Bezirksgericht Zofingen
Gift, Gas, Auftragskiller und Feuer: Versuchte die Frau sich selbst oder ihren Ehemann zu töten?

Vor Bezirksgericht Zofingen musste sich am Donnerstag eine Frau verantworten, der vorgeworfen wird, mehrfach versucht zu haben, ihren Mann zu ermorden. Sie stritt die meisten Vorwürfe ab. Und erzählte eine andere Geschichte.

Raphael Karpf
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Die Beschuldigte soll ihren Ehemann angezündet haben.

Die Beschuldigte soll ihren Ehemann angezündet haben.

Alfi Moor

Philipp* schlief, als er etwas Kaltes spürte. Kurz darauf hörte er ein Klicken wie von einem Kugelschreiber. Oder einem Feuerzeug. Sekunden später brannte seine Bettdecke.

Philipp reagierte ausgezeichnet. Er versuchte, das Feuer zu löschen. Als er merkte, dass das nicht funktionierte – über die Decke war Benzin gegossen worden – sagte er seiner Frau, die schreiend am Bettende stand, ihm auf den Balkon zu folgen. Er schlug das Fenster zum Zimmer nebenan ein, holte zusammen mit der Frau die beiden Kinder aus dem brennenden Haus und rettete alle ins Freie.

Erst danach merkte er, dass er schwerste Verbrennungen erlitten hatte. Mit einem Helikopter wurde er ins Spital geflogen. Philipp überlebte. Die Narben hat er bis heute.

Noch am selben Tag in jenem Sommer 2017 wurde Philipps Frau verhaftet. Der Verdacht: Sie soll das Feuer gelegt haben. Um ihren Mann zu töten.

Diesen Donnerstag musste sich die 33-Jährige vor dem Bezirksgericht Zofingen verantworten. Die Vorwürfe: nebst Betrug, mehrfacher Urkundenfälschung, mehrfachem Pfändungsbetrug und qualifizierter Brandstiftung auch versuchte Anstiftung zum Mord und mehrfacher versuchter Mord.

Der Video-Beitrag zum Prozess.

TeleM1

Mehrfach soll sie versucht haben, ihren Mann zu töten

Denn sie soll ihren Mann nicht nur in der Brandnacht zu töten versucht haben. Sondern auch fünf Mal vorher: mit Gift, Gas und sogar einem Auftragsmörder.

Auch Philipp nahm an der Verhandlung in Zofingen teil. Ursprünglich war er aus einem anderen Zimmer via Skype zugeschaltet. Doch die Qualität war so schlecht, dass er für die Befragung doch in den Gerichtssaal kommen musste. Ob es ok für ihn sei, mit ihr im selben Raum zu sein? Philipp bejahte.

Dann schilderte er relativ kurz und trocken, wie er die Geschehnisse erlebt hatte. Wie er brennend erwachte. Wie er das Feuer zu löschen versuchte – «wegen des Benzins hatte ich keine Chance». Und was seinen Kindern passiert wäre, wenn er sie nicht gerettet hätte – «sie wären wohl verbrannt, sicherlich aber am Rauch erstickt».

Schwere Persönlichkeitsstörung bei der Beschuldigten

Von aussen könnte man meinen, die beiden hätten ein fast bilderbuchhaftes Familienleben geführt. Philipp kam abends nach der Arbeit nach Hause, wo es Birchermüesli gab, das vom Zmittag übrig geblieben war. Sie kümmerte sich um die beiden Kinder und kandidierte in der Lokalpolitik. Selbst am Tag nach dem Brand hatte Philipp keine Ahnung, was tatsächlich alles fast geschehen wäre. Er sei zufrieden gewesen in der Beziehung, sagte er. Grössere Probleme hätten sie keine gehabt. Erst später erfuhr er von den Ereignissen:

«Du weisst nicht, woran du bist, und erfährst nach und nach solche Sachen. Ich kann das Ganze nicht verstehen.»

Philipps Frau kümmerte sich um die Finanzen. Und war damit überfordert. Mehrere zehntausend Franken Schulden häufte die Familie an, ohne dass Philipp davon wusste. Doch dieses «Versagen», wie es die Psychiaterin nannte, durfte unter keinen Umständen bekannt werden. Unter keinen Umständen. Das sei die zentrale Prämisse dieser Frau, sagte die Ärztin, die das psychiatrische Gutachten für das Gericht erstellt hatte.

Philipps Frau leidet unter einer kombinierten Persönlichkeitsstörung. Seit ihrer Kindheit – der Vater sei entweder nie zu Hause oder besoffen gewesen und habe sie sexuell missbraucht – hat sie ein sehr geringes Selbstwertgefühl. Dieses versucht sie mit allen Mitteln zu kompensieren. Sie muss um jeden Preis nach aussen wie eine starke, toughe und attraktive Frau wirken. Oder in den Worten des Staatsanwalts:

«Sie stellte das Bild, das andere vor ihr haben, über das Leben ihres Mannes und ihrer Kinder.»

Die Mittel werden immer extremer

Deshalb griff sie zu immer extremeren Mitteln, um die Schulden zu verheimlichen. Sie fälschte Bankauszüge, um die Misere von ihrem Mann zu verheimlichen. Sie liess vom Betreibungsamt bei Pfändungen die Miete abziehen, obwohl diese Philipp direkt vom Lohn abgezogen wurde. Dadurch verhinderte sie, dass die Gläubiger zu ihrem Geld kamen. Und schliesslich gab sie ihrem Arbeitgeber sogar an, an Krebs erkrankt zu sein, obwohl das nicht stimmte. Dafür fälschte sie ein Arztzeugnis.

Das Betreibungsamt kam ihr aber trotzdem auf die Schliche. Sie bekam einen Anruf, dass sie angezeigt und von der Polizei vorgeladen würde. Da brach ihr ganzes Konstrukt zusammen.

Zu diesem Zeitpunkt hat sie wegen ihrer Störung moralisch fragwürdige Auswege aus der Situation gesucht, so ihre Psychiaterin. Auswege, die ein «normaler» Mensch gar nicht in Betracht ziehen würde.

Irgendwie an Geld zu kommen, war einer der Gedanken. Doch sie fand keinen Weg. Suizid war ein anderer. Und schliesslich, so zumindest laut Staatsanwaltschaft, wurde auch der Mord an ihrem Mann eine Option. Und mit gefälschten Abschiedsbriefen habe sie ihm die Schuld in die Schuhe schieben wollen.

Gas im Schlafzimmer, Gift im Essen

Mit Argon und später mit Propangas habe sie versucht, das Schlafzimmer zu füllen. Beides Mal überlebte der Mann, ja bemerkte, abgesehen vom Gasgeruch, am Morgen nicht einmal etwas. Und zweimal versuchte sie ihn zu vergiften: einmal mit Gift im Kartoffelsalat, einmal mit Gift im Birchermüesli. Das eine Mal ass Philipp nichts davon, das andere Mal verbrachte er Stunden über der WC-Schüssel oder zitternd auf dem WC-Boden. Doch auch da überlebte er.

Und einmal schrieb sie einem Hooligan mit einem neu gekauften Handy mit Prepaidkarte, dass sie jemanden suche, der für Geld Gewalt ausüben würde. Darauf erhielt sie nie eine Antwort. Gleichzeitig rückte der Termin bei der Polizei immer näher, und Philipps Frau sei immer verzweifelter geworden. Bis sie ihn schliesslich in der Nacht vor dem Termin mit Benzin übergoss und anzündete, während die Kinder nebenan schliefen.

Die meisten Mordversuche werden bestritten

Nur diese letzte Tat gestand die Frau. Alle anderen angeblichen Mordversuche bestritt sie. Sie habe damals versucht, sich selbst zu töten. Erst beim Brand habe es geheissen: «Er oder ich.»

Allerdings sprach eine erdrückende Fülle von Indizien gegen sie. Sie hatte jeweils vor den angeblichen Taten nach verschiedenen Tötungsmethoden gegoogelt. «Jemanden unbemerkt vergiften» hatte sie etwa gegoogelt. Und nicht zum Beispiel «wie vergifte ich mich». Im Birchermüesli wurden Spuren von Eiben gefunden. Sie hatte tatsächlich das SMS an den Auftragskiller gesendet. Und sie hatte Abschiedsbriefe in Philipps Namen geschrieben, in denen er die Schuld angeblich auf sich nahm.

Das seien alles unglückliche Zufälle, beteuerte die Frau vor Gericht. Nichts davon würde stimmen oder hätte andere Ursachen, sie würde Philipp lieben und würde das auch immer tun.

Am Ende der Befragung meinte der Gerichtspräsident zur Beschuldigten: «Viele Indizien sprechen gegen Sie. Meinen Sie nicht, es wäre gut für Sie, für Ihren Ex-Mann und Ihre Kinder, wenn Sie zu den anderen Taten noch etwas sagen würden?»

Das tat die Frau nicht. Sie blieb bei ihrer Geschichte.

Die Staatsanwaltschaft beantragt 15 Jahre Gefängnis. Die Strafe soll allerdings für eine stationäre Massnahme aufgeschoben werden. Das heisst, sie würde für fünf Jahre stationär therapiert werden. Diese Massnahme könnte aber verlängert werden, sollte sie nicht den gewünschten Effekt haben.

Der Verteidiger widersprach. Eine stationäre Massnahme sei nicht geeignet. Er forderte stattdessen eine Gefängnisstrafe für acht Jahre. Daran sollen die dreieinhalb Jahre, die die Frau bereits im Gefängnis sitzt, angerechnet werden.

Zu einem Urteil kam das Gericht noch nicht. Dieses soll am Freitag ergehen.

Die Frau hat seit über einem Jahr keinen Kontakt mehr zu ihren Kindern. Philipp schickt ihr hin und wieder einen Brief ins Gefängnis, um sie auf dem Laufenden zu halten. Jeweils zu Weihnachten und an Geburtstagen gibt er den Kindern eine vorfrankierte Karte, die sie ihrer Mutter schicken könnten. Das haben sie bisher nicht getan.

*Name geändert