Bezirksgericht Baden
Ein Mordfall soll verhandelt werden – und vor Gericht wird über Prostituierte und Penisfotos diskutiert

Im Mai 2019 wurde ein Mann in Killwangen erstochen. Diese Woche steht der mutmassliche Mörder vor dem Bezirksgericht Baden. Am ersten Verhandlungstag beteuerte der Mann seine Unschuld. Und hat als Erklärung eine aussergewöhnliche Geschichte bereit.

Raphael Karpf
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Der Beschuldigte wird am Morgen in Handschellen und Fussfesseln vor das Gericht gebracht.

Der Beschuldigte wird am Morgen in Handschellen und Fussfesseln vor das Gericht gebracht.

Tele M1

Die Polizei brachte den Beschuldigten am Montagmorgen in Hand- und Fussfesseln vor die Richterinnen und Richter im Bezirksgericht Baden. Während der Verhandlung wurden ihm die Handschellen abgenommen. Er brauchte seine Hände: Der 43-jährige Schweizer mit montenegrinischen Wurzeln hatte einen ganzen Stapel Papiere vor sich, in denen er immer wieder wühlte, verschiedene Dokumente herausfischte und den Richtern übergab. «Ich werde heute beweisen, dass ich damit nichts zu tun habe», sagte er ganz zu Beginn der Verhandlung.

Nach dem Prozesstag wird der Beschuldigte wieder abgeführt.
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Der Beschuldigte am ersten Prozesstag vor dem Bezirksgericht Baden am 17. Mai 2021.
Vor dieser Garage in Killwangen wurde der 57-jährige Montenegriner erstochen.
Der Mann hinterlässt eine Frau und drei erwachsene Kinder.
Auf der Strasse ist ein Fleck zu sehen – ist es abgewaschenes Blut des Opfers?
Das Tötungsdelikt ereignete sich an der Zelgmattstrasse in Killwangen.
Blick von oben auf die Zelglimattstrasse in Killwangen - hier wurde ein Mann in der Nacht auf Sonntag getötet
In diesem Block wohnte das Todesopfer.
In der Nähe des Tatortes hängt eine Videokamera - es handelt sich laut Informationen von Tele M1 aber um eine Attrappe.

Nach dem Prozesstag wird der Beschuldigte wieder abgeführt.

Tele M1

Der Angeklagte wird des Mordes beschuldigt. Am 5. Mai 2019, um drei Uhr nachts, soll er einen Mann vor dessen Garage erstochen haben. Das Opfer war der Onkel der Frau des Beschuldigten. Die Situation zwischen den beiden Familien sei schon länger angespannt gewesen, so die Staatsanwaltschaft. Es sei dem Beschuldigten darum gegangen, einen lästigen Menschen zu beseitigen. Ihm drohen 17 Jahre Gefängnis. Er bestreitet die Tat.

Und das tat er am ersten Prozesstag äusserst wortreich. Etwa 30 Minuten lang sprach er von einer Gesundheitsapp auf seinem Handy. Die darauf gespeicherten Standorte sollen belegen, dass er zum Tatzeitpunkt nicht in der Nähe des Opfers gewesen sein soll. Und am Nachmittag sprach er eine Stunde von der Familie des Opfers: Sie hätten ein gutes Verhältnis gehabt, erzählte er unter Tränen. Nur wenige Meter entfernt sassen die Frau und drei Kinder des Opfers. Sie schüttelten mehr als einmal die Köpfe.

Ein Auto und Handydaten als Beweise

Einige Indizien sprechen gegen den Beschuldigten. In der Nacht des Mordes war das Opfer in Schlieren an einem montenegrinischen Fest. Kurz vor drei Uhr fuhr der Mann nach Hause. Dabei wurde er von einem grauen Kombi, vermutlich einen älteren Audi A4, verfolgt. Das fand die Polizei heraus, die dazu stundenlang Videoaufnahmen von Tankstellen und Bussen ausgewertet hatte. Der Audi traf eine Minute nach drei in der Zelgmattstrasse in Killwangen ein. Und ziemlich genau vier Minuten später fuhr er wieder weg. Der Beschuldigte besass zu diesem Zeitpunkt einen solchen Audi.

Der Beschuldigte wird von der Polizei nach dem ersten Prozesstag wieder abgeführt.

Der Beschuldigte wird von der Polizei nach dem ersten Prozesstag wieder abgeführt.

Tele M1

Und etwa um 5 nach 3 Uhr nachts schleppte sich das Opfer in seine Wohnung, wo seine Familie - er hatte Frau und drei Kinder - erste Hilfe leistete. Sieben Mal war auf den Mann eingestochen worden, er hatte Schnittverletzungen an der Stirn und am Kiefer sowie mehrere Stichwunden am Arm, in der Brust und am Oberschenkel. Minuten später wurde er von der Ambulanz ins Kantonsspital Baden gebracht. Dort verblutete er zwei Stunden später. Ein Stich hatte die Arterie in seinem Oberarm durchtrennt.

So berichtet der TV-Sender «Tele M1» über den Fall.

Tele M1

Wenig später verkaufte der Beschuldigte sein Auto. Für die Polizei ein Indiz, dass er es nach der angeblichen Tat loswerden wollte. Der Beschuldigte sagte vor Gericht, es sei kaputt gewesen.

Monate nach der Tat wurde das Auto auf Blutspuren untersucht. Tatsächlich konnten an mehreren Stellen Blut nachgewiesen werden: Auf dem Teppich, auf dem Bremspedal, an der Gurtschnalle, beim Schalthebel und an der Sonnenblende. Allerdings waren es nur sehr geringe Mengen.

Das Auto sei, als sie es untersucht hatten, sehr sauber gewesen, sagte der zuständige Polizist vor Gericht. Möglicherweise war es nach der Tat gereinigt worden, so der Verdacht. Weil nun aber nur noch so wenige Spuren vorhanden waren und das Auto zwischenzeitlich von anderen Personen gebraucht worden war, konnte das forensische Institut nicht einmal sagen, ob es sich um menschliches oder tierisches Blut handelte. Geschweige denn, ob es das Blut des Opfers war, dass zu diesem Zeitpunkt von den Händen oder Kleidern des Beschuldigten getropft sein soll.

Auch die Handydaten wertete die Polizei aus: Das Handy des Beschuldigten war zum Tatzeitpunkt in dem Gebiet, in dem auch der graue Audi unterwegs war.

Eine ominöse Vermittlerin von Prostituierten sei an allem Schuld

Das sei Zufall, sagte der Beschuldigte vor Gericht. Und er tischte als Erklärung eine Geschichte auf, die den Grossteil des Morgens und auch noch einen Teil des Nachmittags des ersten Prozesstages füllte.

Der Mann lebte ein Doppelleben: Auf der einen Seite der berufstätige Ehemann und Familienvater. Auf der anderen der Casanova, der eine Vermittlerin gehabt haben soll, die ihm regelmässig Frauen besorgte. Oftmals habe er sich mit ihnen im Gartenhaus im Schrebergarten getroffen. Und sogar in den Ferien hätte er organisieren können, dass er in den Hotels Frauenbesuch bekam.

Es sei nun diese ominöse Vermittlerin gewesen, die öfters unter Drogeneinfluss gestanden haben soll, die in der Tatnacht mit seinem Handy und Auto unterwegs gewesen sein soll. Angeblich um Zigaretten und Prosecco für ihn zu holen, während er sich im Gartenhaus vergnügte. Diese Frau soll öfters seine Handys benutzt haben, damit unter anderem anderen Männer geschrieben und sie als Kunden für ihre Vermittlungsdienste angeworben haben. Sie habe mehrere Penisfotos dieser Kunden auf einem seiner Handys gespeichert.

Hatte die Frau des Beschuldigten ein Verhältnis?

Und diese ominöse Frau sei auch für einen weiteren Vorfall verantwortlich: Im Herbst 2018 und kurz vor der Tat, im März 2019, wurde das spätere Opfer via Facebook von zwei Frauen kontaktiert. Dem Opfer sollen sexuelle Avancen gemacht worden sein, unter anderem mit einem Foto von der Frau des Beschuldigten.

Hinter den beiden Facebookprofilen soll in Tat und Wahrheit der Beschuldigte gesteckt haben, so die Staatsanwaltschaft. Er habe versucht herauszufinden, ob das Opfer mit seiner Frau ein Verhältnis gehabt hatte. Auch all das soll diese Vermittlerin mit einem seiner Handys getan haben, behauptete der Beschuldigte. Wieso sie aber gerade diesem Mann ein Foto seiner Frau geschickt habe, fragte der Richter. Worauf der Beschuldigte antwortete: «Weil sie selbst aussah wie ein Zombie.»

Wieso diese Vermittlerin dem Opfer aber geschrieben haben soll, dass sie doch verwandt seien, und ob er keine Angst habe, dass das ans Tageslicht kommen würde, konnte der Mann nicht beantworten.

Am Dienstag geht die Verhandlung weiter. Das Urteil soll am Mittwochnachmittag ergehen.