbewerber sagte: «Ich wollte in keiner Hinsicht jemanden verletzten.» Er hätte Geram treffen können, hätte er dies gewollt. Aber er habe bewusst nur in jene Richtung und bloss auf den «Indiana Jones»-Spielautomaten gezielt.

Als er aus dem Lokal gestürmt sei, habe er nicht auf Geram, sondern in die Luft geschossen. Und er sei nur in die gleiche Richtung wie Geram, weil in der anderen KIFF-Konzertbesucher, Taxis und eine Parking-Schranke gestanden hätten, wo er eine Überwachungskamera befürchtet habe. Der Verteidiger unterstreicht, auf den Aufnahmen sei nicht sichtbar, wohin die Schüsse gingen. Sein Mandant habe nie auf Geram gezielt. Der Hammer des Revolvers sei zuerst nicht gespannt gewesen, «es muss sich um eine unwillkürliche nervositätsbedingte Bewegung gehandelt haben».

Alles andere als konstant

Der Staatsanwalt hingegen bezichtigte Cengiz der Lüge: «Er hat uns heute die 908. Version des Tatablaufs präsentiert.» Auch der Anwalt von Zivil- und Strafkläger Geram bemerkte, Cengiz sage «alles andere als konstant aus».

Je nachdem, ob es ihm bei der Antwort auf eine Frage grad etwas nütze oder nicht, habe er beispielsweise Erfahrung mit Schusswaffen oder nicht. Cengiz habe aus Habgier gehandelt, der mehrfache Mordversuch sei offensichtlich.

Überfall Billardlounge

Überfall Billardlounge (20. Juni 2016)

Ein Gast der Billardlounge wollte den Räuber mit einem Stein ausser Gefecht setzen.

Zeuge Allah half nicht

In seinem letzten Wort sagte Cengiz: «Allah ist Zeuge, dass ich auf niemanden gezielt habe oder jemandem Schaden zufügen wollte.» Das Obergericht unter dem Vorsitz von Jann Six musste jedoch Gott aussen vor lassen und zog die Fakten zurate – was in der Bestätigung des erstinstanzlichen Urteils mündete.

Für das Gericht, erklärte Six, sei erstellt, dass der Hammer des Revolvers gespannt gewesen sei und Cengiz die Anwesenden in Lebensgefahr gebracht habe. Ebenfalls sei erstellt, dass Cengiz auf Geram gezielt und diesen nur knapp verfehlt habe: «Dass Sie auf Indiana Jones gezielt haben wollen, liegt ausserhalb einer vernünftigen Betrachtungsweise.»

In einem Punkt gab das Obergericht der Verteidigung allerdings Recht. Die Genugtuung für Geram setzte es von 10 000 auf 1000 Franken herab. Die Angstzustände habe Geram nicht wegen der Schüsse, sondern wegen Interviews, die er einem Lokalsender kurz nach dem Vorfall gegeben habe. Deswegen sei er später bedroht worden. Da Geram diese Bedrohung nicht näher beschreiben und keine Namen nennen wollte, konnte das Gericht dies nicht überprüfen.