Josef Fischer ist Geschäftsführer der Stiftung Reusstal – und Biberfreund. Er freut sich, dass das einst ausgestorbene Nagetier inzwischen auch die Reussebene wieder besiedelt. Doch in den letzten Jahren kam es zunehmend zu Konflikten: «Seit 2014, seit der Biber massiv Dämme baut, wurde es problematisch», sagt Fischer. Heikel ist insbesondere das Verhältnis mit den Bauern – notfalls abschiessen.

Dagegen wehren sich Umweltschutzorganisationen wie WWF, Birdlife und Pro Natura. Fischer sagt, es gebe tatsächlich Probleme mit dem Biber: «Er bedient sich immer wieder an landwirtschaftlichen Kulturen wie Getreide, Mais und Raps. Das ist für die Bauern zu einem gewissen Mass verträglich. Wenn aber flächig die landwirtschaftlichen Kulturen vernässt werden, wird es sehr problematisch.»

Dämme behindern Drainage

Und genau dies passiert im Reusstal, wie Fischer erklärt. «Das Kraftwerk Bremgarten-Zufikon staut die Reuss bis nach Jonen zurück.» Dadurch liege der Flusspegel in der Reussebene deutlich über der landwirtschaftlichen Flur, was dazu führe, dass beträchtliche Mengen Grundwasser in dieses Gebiet einsickern.

Dieses Wasser muss über sogenannte Drainagen wieder abgeführt werden, damit das Kulturland nicht vernässt. Das System der Entwässerung ist fragil, wie Josef Fischer erklärt. «Die Hauptdrainagen in der Reussebene im Raum Lunkhofen-Jonen haben zum Teil ein Gefälle von unter einem halben Promille», sagt. Und Fischer zeigt die möglichen Folgen auf: «Ein Biberdamm von 1 Meter Höhe kann ein solches Drainagesystem über 2,5 Kilometer Länge zurückstauen.»

In einigen Geländedellen von Oberlunkhofen sei das Grundwasser wegen der Biberdämme an die Oberfläche getreten. «Aber auch dort, wo Grundwasser nur nahe an die Oberfläche kommt, kann das für gewisse landwirtschaftliche Kulturen und die Bewirtschaftung mit Maschinen problematisch werden», betont Fischer. Die betroffenen Bauern, die gemeinsam beim Kanton die Beseitigung der Biberdämme beantragt haben, sprechen von 50 bis 60 Hektaren betroffener Landfläche und einem Schaden in der Höhe von rund 5 Millionen Franken.

Biber als Sündenbock?

Johannes Jenny, der Geschäftsführer von Pro Natura, widerspricht vehement. «Nach unseren Berechnungen dürften die tatsächlichen Schäden massiv tiefer liegen und die Vernässungen nur zu kleinen Teilen dem Biber angelastet werden können.» Jenny betont, aus der Sicht von Pro Natura würden Fehler in der Bewirtschaftung beschränkt ackerfähiger Böden entscheidend zu den nassen Feldern beitragen. «Die Landwirtschaft hat unbestritten Probleme und so mancher Nerv liegt blank», sagt Johannes Jenny. Dafür müsse man Verständnis aufbringen. «Der Problembewältigung und der Reputation der Landwirtschaft dient es aber sicher nicht, wenn der Biber nun zum Sündenbock hochstilisiert wird», meint er.

Auch die lokale Stiftung Reusstal, die seit 1962 besteht und ein Naturschutzzentrum in Rottenschwil betreibt, steht prinzipiell hinter dem Biber. Trotz den Problemen der Bauern ist Geschäftsführer Fischer aber nicht der Ansicht, «dass der Biber aus diesem Landschaftsraum vollständig zu entfernen ist». Das wäre auch kaum zu machen, weil der Nager im Gebiet an der Reuss und am Flachsee sehr gute Lebensräume vorfindet und jährlich Jungtiere aufzieht, die neue Reviere suchen.

Naturschützer nicht einig

Fischer hält aber fest, die Situation müsse optimiert werden, um ein Nebeneinander von Landwirtschaft, ökologisch wertvollen Streuwiesen und dem Biber zu ermöglichen. Betroffen von der Vernässung durch die Dämme sind nicht nur Felder von Bauern, sondern auch wertvolle nationale Biotope. «Bei diesen besagt das Biberkonzept Schweiz, dass der in der Bundesverfassung verankerte Moorschutz vor dem Biberschutz zu gewichten ist», macht Fischer klar. Zudem fürchtet er, die seit Jahrzehnten eingespielte Kooperation zwischen Naturschutz und Landwirtschaft im Reusstal könnte je nach Ausgang des Verfahrens um die Biberdämme beeinträchtigt werden.

Für Pro Natura ist klar: Die Biberdämme in der Alten Jone dürfen nicht entfernt werden. Die Organisation hat gegen das Gesuch der Landwirte eine Beschwerde eingereicht, nun muss der Regierungsrat entscheiden. Nicht an der Seite von Pro Natura steht in diesem Fall die Stiftung Reusstal. «Aus den erwähnten Gründen» – also wegen der Probleme mit vernässten Feldern und Biotopen – habe sich die Stiftung Reusstal entschieden, nicht gegen die Entfernung der Dämme vorzugehen.

Der Entscheid des Regierungsrats zu den umstrittenen Dämmen im Reusstal steht noch aus, laut Johannes Jenny von Pro Natura ist der juristische Schriftenwechsel der beteiligten Parteien noch nicht abgeschlossen.