Aargau

Biber-Konflikte: Dämme dürfen weg – der Abschuss bleibt verboten

In den letzten Jahren sind die Biber im Aargau von den grossen Flüssen weg an kleinere Gewässer gewandert.

In den letzten Jahren sind die Biber im Aargau von den grossen Flüssen weg an kleinere Gewässer gewandert.

Biberdämme sorgen in Wohlenschwil, Kleindöttingen und Aarau Rohr für Probleme. Nun hat der Kanton verfügt, dass die Dämme entfernt werden dürfen – der Abschuss der geschützten Tiere wurde aber nicht bewilligt.

Vor gut 50 Jahren lebte im Aargau kein einziger Biber. Zwischen 1964 und 1971 wurden am Rhein und im Wasserschloss auf Initiative des damaligen Kreisoberförsters Karl Rüedi aus Aarau insgesamt 56 Biber ausgesetzt. Heute sind es rund 270 Tiere, wie die letzte Bestandserhebung vor zwei Jahren ergab. Dass sich der Bestand seit der Aussetzung verfünffacht hat, ist für den Kanton «eine erfreuliche Entwicklung», wie es auf der Website der Sektion Jagd und Fischerei heisst. Der Aargau habe als Wasserkanton «eine besondere Verantwortung» für den grossen Nager.

Da kommt der Biber aus der Reuss und watschelt zielstrebig auf sein Seerosenbuffet zu

Da kommt der Biber aus der Reuss und watschelt zielstrebig auf sein Seerosenbuffet zu (Mai 2012)

In den letzten Jahren ist der Biberbestand im Aargau kaum noch gewachsen. Allerdings sind seit 2008 viele Tiere von den grossen Flüssen weg an Bäche und kleinere Gewässer gewandert, wie Christian Tesini, Biberspezialist beim kantonalen Departement Bau, Verkehr und Umwelt, in der Publikation «Umwelt Aargau» schreibt. Und genau dort kommt es nun zu Konflikten.

Gesuch für Biber-Abschuss

An drei Orten hat der Kanton die Bewilligung zur Entfernung von Biberdämmen erteilt. Der erste Fall betrifft die Gemeinde Wohlenschwil, wo der Biber entlang des Schwarzgrabens aktiv ist. Gemeinderätin Dominique Sigrist sagt auf Anfrage, grundsätzlich habe der Gemeinderat ja Freude, «dass sich Biber in Wohlenschwil ansiedeln». Als der Schwarzgraben vor Jahren geöffnet und renaturiert wurde, wurde das Gewässer für den Biber attraktiv.

Wohlenschwil: Weil der Biber den Weg untergraben hat und seine Gänge eingestürzt sind, ist am Rand ein Teil abgerutscht.

Wohlenschwil: Weil der Biber den Weg untergraben hat und seine Gänge eingestürzt sind, ist am Rand ein Teil abgerutscht.

Sigrist sagt aber, das geschützte Tier verursache massive Schäden: «Es ist bereits einmal ein Traktor auf einem Feldweg eingebrochen, der Biber untergräbt Strassen und frisst Gemüse vom Feld eines Bauern.» Um das zu verhindern, wäre der Einbau eines Schutzgitters möglich – damit könnte der Biber keine Wege mehr untergraben. «Das würde aber allein für die Gemeinde rund eine halbe Million Franken kosten, für den Gemüseproduzenten nochmals gleich viel», gibt Sigrist zu bedenken.

Der Biber tut sich an den Seerosen gütlich

Ertappt: Biber tut sich im Biotop in Bremgarten an den Seerosen gütlich (25.05.2012)

Angesichts der hohen Kosten reichte der Gemeinderat Ende Juli ein Gesuch «zur Entfernung sämtlicher Biber aus demselben Gewässerabschnitt» ein, wie es im Amtsdeutsch heisst. Im Klartext habe Wohlenschwil eine Bewilligung verlangt, die Biber am Schwarzgraben abzuschiessen, sagt Christian Tesini. «Es war das erste Gesuch dieser Art im Aargau», hält der Biberspezialist fest – und der Kanton lehnte den Abschuss ab. Dominique Sigrist sagt dazu: «Wir haben beantragt, die Biber zu entfernen. Das bedeutet für mich nicht zwingend einen Abschuss, wir wären auch mit einer Umsiedlung einverstanden gewesen.» Dass der Kanton nun die Damm-Entfernung bewilligt hat, freut die Gemeinderätin. «Wir hoffen, dass der Biber danach nicht mehr in diesem Abschnitt des Schwarzgrabens baut, weiter unten wären seine Aktivitäten unproblematisch.»

Wasser auf Windhunde-Rennbahn

Auch am Solenbach in Kleindöttingen dürften bald die Baumaschinen auffahren, wenn die Bewilligung zur Dammentfernung nicht angefochten wird. Dort führen die Biberdämme dazu, dass die Drainage nicht mehr funktioniert. Das SRF-Regionaljournal meldete kürzlich, mehrere Felder und eine angrenzende Windhund-Rennbahn stünden teilweise unter Wasser. Einer der betroffenen Bauern ist Lukas Kalt, wie das Badener Tagblatt berichtete.

Kleindöttingen: Auf dem Areal der Windhunde-Rennbahn steht Wasser – der Biber hat den daneben fliessenden Bach gestaut.

Kleindöttingen: Auf dem Areal der Windhunde-Rennbahn steht Wasser – der Biber hat den daneben fliessenden Bach gestaut.

Der Landwirt soll den Biberdamm damals eigenhändig entfernt haben. Weil dies verboten ist, soll ihm eine Anzeige ins Haus geflattert sein. Kalt will sich auf Anfrage der az nicht dazu äussern, der kantonale Biberspezialist Tesini sagt: «Von einer unbewilligten Dammentfernung haben wir entfernt Kenntnis genommen, eine Anzeige hat aber zumindest die Sektion Jagd und Fischerei nicht eingereicht.»

Dammentfernung hilft nur kurz

Inzwischen hat die Gemeinde Böttstein, zu der Kleindöttingen gehört, einen Antrag zur Entfernung des Biberdamms gestellt. Nach einem Augenschein mit Bauern sowie Vertretern des Windhunde-Rennvereins, der Gemeinde Böttstein und von Pro Natura hat der Kanton die Bewilligung erteilt, die Dämme vorerst während eines halben Jahres zu entfernen. Damit könnten grössere Schäden an landwirtschaftlichen Kulturen sowie der Windhunde-Rennbahn verhindert werden. In diesen sechs Monaten sollen die beteiligten Parteien eine Lösung suchen, «welche die Bedürfnisse der Biber sowie der betroffenen Grundeigentümer und Bewirtschafter abdeckt».

Johannes Jenny, Geschäftsführer von Pro Natura Aargau, sagte gegenüber «Schweiz aktuell», mit der Entfernung der Dämme sei das Problem nur kurzfristig gelöst. «Das Gebiet ist von Natur aus feucht, es ist Riedboden, ein attraktiver Lebensraum für den Biber. Deshalb wird er meiner Einschätzung nach auch immer wieder dorthin zurückkehren.»

Grundwasser ist gefährdet

Im dritten Fall führen Biberdämme im Giessen und im Neunäuglerbach in Aarau Rohr zu Problemen mit der Trinkwasserversorgung. Weil die Biber im Bereich eines Pumpwerks und am Rand einer Grundwasser-Schutzzone die Bäche stauen, ergibt sich ein erhöhtes Risiko der Verunreinigung des Trinkwassers, wie der Kanton schreibt. Darauf hatten die kantonalen Lebensmittelkontrolleure schon 2013 in einem Bericht hingewiesen. Als erste Reaktion wurden die Dämme abgesenkt und die entstandenen Teiche mit Röhren entwässert.

Aarau Rohr: 2013 wurden die Biberdämme mit Rohren entwässert, nun werden sie entfernt – um das Grundwasser zu schützen.

Aarau Rohr: 2013 wurden die Biberdämme mit Rohren entwässert, nun werden sie entfernt – um das Grundwasser zu schützen.

Doch dies blieb wirkungslos: «Die Biber haben immer wieder neue Standorte für ihre Dämme gesucht», hält der Kanton fest. Als einzige Lösung blieb die Entfernung der Dämme. Diese werden schon seit Mai 2014 beseitigt, nun hat der Kanton der IBAarau Trinkwasser AG eine unbefristete Bewilligung erteilt. Denn mit der einmaligen Entfernung der Dämme ist es nicht getan, die Biber sind hartnäckig. Harriet Moser, Leiterin Kommunikation und Marketing bei der IB Aarau, sagt auf Anfrage: «Wir entfernen die Biberdämme im Gebiet Giessen und Neunäuglerbach je nach Situation etwa alle zwei Wochen, um den Abfluss des Wassers zu gewährleisten.»

Das Grundwasserpumpwerk Rohr hat laut Moser regionale Bedeutung, jede seiner drei Pumpen fördert rund 3000 Liter Wasser pro Minute. Eine Verlegung des Pumpwerks wäre für die IBAarau mit unverhältnismässigem Aufwand verbunden, «dies ganz abgesehen davon, dass ein Grundwasserpumpwerk dieser Grösse aus geologischen Gründen nicht einfach an einen beliebigen Standort verlegt werden kann», erklärt die Sprecherin. Nebst Kosten von mehreren Millionen für das Werk und die Bohrungen müsste auch eine neue Grundwasser-Schutzzone ausgeschieden werden. Dies wäre aufgrund der dichten Nutzungen im Aare-Raum nahe der Stadt Aarau sehr aufwändig, gibt Moser zu bedenken.

Beschwerden sind möglich

Doch gibt es keine anderen Massnahmen, als Dämme zu entfernen. Könnten die Biber aus Wohlenschwil, Kleindöttingen oder Aarau Rohr nicht an andere Gewässer im Kanton umgesiedelt werden? «Dies ist keine gute Lösung, da damit der Konflikt einfach örtlich verlagert werden könnte», sagt Christian Tesini.

Die kantonalen Bewilligungen für die Dammentfernung liegen derzeit öffentlich auf. Laut Tesini sind es die ersten drei Entscheide dieser Art. «Davor wurden Dammentfernungen mit einem einfachen Brief bewilligt, ohne Auflage und Rechtsmittel», erklärt der Biberspezialist. Dies ist seit einem Bundesgerichtsurteil vom April dieses Jahres nicht mehr möglich, seither unterliegen Bewilligungen zur Entfernung von Biberdämmen dem Verbandsbeschwerderecht. Die drei Verfügungen liegen bis 27. Dezember (Kleindöttingen) bzw. bis 3. Januar (Wohlenschwil und Aarau Rohr) öffentlich auf. Ob sich Pro Natura dagegen wehrt, lässt Geschäftsführer Johannes Jenny noch offen. «Wir werden dies an der nächsten Vorstandssitzung entscheiden», sagt er auf Anfrage.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1