Bildung

Bildungspolitiker sind gegen höhere Hürden für die Kantischüler

Begabtenförderung, hier an der Bez Wohlen, funktioniert – doch das Gewerbe kritisiert, es habe zu wenig Lehrlinge. Lisa Stutz

Begabtenförderung, hier an der Bez Wohlen, funktioniert – doch das Gewerbe kritisiert, es habe zu wenig Lehrlinge. Lisa Stutz

Es gibt zu viele Kantischüler, aber zu wenig Lehrlinge. Das Aargauer Gewerbe fordert Bezirksschüler auf, eine Lehre zu machen. Jetzt melden sich Bildungspolitiker: Sie sind gegen höhere Hürden für Kantischüler.

Entscheiden sich zu wenige Bezirksschülerinnen und -schüler für eine Lehre? Womöglich, weil man ihnen den Übergang in die Kantonsschule zu leicht macht, wie Gewerbepolitiker in der az kritisierten?

SP-Grossrat und Sekundarlehrer Thomas Leitch und Maya Bally, BDP-Grossrätin und Vorstandsmitglied des Vereins Aargauischer Schulpflegepräsidenten, verweisen vorweg beide auf die Demografie.

Weil geburtenschwache Jahrgänge nachkommen, wird sich die Lehrlingsknappheit noch verschärfen. Bally: «Auch mit mehr Lehrlingen aus der Mittelschule kann man diese Lücke nicht auffüllen.»

Sie fragt, ob das Ausbildungsniveau von Schulabgängerinnen und -abgängern wirklich schlechter geworden ist oder ob nicht vielmehr die Anforderungen gestiegen sind.

Deutlich weniger Realschüler

Früher besuchten je rund ein Drittel der Schüler Real, Sek und Bez. Heute sind je rund 40 Prozent in Sek und Bez und rund 20 Prozent in der Real.

Darauf verweist Kathrin Scholl, stellvertretende Geschäftsführerin des Aargauischen Lehrerverbandes. Heute gehen somit auch Schüler in die Bez, die früher eine Lehre gemacht hätten.

Entscheidend ist für Scholl, dass die Bez die Schüler «neutral» ausbildet, sodass diese eine Lehre machen oder in die Kanti gehen könnten.

«Den Entscheid für den weiteren Weg fällen aber die Schüler und ihre Eltern, nicht die Schule.» Scholl wehrt sich unter Verweis auf die tiefe Maturitätsquote im Aargau klar gegen höhere Hürden für Bez-Schüler. Sie setzt «auf eine engere Zusammenarbeit zwischen Schule, Gewerbe und Eltern».

Bally: Verbesserungen suchen

Maya Bally und Kathrin Scholl geben zu bedenken, dass es für schwächere Schulabgänger, die es schon immer gab, immer weniger Stellen gibt. Die einen kritisieren zudem laut Bally ein Manko bei den Sprachkenntnissen, andere in naturwissenschaftlichen Fächern, wieder andere wollen das Gestalterische mehr fördern.

Bally: «Die Klagen höre ich aber sehr wohl. Es wäre Zeit, dass Vertreter von Volksschullehrern und Lehrmeistern zusammensitzen, über die unterschiedlichen Erwartungen und Möglichkeiten diskutieren und nach Verbesserungen suchen.»

Leitch: Berufsbildungsfonds

SP-Grossrat Thomas Leitch unterrichtet seit 25 Jahren als Sekundarlehrer. In typenübergreifenden Abschlusstests am Ende des 8. Schuljahres zeigten viele
Sekundarschüler Bezirksschulniveau und man sehe später einstige Sekundarschüler die Berufsmatura machen, sagt Leitch: «Das zeigt, gute Sekundarschüler können das auch.»

Leitch will keinesfalls Kantonsschule und Berufslehre gegeneinander ausspielen. Auch sollte man den Zugang zur Kantonsschule nicht erschweren: «Schliesslich braucht auch die Industrie heute 30 Prozent Akademiker.»

Er unterstützt aber vollauf Forderungen für gleich lange Spiesse in der Ausbildung. Leitch fordert, dass wie im Kanton Zürich Firmen, die nicht selbst ausbilden, in einen kantonalen Berufsbildungsfonds einzahlen. Davon profitieren sollen die Lehrbetriebe.

Deppeler: Von Grund auf lernen

Mit den Forderungen des Gewerbes sehr einverstanden ist Walter Deppeler, SVP-Grossrat, Bildungspolitiker und Winzer mit Meisterdiplom: «Wer will, dass mehr Sek- und Bezschüler eine Lehre absolvieren, spricht mir aus dem Herzen.»

Er macht die Erfahrung, dass Schüler, die den Weg via Kanti und Fachhochschule gegangen sind, zu wenig mit der Praxis verbunden seien. Deppeler: «Wer einen Beruf von Grund auf gelernt hat und dann eine Weiterbildung macht, geht seine Arbeit anders an. Das gibt die besseren Fachleute.»

Auch Ruedi Suter, Rektor der Berufsschule Lenzburg, versteht die Forderungen des Gewerbes. Er sieht ein grosses Spannungsfeld: Einerseits steigen die Anforderungen, anderseits kämen eher schwächere Schüler.

Eben weil heute die Kanti beliebter sei. Vielfach mangle es an Grundfertigkeiten wie Lesen, Schreiben, Rechnen. Da würde er sich mehr Übung wünschen – und mehr Information über die heute hohe Durchlässigkeit des Systems. Auch mit Berufslehre besteht heute über gezielte Weiterausbildungen gar die Möglichkeit einer akademischen Karriere.

Meistgesehen

Artboard 1