Bezirksgericht
GC-Hooligan schoss am Bahnhof Aarau Leuchtkugeln auf Passanten – das Gericht gibt ihm eine letzte Chance

Nach dem Fussballspiel zwischen dem FC Aarau und den Grasshoppers am 2. August 2019 kam es am Bahnhof Aarau zu massiven Fanausschreitungen. Mittendrin war ein GC-Hooligan, der Leuchtkugeln auf Passanten schoss. Nun müsste er 18 Monate ins Gefängnis – erhält aber noch die Chance, sich in einer ambulanten Therapie zu beweisen.

Fabian Hägler
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GC-Hooligans attackierten am 2. August 2019 in Aarau die Polizei und Passanten – einer von ihnen stand nun wegen versuchter schwerer Körperverletzung vor dem Bezirksgericht Aarau.

GC-Hooligans attackierten am 2. August 2019 in Aarau die Polizei und Passanten – einer von ihnen stand nun wegen versuchter schwerer Körperverletzung vor dem Bezirksgericht Aarau.

Boris Bürgisser

Derzeit herrscht Freude bei allen Fussballfans in der Schweiz, weil sich die Nati mit dem historischen Sieg gegen Frankreich für den Viertelfinal an der Europameisterschaft qualifiziert hat. Bei allen Fans? Nicht ganz, denn am Mittwoch stand in Aarau der 31-jährige Daniel (Name geändert) vor Gericht. Der langjährige GC-Fan war am 2. August 2019 trotz eines Stadionverbots im Brügglifeld und feuerte später am Bahnhof mehrere Feuerwerkskörper auf einen Passanten ab.

Die Partie war als Hochrisikospiel eingestuft, im Brügglifeld wurden zusätzliche Sicherheitsleute eingesetzt, die Polizei stand mit einem grossen Aufgebot bereit. Im Stadion selber blieb es relativ ruhig, doch am Bahnhof kam es nach dem Spiel zu massiven Ausschreitungen. Dies zeigt die Anklageschrift gegen den Grasshoppers-Hooligan, der sich wegen versuchter schwerer Körperverletzung sowie Land- und Hausfriedensbruchs vor Gericht verantworten musste.

GC-Fans attackierten Polizisten und Passanten am Bahnhof

Für das Spiel waren rund 600 GC-Fans mit einem Extrazug nach Aarau gereist, nach dem Spiel sollten sie auch so wieder nach Zürich transportiert werden. Doch vor der Abfahrt randalierten die Hooligans auf dem Bahnhof Aarau: «Insbesondere schossen mehrere GC-Anhänger aus dem wartenden Extrazug Feuerwerkskörper gezielt auf die wartenden Reisenden und die dort wartende Transportpolizei», heisst es in der Anklageschrift.

Danach stürmten 25 bis 40 Fans über die Gleise, warfen Schottersteine auf die Polizisten und Passanten und feuerten erneut Feuerwerk ab. Die Polizei reagierte mit Gummischrot und konnte die GC-Fans damit zum Gleis zurückdrängen, wo der Extrazug stand. Damit war die Auseinandersetzung aber nicht beendet: Zürcher Hooligans beschossen Polizisten, die sich in der Bahnhofsunterführung befanden, minutenlang mit Knallkörpern und Pyros. Zudem flogen erneut Schottersteine und Bierflaschen gegen die Polizei, später warfen sie einen Feuerlöscher und einen Transportwagen der SBB die Treppe hinunter auf die Polizisten.

Der Beschuldigte zielte mit Leuchtkugeln bewusst auf eine Person

Mitten in diesem Tumult zündete Daniel eine sogenannte römische Kerze und feuerte aus einem geöffneten Fenster des Extrazugs heraus insgesamt vier Leuchtkugeln in Richtung des Perronabgangs. In der Anklageschrift heisst es dazu:

«Spätestens vor dem Abfeuern des dritten Effektkörpers sah der Beschuldigte von seiner erhöhten Position eine Person im Abgang stehen. Dennoch zielte er mit dem Feuerwerkskörper weiterhin in deren Richtung und versuchte, diese zu treffen.»

Daniel zielte also bewusst auf eine Person, die auf der Treppe stand, und hätte diese auch fast getroffen. «Die dritte Leuchtkugel prallte beim Geländer auf, in unmittelbarer Nähe des Kopfbereichs der Drittperson», heisst es dazu in der Anklageschrift.

Gerichtspräsident Andreas Schöb sagte bei der Verhandlung, dass die Person keine Chance gehabt habe, der Leuchtkugel auszuweichen. Gemäss einem Gutachten brauchte die Kugel für die gut sieben Meter zwischen Daniel und dem Perronabgang rund 0,6 Sekunden, die Reaktionszeit eines Menschen liegt bei mindestens einer Sekunde.

Glücklicherweise wurde die unbekannte Drittperson durch die Leuchtkugel nicht verletzt, Daniel sei aber bewusst gewesen, dass diese bleibende Verletzungen am Kopf hätte davontragen können, heisst es in der Anklageschrift weiter. Der Beschuldigte anerkannte alle Vorwürfe – den Hausfriedensbruch durch den Verstoss gegen das Stadionverbot im Brügglifeld, den Landfriedensbruch und die versuchte schwere Körperverletzung wegen seines Verhaltens am Bahnhof.

Therapie, kein Alkohol und regelmässige Kontrollen

Daniel und sein Pflichtverteidiger Luc Humbel hatten sich schon vor der Verhandlung mit Staatsanwalt Alain Saner auf einen Urteilsvorschlag und ein Strafmass geeinigt. Demnach wurde der GC-Hooligan zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von 18 Monaten verurteilt, die er aber nicht antreten muss, wenn eine ambulante Therapie erfolgreich verläuft. Daniel muss alle zwei Wochen eine Therapiesitzung absolvieren und die verordneten Medikamente zuverlässig einnehmen. Zudem darf er weder Alkohol noch Drogen konsumieren, dies wird mit regelmässigen und unangemeldeten Kontrollen überprüft.

Das Bezirksgericht Aarau bestätigte dieses Strafmass, wobei Gerichtspräsident Schöb dem Beschuldigten zu verstehen gab, dass dies seine letzte Chance sei, einer Freiheitsstrafe zu entgehen. Sollte er sich nochmals etwas zu Schulden kommen lassen, würde ihn jedes Gericht ins Gefängnis schicken. Es handle sich nicht um eine Auseinandersetzung zwischen Fans, hier seien auch Unbeteiligte gefährdet gewesen, deshalb habe das Bezirksgericht länger diskutiert, ob der Aufschub der Freiheitsstrafe zu Gunsten der Therapie gerechtfertigt sei.

Fan muss Kosten von über 20'000 Franken tragen

«Aber wir glauben Ihnen, dass Sie sich geändert haben, und wir trauen Ihnen zu, die Therapie erfolgreich abzuschliessen», sagte Schöb. Daniel betonte, er habe seit dem Vorfall vor zwei Jahren kaum mehr Kontakt mit der Fanszene und sei nicht mehr bei der GC-Gruppierung dabei. Dank der Therapie, die seit längerem läuft, habe er gelernt, seine Gefühle besser zu kontrollieren, und sei emotional stabiler geworden.

Daniel war ursprünglich Dachdecker, kann seinen Beruf wegen Schwindelanfällen aber nicht mehr ausüben. Derzeit bezieht er Krankentaggeld und ist in einem Umschulungsprogramm der IV. Die Verfahrenskosten und die Anklagegebühr, die zusammen fast 20'000 Franken betragen, sowie das Honorar seines Verteidigers wolle er in Raten abzahlen.

Der Beschuldigte bedankte sich dafür, dass das Gericht ihm eine Chance gebe, und sagte: «Ich hoffe, dass ich irgendwann wieder mal ein Fussballspiel besuchen darf, um es einfach zu geniessen.» Den Sieg der Schweiz über Frankreich am Montag hat Daniel zu Hause vor dem Fernseher verfolgt. «Mit etwa zehn Beruhigungstees und ohne Alkohol», sagte er auf die Frage seines Verteidigers.