Raumplanung

«Bibergeil»: Aargauer Architekten wollen Zersiedlung stoppen

Die Gruppe «Bibergeil»: Rainer Zulauf und Martin Leder (links und rechts auf der Leiter ), Lukas Schweingruber, Thomas Schneider, Rolf Meier, Peggy Liechti (mittlere Reihe von links ), Andreas Graf, Beat Schneider, Lukas Zumsteg ( vordere Reihe von links ). Peter Hauser

Die Gruppe «Bibergeil»: Rainer Zulauf und Martin Leder (links und rechts auf der Leiter ), Lukas Schweingruber, Thomas Schneider, Rolf Meier, Peggy Liechti (mittlere Reihe von links ), Andreas Graf, Beat Schneider, Lukas Zumsteg ( vordere Reihe von links ). Peter Hauser

Die Gruppe «Bibergeil» denkt den Aargau neu und präsentiert die Ergebnisse. Sie plädiert für ein selektives Wachstum, für eine symbiotische Beziehung zwischen Stadt und Land und für schrumpfende Gemeinden auf dem Land.

Der Aargau wächst weiter. Bis 2040 soll die Bevölkerung auf 816 000 Einwohnerinnen und Einwohner steigen. Trotz Raumplanung wird dieses Wachstum aber zu einer räumlichen Verbreiung führen, welche die Landschaft unwiederbringlich zerstört. Dies ist die faktengestützte Überzeugung einer Gruppe von Architekten, die sich zur Gruppe «Bibergeil» zusammengeschlossen hat. Die Gruppe «Bibergeil» hat deshalb eine Reihe von alternativen Entwicklungsstrategien entwickelt, die aufzeigen sollen, wie sich der Aargau räumlich sinnvoll entwickeln soll. Sie präsentiert nun eine Reihe von überraschenden Entwürfen, zusammengefasst in einer Broschüre unter dem Titel «Les Argovies – Identität des Dazwischen». 

Zur Gruppe «Bibergeil» gehören die Architekten Liechti, Graf, Zumsteg aus Brugg, Meier, Leder, Architekten aus Baden, Schneider & Schneider, Architekten aus Aarau, und das Studio Vulkan, Landschaftsarchitektur aus Zürich. Den eher unkonventionellen Namen «Bibergeil» haben die Architekten aus der Biologie entlehnt; «Bibergeil» heisst das Sekret, welches der Biber absondert, um sein Fell zu pflegen und das Revier zu markieren.

Lenzburg an der Aare

Die Besiedlung im Aargau wird vornehmlich durch die autonome Handlungsweise der 213 Gemeinden gesteuert. Eine übergeordnete Entwicklung sei deshalb praktisch unmöglich, erklärt die Gruppe. Die Gemeinden wachsen konzentrisch von innen nach aussen. Die Landschaft werde dadurch auch in ländlichen Gebieten immer mehr zu einem gleichförmig «mit Besiedlung durchsetzten Brei», in welchem die einzelnen, autonomen Gemeinden nicht mehr als solche zu erkennen seien.
Dagegen hilft nach Ansicht der Gruppe nur ein Mittel: Selektives Wachstum. Wachstum darf nicht mehr gleichmässig in allen Gemeinden stattfinden. Sondern es gibt Gemeinden, die wachsen und solche, die schrumpfen. Als konkretes Beispiel entwirft die Gruppe die Städtekette. Dazu gehören die die Kleinstädte Brugg, Lenzburg Aarau, Zofingen und Olten. Sie bilden den Raum, in welchem noch Überbauungen entstehen dürfen und sollen; dafür sollen die die Städte umgebenden Täler (Reusstal, Bünztal, Suhrental, Wynental, Jurahöhen) als Landschaftsräume und Naherholungsgebiete weitgehend frei bleiben. Verbunden werden sollen die einzelnen Städte durch eine neue Bahnlinie mit Haltestellen im Abstand von einem Kilometer. Dabei verschmelzen die Städte auch mit den umliegenden Gemeinden; Lenzburg etwa, würde so auch zur Stadt an der Aare.

Die Aargauer Städtekette, die so nach und nach entstehen könnte, würde dann auch in der ganzen Schweiz als bedeutende Stadt mit rund 300 000 Einwohnern wahrgenommen.

Das «Hero-Prinzip»

Währenddem also in den Städten die Besiedlung gefördert wird, soll in den ländlichen Regionen vor allem Landwirtschaft betrieben werden. Erreicht werden soll das durch einen Transfer von Siedlungsflächen Richtung Stadt und von Landwirtschaftsflächen Richtung Land. Die Architekten von «Bibergeil» sprechen vom «Hero-Prinzip», das zur Anwendung kommen soll: Früher arbeiteten viele Bauern in der Region für die Hero in Lenzburg. Künftig sollen die Bauern des Umlands die Städter mit landwirtschaftlichen Produkten versorgen; aus der Region für die Region. Alles qualitativ hochwertige Produkte, die in den neu entstehenden städtischen Markthallen täglich frisch verkauft werden. 

Die Gruppe hat noch weitere Vorschläge entwickelt. Allen Ideen ist gemeinsam: Sie sind nicht nur überraschend, sondern enthalten auch einigen Zündstoff und provozieren. So bezeichnete etwa Ralf Bucher, Geschäftsführer des Bauernverbandes Aargau, die Studie in der Zeitschrift «Hochparterre» als «romantisch» und das vorgeschlagene «Hero-Prinzip» als reine «Nostalgie.» Bewusst haben die Architekten auch auf politische Überlegungen verzichtet; und ebenso haben sie auch nicht alle Regionen im Aargau berücksichtigt. So sucht man etwa Aussagen über das Fricktal oder das Freiamt vergeblich.

Ein erstes Mal werden diese Thesen am 18. November in den ehemaligen Hero-Hallen in Lenzburg diskutiert. Die Gruppe rechnet mit bis zu 1000 Interessierten; es gibt auch Wurst, Bier und Musik.

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