MIttelschulverordnung

Bezirksschüler stürmen über gesperrten Weg an die Fachmittelschule

Viele freie Plätze gibt es im Jahrgang 2012 nicht (Symbolbild)

Viele freie Plätze gibt es im Jahrgang 2012 nicht (Symbolbild)

Weil bei der Revision der Zulassungsbedingungen zur Fachmittelschule (FMS) ein Paragraf vergessen ging, wird die Schule von Bezirksschülern überrannt. Es entstand ein eigentlicher Prüfungstourismus.

Im Jahr 2010 haben Regierung und Parlament in einem Deregulierungs-Kraftakt sechs Erlasse aus dem Mittelschulbereich teilrevidiert, einen total revidiert und einen aufgehoben. So wohltuend ein solcher Ordnungs- und Vereinfachungsprozess ist: Wenn man nicht genau aufpasst, können Paragrafen vergessen gehen. Passiert ist das im Bereich «Zulassung zur Fachmittelschule FMS».

Gleich gestellt und doch nicht

In die FMS gelangen Jugendliche, die in der Bezirksschulabschlussprüfung (BAP) einen Notendurchschnitt von mindestens 4,4 aufweisen. Auch Sekundarschülerinnen und -schülern steht die FMS offen, sie müssen aber eine Aufnahmeprüfung bestehen. Rund ein Viertel der Bewerber schafft das jeweils. Für Bezirksschülerinnen und -schüler ist dieser Weg über die Prüfung gesperrt, zumindest im Jahr ihres Abschlusses (nach einem Zusatzjahr dürfen auch sie es versuchen). Dieser Passus – keine Aufnahmeprüfung für Bezirksschüler vor der BAP – ist bei der Revision vergessen gegangen.

Damit wurden die Bezler rechtlich gleich behandelt wie die Sekundarschüler. Und doch wieder nicht: Jugendliche der Sekundarschule gelangen ja einzig via Aufnahmeprüfung in die FMS. Sie haben keine Gelegenheit, sich diesen Zugang mit dem Zeugnis zu verdienen wie die Bezler. Ein Widerspruch. Das hatte Folgen. Im Jahr 2011 zwar noch nicht – der Fehler war offenbar noch von niemandem entdeckt worden. Wohl aber 2012. Meldeten sich 2011 noch 122 Jugendliche an die FMS-Aufnahmeprüfung an (24 von ihnen bestanden), waren es in diesem Jahr 189, also gut 50 Prozent mehr. Die Lücke war entdeckt. 75 der Prüflinge stammten aus der 4. Bez, also aus einem eigentlich ausgeschlossenen Segment. 57 der Geprüften, also mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr, bestanden, 31 von ihnen waren Viertbezler.

«Das entspricht einer ganzen Klasse mehr, in einem ohnehin stark wachsenden und deshalb von Raumnöten geplagten Schultypus», bestätigt Bettina Diem, Leiterin der Sektion Mittelschulen im Bildungsdepartement. Und fügt an: «Auch wenn uns natürlich der Zulauf zur FMS grundsätzlich freut.» Doch das Problem, das durch den Irrtum bei der Revision entstanden sei, sei nicht nur quantitativer Art: «Wenn wir Aufnahmeprüfungen vor der BAP zulassen, unterlaufen wir diese. Wozu sollen die Jugendlichen noch an die BAP und sich anstrengen, wenn sie das Anschlussbillett bereits im Sack haben?»

Schach dem Prüfungstourismus

Und die Sektionschefin ortet noch ein grundsätzlicheres Problem: «Unter den Bezlern, die sich zur Aufnahmeprüfung anmeldeten, hatte es auch solche, welche den erforderlichen Notenschnitt ohnehin geschafft hätten. Lässt man Aufnahmeprüfungen vor der BAP zu, entsteht eine Art Prüfungs-Tourismus, ein Austesten von Optionen, ein Jonglieren mit Notenschnitten. Man versucht es an der FMS, vielleicht auch noch an der Wirtschafts- oder der Informatikmittelschule – das ist eine ungute Entwicklung. Wir möchten, dass die verschiedenen Mittelschultypen gemäss Eignung und Neigung bewusster angesteuert werden.»

Ein schnelles Ende

Auf Antrag des Bildungsdepartementes hat die Regierung vor den Sommerferien den vergessenen Paragrafen in einem Schnellverfahren wieder in die Verordnung eingefügt. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Oder, wie die Sektionschefin es ausdrückte: «Man muss zu einem Fehler stehen und ihn bei nächstmöglicher Gelegenheit korrigieren.» Der grosse FMS-Jahrgang, der auf einem Fehler beruht, wird also ein Unikat bleiben.

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