Bezirksgericht Muri
Damalige Freundin platzte in Vergewaltigung einer Prostituierten – Angeklagter muss über acht Jahre ins Gefängnis

Heute Donnerstag wurde vor dem Bezirksgericht Muri das Urteil verlesen, in einem Prozesse, der am Dienstag begonnen hat, die Anklageschrift umfasst ganze 25 Seiten. In den Hauptanklagepunkten gaben die Richter der Staatsanwaltschaft recht.

Dominic Kobelt
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Das Wichtigste in Kürze:

  • Ein 36-Jähriger steht vor dem Bezirksgericht Muri, weil er mehrere Frauen vergewaltigt haben soll.
  • Es werden ihm rund 20 weitere Vergehen vorgeworfen, wie Drohung, Nötigung und Drogendelikte.
  • Am Dienstag sagten eine Gutachterin, die Ex-Freundin, ein Opfer, und ein Polizist aus. Auch der Beschuldigte wurde befragt, er bestreitet die Vorwürfe. Am Donnerstag wurden die Plädoyers verlesen.
  • Die Staatsanwaltschaft beantragte zehn Jahre Freiheitsstrafe, eine unbedingte Geldstrafe von 4800 Franken und eine Busse von 3000 Franken. Zudem ist eine stationäre Massnahme beantragt. Der Verteidiger verlangte in den Hauptanklagepunkten einen Freispruch.
  • Die Richterinnen und Richter verurteilen den Beschuldigten zu acht Jahren und zwei Monaten Freiheitsstrafe, hinzu kommt eine stationäre Massnahme. Er muss einem Opfer eine Genugtuung von 20'000 Franken bezahlen.

Was bisher im Prozess geschah

Die Situation, die die damalige Freundin zuhause vorfindet, ist unvorstellbar: Sie erwischt ihren Freund, mit dem sie seit acht Jahren in einer Beziehung lebt, mit einer Prostituierten. Bezahlt wurde sie auch mit Taschen und Schmuck, die der Freundin gehörten. Doch damit nicht genug: Als der Freund aus der Wohnung geflüchtet ist, erzählt ihr die Prostituierte, dass sie vergewaltigt wurde. Sie glaubt ihr.

Weil die Polizei davon ausgeht, dass der Mann mit einer Schusswaffe unterwegs ist, ist in Boswil ein Grossaufgebot der Kapo auf der Suche nach ihm, auch ein Helikopter kommt zur Unterstützung.

Nach der Untersuchungshaft wird er wieder freigelassen, weil keine Kollusionsgefahr besteht und er gelobt, sich geändert zu haben. Die Vorwürfe der Vergewaltigung bestreitet er. Doch in den nächsten zwei Jahren soll es zu mehreren weiteren Sexualdelikten gekommen sein.

In einer psychiatrischen Klinik lernte er eine andere Patientin kennen. Sie litt an einem posttraumatischen Belastungssyndrom in Folge einer Vergewaltigung und hatte zudem ein Drogenproblem. Ihr soll er Drogen angeboten haben und dann die Abhängigkeit ausgenutzt haben, um Sex zu verlangen. Später soll es dann auch zu einer Vergewaltigung unter Drogeneinfluss gekommen sein.

Ein Gutachten geht von einer «kombinierten Persönlichkeitsstörung mit dissozialen und narzisstischen Zügen» aus, der Beschuldigte habe einen hohen Psychopathie-Wert, führte die Gutachterin am Dienstag aus.

Deshalb beantragte die Staatsanwaltschaft eine stationäre Massnahme, zehn Jahre Freiheitsstrafe, eine unbedingte Geldstrafe von 4800 Franken und eine Busse von 3000 Franken.

Der Angeklagte bestritt die Vorwürfe und erklärte, die Frauen wollten sich an ihm rächen. Der Verteidiger verlangt in den Hauptanklagepunkten einen Freispruch.

Das Urteil

Das Gericht folgt in den meisten Punkten der Anklage: Der Beschuldigte wird unter anderem wegen mehrfacher sexueller Nötigung und qualifizierter Vergewaltigung verurteilt. Die Richter ordnen eine Freiheitsstrafe von acht Jahren und zwei Monaten an, zudem eine Übertretungsbusse von 600 Franken. Ebenfalls wird eine stationäre psychiatrische Behandlung angeordnet. Er muss einem seiner Opfer eine Genugtuung von 20'000 Franken bezahlen, die restlichen Forderungen werden auf den Zivilweg verwiesen.

Gerichtspräsidentin Simone Baumgartner sagte in der Urteilsbegründung, es sei ein sehr spezieller Fall gewesen, nicht nur wegen der 25-seitigen Anklageschrift und der Menge der vorgeworfenen Delikte. «Bei den Vergewaltigungsvorwürfen mussten wir uns ausschliesslich auf Aussagen stützen, und diese standen sich diametral entgegen.» Diese Fälle seien schwierig zu beurteilen. «Wir sind uns der Tragweite unserer Entscheidung bewusst.»

Am Montag schilderte die Gutachterin, die den 36-Jährigen beurteilt hatte, wie dieser zwei Gesichter zeigte – zuerst charmant, freundlich, einnehmend, und dann aggressiv und unkooperativ, als er mit Widersprüchen konfrontiert wurde. Auch die Ex-Freundin, ein Opfer und ein Polizist, der den Beschuldigten verhaftete, berichteten von einer plötzlichen Wesensänderung. «Sie zeigen dieses zweite Gesicht immer wieder», schilderte Baumgartner.

Schliesslich haben die Richterinnen und Richter auch ausgiebig analysiert und darüber beraten, ob eines der Opfer einen Grund hatte, falsche Anschuldigungen zu erheben und kamen zum Schluss, dass dies nicht der Fall ist. Es habe in den Aussagen des Opfers als auch in denen des Angeklagten Widersprüche gegeben. Die Aussagen der Opfer wirkten jedoch glaubhaft, Abweichungen liessen sich durch die traumatischen Erlebnisse erklären.

Zur Anordnung der stationären Massnahme sagt Baumgartner: «Es liegt eine schwere psychische Störung vor, die mit der Tat in Verbindung steht. Es gibt Heilungsaussichten, auch wenn sie gering sind.» Wenn sich der Angeklagte weiterhin uneinsichtig zeige, sei sicherlich irgendwann eine sichernde Massnahme auf dem Tapet.

Die Staatsanwaltschaft zeigte sich nach Prozess mit dem Urteil zufrieden. Wie Mediensprecher Adrian Schuler im Interview mit TeleM1 betonte, sei dies auch ein Zeichen an die Opfer von sexueller Gewalt, dass solche Verbrechen hart bestraft würden.

Das Urteil kann vor Obergericht weitergezogen werden.

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